Finale

Der Rest der Welt

Ab Level 250 erhält man eine rote Plasmakanone. Foto: cc

Dieses Weihnachten habe ich zum ersten Mal alleine gefeiert. Normalerweise führen wir in der Familie an Heiligabend immer die sogenannte »Nittel-Nacht« durch: Wir dimmen das Wohnzimmerlicht und spielen Karten. In den Generationen vor uns war der Weihnachtsabend immer ein prekärer Tag für die Juden. Häufig kam es gerade dann zu Plünderungen in Judenhäusern.

Als Referenz daran spielten wir harmlose Kartenspiele, wo die Einsätze Erdnüsschen waren. Den exakten Sinn verstehe ich eigentlich bis heute nicht. Was haben Erdnüsschen mit den damaligen Verfolgungen zu tun? Aber egal, Tradition steht über allem.

Als Kind habe ich mich an Heiligabend immer gefürchtet. Ich habe an unsere Nachbarn gedacht. Was wäre wenn Herr Kuster von nebenan plötzlich Amok läuft wegen der Juden, die den Heiland umbrachten? Herr und Frau Kuster waren eigentlich ganz liebe Nachbarn. Er trank aber gerne etwas über den Durst. Und sie, also Frau Kuster, ist auch einmal explodiert, weil ich ihrem Hund aus Versehen auf den Schwanz getreten habe. In der Talmudsprache nennt man das einen »Kal waChomer«: den Schluss vom Leichteren auf das Schwerere. Frau Kuster explodiert wegen dem Schwanz, Herr Kuster explodiert dreimal wegen Jesus.

Level 250 Dieses Jahr ist anders. Meine Frau ist mit den Kindern nach Israel gefahren. Sie will dort ihre Verwandten besuchen und unsere Kinder präsentieren. Mir ist das Recht. So habe ich viel Zeit, bis tief in die Nacht Online Games zu spielen. Anspruchsvoll sind sie nicht. In einem Spiel geht es darum, meinen Turm zu bewachen und die anrückenden Feinde mittels verschiedener Waffen zu zerstören. Es gibt 300 Level. Mein bisheriger Rekord ist drei Jahre alt und liegt bei 234, da bekam meine Frau Wehen. Aber dieses Jahr bin ich ja alleine und habe Zeit bis zum 2. Januar. Level 250 will ich schon noch erreicht haben in meinem Leben, denn ab dieser Spielstufe erhält man eine rote Plasmakanone, die den Feind innerhalb von drei Sekunden verglühen lässt.

Auch am Weihnachtsabend habe ich meinen Turm bewacht. Irgendwann hat es dann geklopft. Erschrocken fuhr ich zusammen. Herr Kuster! Aber der lebt ja nicht mehr. Ich bewegte nur noch den Zeigefinger, um eine neue Welle von Feinden zu töten. Wieder klopfte jemand. Hätte ich doch schon die rote Plasmakanone! Ängstlich ging ich an die Tür. Draußen stand Herr Knöpfli von oben links. Er war wütend, aber nicht wegen uns Juden, sondern wegen der Waschküche. Meine Frau hatte sich für den Abend eingetragen.

Herr Knöpfli war jetzt dreimal unten, und wir haben noch gar nichts gewaschen! Sapperlot! Er müsse ganz dringend waschen, und es ist doch verboten, sich einzutragen und dann nicht zu waschen. Ich gab ihm Recht und entschuldigte mich. Herr Knöpfli war dann sehr überrascht von meiner Reaktion. Naja, so schlimm, wäre es auch nicht und trotzdem schöne Weihnachten.

Da fuhr ich zusammen. Ich Depp. Ich habe nicht auf Pause gedrückt. Mein Turm wurde eingenommen und das bei Level 229!

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  16.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  16.09.2026

Programm

Vernissagen, Workshops und eine Zeitreise ins Berlin von »Babylon Berlin«: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 17. September bis zum 30. September

 16.09.2026

Gaza-Krieg

Der falsche Genozidvorwurf

Der US-Historiker Jeffrey Herf widerspricht seinem viel zitierten israelischen Kollegen Omer Bartov. Eine Klarstellung

von Jeffrey Herf  16.09.2026

Gegen Vorurteile

Über Tattoos, Sport und die Frage, was eigentlich koscher ist - Neuauflage eines Projekts zu jüdischem Leben

Vorne Fotos, hinten Erklärtexte und QR-Codes: Eine neue Box mit Material zu jüdischem Leben in Deutschland ist erschienen. Gedacht ist sie für Schule oder Erwachsenenbildung - und als Beitrag gegen Antisemitismus

von Leticia Witte  16.09.2026

New York

Jetzt äußert sich Ed Sheeran zum Macklemore-Aus

Wegen israelfeindlichen Aussagen wurde US-Rapper Macklemore von Sheerans Tour ausgeschlossen. Nun schildert der Popstar seine Sicht der Dinge

 16.09.2026

Kino

»David« - Familienfreundliches Musical nach Motiven aus der Bibel

Ein kleiner Junge besiegt einen furchteinflößenden Riesen mit der Steinschleuder. Die Geschichte von David und Goliath kennen auch viele, die sonst nicht so bibelfest sind. Und sie bietet viel Stoff für eine Verfilmung

von Martin Ostermann  15.09.2026

Israel

Wie Quentin Tarantino Israelis den Kinobesuch vermiest

Berichte über Quentin Tarantinos Kinobesuche gehen in Israel viral. Eine Frau hätte ihn beinahe angebrüllt

von Sophie Albers Ben Chamo  15.09.2026

Dearborn

Henry Fords antisemitische Vergangenheit in Ausstellung behandelt

Im nächsten Jahr öffnet Fair Lane, das frühere Anwesen von Henry Ford, wieder für Besucher. Die Einrichtung stellt sich nun einer Vergangenheit, die in der Region lange nur unzureichend thematisiert wurde

 15.09.2026