Finale

Der Rest der Welt

Ich fuhr in die Wälder ... Foto: Xurzon

Ich bin ja eigentlich im Wald aufgewachsen. Die ersten 13 Jahre meines Lebens verbrachte ich in einem Plattenbau am Rand der belarussischen Hauptstadt Minsk – zumindest unter der Woche.

Doch an den Wochenenden setzten wir uns in eine »Elektritschka«, wie die notorisch überfüllten Vorortzüge genannt wurden, und fuhren in das etwa 70 Kilometer nördlich gelegene Städtchen Molodetschno, in dem damals mein Großvater wohnte. Mit seinem hellblauen »Saporoschez« – einem sehr kleinen, alten und dennoch unverwüstlichen Auto – ging es dann zum Beeren- und Pilzesammeln in einen der vielen nahe gelegenen Wälder.

Sicherheitsgurt Was so romantisch klingt, war auch immer wieder ein Abenteuer! Nicht nur, weil wir es mit schöner Regelmäßigkeit schafften, zu siebt in dem alles andere als geräumigen Saporoschez unterzukommen. Auch das Wort Sicherheitsgurt war uns, zumindest auf der Rückbank, irgendwie fremd. Das große Abenteuer aber begann im Wald.

Die Erwachsenen wussten zwar ganz genau, welcher Waldabschnitt wann welche Pilze und Beeren verspricht. Mit der Orientierung hingegen war es so eine Sache. Stundenlang wanderten wir durch die nicht wirklich befestigten oder gar ausgeschilderten Waldwege. Wenn die vereinbarte Uhrzeit der Rückfahrt dann nahte, kamen uns in den 90er-Jahren keine Mobiltelefone zu Hilfe.

Wir mussten mitunter laut in den Wald hineinrufen, um einander – und vor allem den hellblauen Saporoschez – wiederzufinden. Was für eine Freude war es dann, wieder im Wagen zu sitzen und zurück nach Molodetschno zu fahren!

Pilze Auch heute, ein Vierteljahrhundert später, bleibt der Wald für mich ein Quell von Abenteuern. Der Frankfurter Stadtwald eignet sich zwar nicht unbedingt zum Pilzesammeln – aber umso mehr zum frühmorgendlichen Joggen! Auf meiner Laufstrecke liegt ein größerer Weiher, der auch von vielen Wasservögeln frequentiert wird. Mehrmals musste ich Bekanntschaft mit Gänsen machen, die meinten, ihren Nachwuchs gegen einen schmächtigen Jogger verteidigen zu müssen.

Mittlerweile habe ich großen Respekt vor diesen Tieren! Jedes Mal bin ich gespannt, ob wieder eine Gans laut fauchend meine Laufstrecke versperrt. Denn dann muss ich ausweichen und wieder neue Wege durch den Stadtwald finden. Wer weiß, vielleicht verlaufe ich mich ja auch irgendwann und komme unverhofft zum hellblauen Saporoschez aus meiner belarussischen Kindheit.

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