Finale

Der Rest der Welt

Der Franz-Marc-Kunstdruck hängt natürlich in der Küche Foto: Getty Images

Finale

Der Rest der Welt

Pralinen und ein blaues Pferd oder Vorglühen auf Purim

von Ayala Goldmann  11.02.2021 08:45 Uhr

Vor mehr als 50 Jahren in der DDR: Kommt ein Mann in die Mitropa am Leipziger Hauptbahnhof und verlangt Pralinen. Der Verkäufer zeigt auf eine verstaubte Schachtel im Regal. »Ich hatte an etwas anderes gedacht«, sagt der enttäuschte Kunde. »Ich denke immer an etwas anderes. Das hilft«, sagt der Verkäufer.

DDR Corona ist ein bisschen wie DDR in der Anekdote von Christoph Hein: Seit fast einem Jahr denke ich an etwas anderes. Zum Beispiel an Israel. Meine halbe Verwandtschaft ist schon gegen Corona geimpft. Ich muss noch monatelang warten. Allmählich habe ich die Schnauze voll.

An etwas anderes zu denken, hat mir sehr geholfen. Mir war nämlich schon Mitte Januar klar, dass Bibi Netanjahu aus Angst vor Virusmutationen den Ben-Gurion-Flughafen schließen wird. Aber so leicht lasse ich mich nicht aussperren. Wozu habe ich einen israelischen Pass? Mit dem letzten Flieger und einer FFP3-Maske bin ich nach Tel Aviv gereist und sitze jetzt in einer Quarantänewohnung in Herzliya-Pituach. Auf dem Balkon scheint die Sonne! Das Meer ist auch nicht weit!

Zoom Den Kunstdruck von Franz Marc aus meiner Berliner Küche habe ich auch eingepackt und hier in Herzliya an die Wand gehängt. Bei jeder Zoom-Konferenz unserer Redaktion (same procedure as every Thursday) grüßt das blaue Pferd von der Wand. Meine Kolleginnen und Kollegen fallen da voll drauf rein und glauben, ich sei immer noch in Friedenau.

Der Wintereinbruch in Deutschland ist eine Herausforderung, bei 20 Grad plus in Israel ist es schwierig, Schnee zu simulieren. Aber bis Donnerstag ist der bestimmt geschmolzen. Ansonsten bastele ich eine Fensterkulisse aus Watte. Bis zur zweiten Impfung muss die Maskerade weitergehen! Sicherheitshalber stelle ich das Mikrofon stumm und sage in den Konferenzen gar nichts mehr, damit die Kollegen nicht hören, wie meine israelischen Nachbarn sich auf Hebräisch anschreien.

Telefon Die traurige Wahrheit ist leider: Diese Geschichte habe ich mir ausgedacht. Ich weiß nicht, wie man Telefone so programmiert, damit keiner merkt, dass ich im Ausland bin. Überhaupt kann ich nicht so einfach nach Israel fliegen, meine Familie ist schließlich auch noch da. Ich sitze immer noch in Berlin in der Küche. Ich würde gerne an etwas anderes denken, aber fast alles, was Spaß macht, ist verboten.

Am Wochenende war mein Sohn Schlittenfahren. Bis die Polizei kam und die Kinder nach Hause schickte – wegen der Abstandsregeln. Den Polizisten hat es auch keinen Spaß gemacht. Wahrscheinlich haben sie an etwas anderes gedacht, an Pralinen oder so.

Zum Glück steht Purim vor der Tür. Natürlich keine Party, aber immerhin hat eine Berliner Synagoge zu einer Online-Feier eingeladen, bei der getrunken werden darf, bis der Teilnehmer »OP-Masken nicht mehr von FFP2-Masken unterscheiden kann«.

Das klingt doch nach einer tollen Veranstaltung, ich glühe schon mal vor. Erinnern Sie mich an Purim bitte daran, rechtzeitig den Bildschirm auszuschalten, bevor mich jemand mit dem blauen Pferd verwechselt.

Comedy

Streichelzoo mit Fischen

Die Serie »JoJo & Simha: Exploring Berlin3000« erzählt auf Social Media von drei tollpatschigen jüdischen Handwerkern der Zukunft

von Pascal Beck  09.03.2026

Women’s Asian Cup

Trump fordert von Australien Asyl für iranische Fußballerinnen

Die Spielerinnen hatten sich vor dem Anstoß im Robina Stadium geweigert, die iranische Nationalhymne zu singen

 09.03.2026

Magdeburg

Auftakt für jüdische Kultur in Sachsen-Anhalt

Ministerpräsident Sven Schulze betonte als Schirmherr die Bedeutung der Kulturtage als klares Signal der Solidarität mit Jüdinnen und Juden in Sachsen-Anhalt

 09.03.2026

Sprache

»Wat willste?«

Die Autorin Lea Streisand hat ein Buch über den vielleicht schönsten Dialekt des Deutschen geschrieben, das Berlinerische. Ein Besuch zwischen »ick«, »icke« und »dufte«

von Katrin Richter  08.03.2026

Berlin/Los Angeles

Weimer lädt Chalamet in die Oper ein: »Kann mal daneben liegen«

Interessiert sich wirklich niemand mehr für Oper und Ballett? So findet es zumindest »Marty Supreme«-Star Timothée Chalamet. Wie der Kulturstaatsminister den Oscar-Anwärter umstimmen will

 08.03.2026

Ausstellung

Das Tonband als Zeugnis

Das Jüdische Museum Berlin präsentiert Audio-Aufnahmen, die als Vorarbeiten zu Claude Lanzmanns epochalem filmischen Werk »Shoah« dienten

von Maria Ossowski  08.03.2026

Naturtalent

Der Mann hinter dem Vorhang: Vor zehn Jahren starb Garry Shandling

Der Komiker war kein Witze-Erzähler im klassischen Sinn. Er war ein Sezierer. Einer, der seine eigene Unsicherheit auf die Bühne trug wie andere ein Jackett

 08.03.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Mann, Mann, Mann ... eine Glosse zum Frauentag

von Margalit Edelstein  08.03.2026

Aufgegabelt

Chinakohlsalat mit süßscharfem Mohn-Dressing

Rezept der Woche

 08.03.2026