Glosse

Der Rest der Welt

Frisch, Goethe oder Bibel? Foto: Getty Images/iStockphoto

Glosse

Der Rest der Welt

Suche Job, biete Lieblingsbuch

von Beni Frenkel  28.07.2021 17:05 Uhr

Ich suche gerade einen Job. Irgendwas mit Journalismus. Mit meinen 44 Jahren bin ich für vieles zu alt. Ich hasse Facebook und Instagram, das sage ich auch in den Vorstellungs­gesprächen. Zu vielen werde ich allerdings nicht eingeladen. Die Frau in der Arbeitsvermittlung schärft mir immer wieder ein, dass ich mich in den sozialen Netzwerken dynamischer präsentieren soll.

Ich glaube nicht, dass das etwas bringt. Ich bin nicht dynamisch. Wenn ich mich beschreiben muss, fallen Ausdrücke wie faul, gelangweilt, hobbylos. Vergangene Woche wurde ich dann doch zu zwei Vorstellungsgesprächen eingeladen. Das hat mich sehr gefreut. Ich habe mich sogar rasiert. Eigentlich verliefen beide Gespräche gut. Ich sagte nicht, dass ich faul und gelangweilt sei. Ich sagte auch nicht, dass ich Facebook, Twitter und Instagram zutiefst verabscheue. Nein, ich gab vor: »Im Geist bin ich eigentlich wie 20.«

Max Frisch Beide Male fragte mich dann der Chefredakteur: »Und, welches Buch lesen Sie gerade?« Zweimal geriet ich ins Stottern. Das letzte Buch, das ich wirklich bis zum Ende gelesen hatte, stammte aus der Abizeit. Etwas von Goethe oder Max Frisch. Ich weiß es nicht mehr.

Für einen Juden natürlich peinlich. Ich bin ja ein Vertreter des Volkes des Buches. Zumindest denken viele Nichtjuden, dass wir Büchernarren sind und auch auf der Toilette lesen. Das tue ich nicht. Ich lese keine Bücher auf der Toilette.

Ich antwortete: »Ich lese prinzipiell keine Bücher.« Als ich das sagte, dachte ich mir: Das hörte sich jetzt sicher wie ein Covidiot an – »prinzipiell«. So antworten Leute, die keine Masken tragen und sich nicht impfen lassen wollen.
Nicht nur ich dachte so, ziemlich sicher auch beide Chefredakteure. Sie guckten mich bestürzt an. Ein Journalist, der keine Bücher liest? Das ist wie ein Chirurg ohne Hände. Oder ein Systemkritiker. Auf jeden Fall suche ich noch immer einen Job.

Bibel Im Prinzip lese ich schon ein Buch, die Bibel. Jede Woche einen Abschnitt. Aber wer geht heutzutage aus der Deckung und sagt: »Mein Lieblingsbuch? Die Bibel!« Wie reagieren da wohl HR-Frauen – die aus der Personalabteilung?

Und als mein Lieblingsbuch würde ich die Bibel auch nicht bezeichnen. Mich stört zum Beispiel, dass viele Berufe vorkommen: Fischer, König, Hirt, Makler, Hausfrau, Musiker, Hure. Aber: Journalist fehlt. Die Medienkrise ist also nicht unbedingt neu. Wie weiter? Zum Glück arbeitet die Frau. Ich könnte also auch etwas Neues suchen. Also, wenn es nichts wird, dann sattle ich um. Auf Fischer, König, Hirte. Makler, Hausfrau, Musiker oder …

Musik

Abschied von Berlin

Sharon Brauner über ihr neues Lied » Kind dieser Stadt« und warum die Urberlinerin ihre Heimat verlassen will.

von Jan Feldmann  28.08.2026

Musik

Tagebuch in Tönen

In seiner Biografie »Idylle und Vertreibung« über Robert Kahn erinnert Reinhard Wulfhorst an einen außergewöhnlichen deutsch-jüdischen Komponisten

von Maria Ossowski  28.08.2026

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Schoa-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  27.08.2026

Bremer Kunsthalle

Bremen

Auszeichnung für künstlerische Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen

Die Künstlerin Annette Kelm wird mit dem 50. Pauli-Preis geehrt. Ihre Fotoserie »Die Bücher« zeigt Cover von Werken, die von den Nazis verboten und verbrannt wurden

 27.08.2026

MARKK Museum am Rothenbaum

Hamburg

Ausstellung zum Bild vom Judentum

Welches Bild hat das Hamburger Museum MARKK vom Judentum vermittelt? Welche Rolle spielte es in der NS-Zeit? Eine Ausstellung will diese Fragen beantworten

 27.08.2026

Interview

»Werdet ihr uns helfen, Israel zu ›reparieren‹?«

Die Regisseurin Yael Reuveny über das komplexe Verhältnis zwischen deutschen Juden und Israelis, ihr neues Filmprojekt und einen Aufruf an unsere Leser, nach Home-Videos von Israel-Reisen zu suchen

von Ayala Goldmann  27.08.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  27.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  27.08.2026 Aktualisiert

Kinder

Noah, Ben oder Lea?

Warum sich biblische Namen im deutschsprachigen Raum großer Popularität erfreuen

von Nicole Dreyfus  26.08.2026