Finale

Der Rest der Welt

Ach draußen ... Foto: Getty Images

Meine Cousine in Haifa weiß auf alles eine Antwort. »Es darf nicht wahr sein!«, schrieb ich ihr vor zwei Wochen verzweifelt auf WhatsApp. »Wir sind wieder in Quarantäne! Zum vierten Mal seit Beginn von Corona!« Meine Cousine schrieb zurück: »Es könnte auch zum fünften Mal passieren.« »Richtig, man sollte das halb volle und nicht das halb leere Glas sehen«, ließ ich tapfer verlauten und erntete einen Daumen.

Ein Leben per Fernbedienung. Bis zum Impftermin. Bis der Messias kommt.

Ich wertete ihn als Zuspruch und begann meinen täglichen Spaziergang: zehn Meter vor, zehn Meter zurück. Ich war jemandem begegnet, der später positiv auf Corona getestet wurde. Um meine Familie nicht anzustecken, verbarrikadierte ich mich in meinem Zimmer – mit einer riesigen Ingwerknolle, einer Reibe, zehn Limetten, einem Wasserkocher, einem Honigglas und einem Eimer.

Video Für Besuche im Badezimmer buchte ich morgens und abends Termine. Mein Mann stellte mir geliefertes Essen vor die Tür. Mit meinem Sohn telefonierte ich per Video. Manchmal freute er sich, mich im Kinderzimmer auf dem Bildschirm zu sehen. Manchmal sagte er: »Mama, ich rufe zurück.«

Manche Freunde finden, wir seien Pechvögel. Andere sagen gar nichts. Wahrscheinlich denken sie, wir seien selbst schuld. Dasselbe dachte ich beim Auf- und Abgehen im Zimmer mit Aussicht auf den Balkon. Dann war auch noch der Schnelltest positiv – zwei Striche wie beim Schwangerschaftstest. Ich bin schuld! Ich habe nicht aufgepasst! Nur wer niemanden trifft, bekommt kein Corona! Wir sollten die Wohnung nie wieder verlassen. Lebensmittel nur per Lieferung, kein Spaziergang mit einer Freundin, kein Arztbesuch. Ein Leben per Fernbedienung. Bis zum Impftermin. Bis der Messias kommt.

Glückspilz In Wirklichkeit sind wir Glückspilze. Die Hotline unseres Gesundheitsamtes war an Ostern nicht besetzt. Aber seit unserer dritten Quarantäne habe ich eine Durchwahl, bei der immer jemand ans Telefon geht. Mit dem Mann vom Gesundheitsamt verstehe ich mich prächtig. Der Typ ist große Klasse, er hat uns ein Testteam in die Wohnung geschickt. Und nicht nur das, unsere PCR-Tests waren negativ. Ich hatte nur eine Bronchitis. Praise the Lord! Ich verließ mein Zimmer und kam mit der restlichen Quarantänezeit blendend klar. Auf einmal war unsere Wohnung die große weite Welt.

Inzwischen habe ich ein Ritual entwickelt, um eine Quarantäne zu beenden: Ich gehe zum Syrer um die Ecke und hole mir ein Riesenstück Baklava. Das ist wie Fastenbrechen am Ramadan. Was für ein Gefühl von Freiheit, unseren Balkon endlich wieder von außen zu sehen! Was für ein Vergnügen, ein Spaziergang an der frischen Luft, ohne ständig auf das iPhone zu starren, weil mein Freund vom Gesundheitsamt anrufen könnte

Wahlen Ein Glück, dass das Warten vorbei ist, denn Alleinsein macht egozentrisch: Ich habe die WhatsApp meiner Cousine aus Haifa jetzt noch einmal gelesen. Sie hat in ihrer Antwort auf meinen Hilferuf überhaupt nicht über mich geschrieben. »Es könnte auch zum fünften Mal passieren« – damit meinte sie Neuwahlen in Israel!

Zahl der Woche

68 Prozent

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