Der Rest der Welt

Der Rest der Welt

Brille ab und Chag Sameach Foto: Getty Images

Jahr für Jahr atme ich am Aschermittwoch auf. Denn dann ist der Karneval-Wahnsinn endlich wieder vorbei! Ich habe nie verstanden, warum man sich einmal im Jahr verkleiden und auf Knopfdruck fröhlich sein soll – und den Rest des Jahres steif, gestresst und übellaunig. Karneval, in Hessen spricht man auch von Fasching, gehört zu den Dingen, die ich auch nach mehr als 23 Jahren in Deutschland noch immer nicht verstehe.

Integration Aber vielleicht liegt das nicht an meinem parallelgesellschaftlichen Unwillen zur Integration. Der Zwang zum Frohsinn war nämlich nie mein Ding! Schon im Kindergarten in Minsk soll ich fröhliche Zusammenkünfte mit anderen Kindern ignoriert haben, indem ich einfach demonstrativ in der Ecke schmollte. Aus Prinzip!

Ähnliches kann ich über meine Karriere als Kostümpartygänger berichten. Einmal wurde ich zu einer extravaganten studentischen 20er-Jahre-Party eingeladen. Ich gab mir größte Mühe, meinem Outfit einen Hauch von Tanz auf dem Vulkan und Babylon Berlin zu verleihen. Als ich auf der Party eintraf, musterten die Gäste mich und riefen im Chor: »Aber wo ist dein Kostüm?«

Nerd Ganz ähnlich ist es mir leider auch schon immer mit Purim ergangen. Ich glaube, ich war einmal auf einem dieser berühmten Purim-Bälle in Frankfurt. Mein Verkleidungskonzept war damals ausgefallen schlicht: Ich ging als schmächtiger, Brille tragender Nerd – als Eugen also.
In die Annalen der Gemeinde bin ich damit wohl bestimmt nicht eingegangen.

Auch das Konzept, sich an Purim so sehr zu betrinken, dass man nicht mehr zwischen Mordechai und Haman unterscheiden kann, leuchtet mir nicht ganz ein. Denn dafür brauche ich eigentlich nur meine Brille abzunehmen! Kurzsichtige werden wissen, wovon ich spreche. Überhaupt bin ich entgegen landläufigen Klischees über gebürtige Weißrussen kein Trinker.

Klischee Nein, bei uns floss der Wodka nicht in Strömen, und schon gar nicht aus dem Wasserhahn! Und nein, man wirft die Gläser nicht an die Wand! Wer dieses Klischee erfunden hat, möge sich zur Strafe die gesammelten Rosenmontagsumzüge des »Mühlheimer Karneval Verein e.V.« ansehen!

Aber zurück zu Purim. Denn es gibt durchaus auch sympathische Züge an diesem Fest. Dazu gehören zweifellos die leckeren Hamantaschen. Für mich sind jüdische Feiertage in erster Linie eine kulinarische Angelegenheit. Ich halte es mit dem viel zitierten Satz, die Quintessenz jüdischer Feste laute: »They tried to kill us, we survived, let’s eat!«

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Lotte Laserstein

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