Finale

Der Rest der Welt

Manchmal träume ich, dass die Epidemie wieder vorbei ist. Foto: Getty Images

Finale

Der Rest der Welt

Beten im Sessel oder: Was haben Synagoge und Flughafen gemeinsam?

von Beni Frenkel  18.03.2021 14:29 Uhr

Vor einem Jahr war ich das letzte Mal in einer Synagoge. Ich bete natürlich zu Hause, allerdings nur die Schmalspurvariante. Es geht mir ähnlich wie den Piloten: Aus Mangel an Praxis gehen wichtige Kenntnisse verloren. Piloten, die unregelmäßig fliegen, vergessen häufig, die Landeklappen auszufahren. Viele erinnern sich auch erst bei der Landung, dass sie die ganze Zeit mit offenem Fahrwerk geflogen sind.

SIDDUR Früher kannte ich das Gebetbuch auswendig. »Alenu« ist auf Seite 65, das »Schma« auf Seite 36. In der Synagoge tat ich manchmal auch so, als ob ich alle Gebete blind beherrschte. Wer den Siddur benutzte, galt in meinen Augen als Anfänger.

Heute sieht es anders aus. Am Schabbat schwinge ich mir immer noch den Gebetsmantel um, aber die Gebete liegen mir nicht mehr auf der Zunge. Ich versinke im bequemen Sessel und blättere lustlos im Gebetbuch. Was Frauen vielleicht nicht wissen: Wir Männer kämpfen auch in der Synagoge um die besten Resultate. Wer betet am schnellsten, wer kann die meisten Gebetsstücke auswendig, wer schockelt am intensivsten?

Im Sessel wirke ich wie ein Alkoholiker. Die hebräischen Texte verschwimmen vor meinen Augen, ich brummle irgendetwas vor mich hin und bin mit meinen Gedanken immer woanders. Hätte ich keine Frau, würde ich in Unterhose beten. Hätte ich keine Kinder, wäre ich nach einer Minute fertig mit dem Gottesdienst. Ich weiß nicht, ob der liebe Gott Freude an meiner Andacht hat. Vielleicht sagt er sich auch nur: »Ja mei, ist ja Corona.« Das fände ich toll von ihm.

TORASCHRANK Manchmal träume ich, dass die Epidemie wieder vorbei ist. Ich stehe in der Synagoge, und da humpelt auch schon der alte Gabbai auf mich zu. Er gibt mir ein Kärtchen mit der Aufschrift: »Hoza’a we Hachnossa« – ich muss also die Tora aus dem Schrank hervorholen und nach dem Gottesdienst wieder hineinstellen. Ich wache dann immer auf. Ich habe nämlich keine Ahnung, wie das funktioniert. Alles vergessen.

Ich hoffe, dass unser Rabbiner dereinst Einführungskurse geben wird, wie man sich in der Synagoge aufführt. Was ist erlaubt, wo ist die Toilette, ab welcher Seite darf man nach Hause gehen? Hoffentlich dauern die ersten Gottesdienste nicht gleich wieder drei Stunden. Ich schlage 30 Minuten vor. Dann jeden Schabbat zehn Minuten länger.

Ob ich die Gebete in der Synagoge vermisse? Darf ich ehrlich sein? Und Sie erzählen es bestimmt nicht weiter? Okay, also »vermissen« ist ein starkes Wort. Sagen wir es so: Ich vermisse die Synagoge wie den Flughafen. Anderen Leuten zugucken, die ständige Unsicherheit, die vielen Polizisten; das erlebt man nur am Flughafen und in der Synagoge.

Heidelberg

»Bitte zieht euch nicht zurück!«

Nach ihrer Hochschulrede stellte sich Bundesbildungsministerin Karin Prien Fragen aus der jüdischen Gemeinschaft und den Universitäten

von Ayala Goldmann  23.01.2026

"Imanuels Interpreten" (17)

Carole King: Die lebende Legende

Von einem schüchternen Mädchen mit absolutem Gehör entwickelt sich die jüdische Künstlerin zu einer der einflussreichsten Songschreiberinnen und Sängerinnen

von Imanuel Marcus  23.01.2026

Jerusalem

Dem Vergessen entrissen

In der neuen Yad-Vashem-Ausstellung »Living Memory« werden ausgewählte Gegenstände aus dem Archiv der Schoa-Gedenkstätte gezeigt. Das Schicksal ihrer ehemaligen Besitzer wird dadurch greifbar

von Joshua Schultheis  23.01.2026

Streaming

Jerry Lewis: »From Darkness To Light« jetzt abrufbar

Der SWR zeigt einen Dokumentarfilm über die Entstehung einer nie gezeigten Holocaust-Komödie von und mit dem jüdischen Komiker Jerry Lewis

 23.01.2026

TV-Kritik

3sat-Komödie über einen konvertierenden Juden: Star-Comedian Gad Elmaleh spielt sich selbst

Ein Jude möchte wegen seiner Verehrung der Jungfrau Maria zum Katholizismus übertreten, ohne seine jüdische Familie zu verprellen. 3sat zeigt die autobiografisch gefärbte Komödie des französischen Komikers Gad Elmaleh

von Kira Taszman  23.01.2026

Dokumentation

»Grund zur Sorge und Grund für Hoffnung«

Auszüge aus der Heidelberger Hochschulrede von Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) über antisemitismuskritische Bildungsarbeit

von Karin Prien  23.01.2026

Köln/Murwillumbah

Der neue Dschungel-Cast: Genialer Coup oder totaler Flop?

Gil Ofarim und Co.: Das neue Dschungelcamp-Ensemble sorgt für geteilte Meinungen. Während die einen den Cast lieben, gibt es auch auffällig viele Debatten darüber. Lohnt sich das Einschalten diesmal?

von Jonas-Erik Schmidt  23.01.2026 Aktualisiert

Toronto

Israelischer Comedian wird stundenlang am Flughafen festgehalten

Guy Hochman braucht Hilfe von Israels Außenminister Gideon Sa’ar, um nach Kanada einreisen zu können. In New York verhindern Israelhasser einen Auftritt

von Imanuel Marcus  23.01.2026 Aktualisiert

"Dschungelcamp"

»Mir tut es leid«: Gil Ofarim überrascht mit Entschuldigung 

Der Sänge steht unmittelbar vor dem Start der Staffel erneut im Mittelpunkt der Debatte

 23.01.2026