Finale

Der Rest der Welt

Liebes Glückstagebuch, heute weder Mann noch Sohn angemotzt und meinen Kolleg/innen vier Smileys und drei Sonnen per Slack geschickt. Foto: Getty Images

Finale

Der Rest der Welt

Verzicht auf das Zweithandy oder Blutspenden: Welche Mizwe passt zu mir?

von Ayala Goldmann  10.11.2020 09:20 Uhr

Wenn alle Juden (und selbstverständlich auch alle Jüdinnen) an einem Tag alle Mizwot halten, wird der Messias kommen – so lehren unsere Weisen seit Jahrhunderten.

KLAPPHANDY An mir soll es nicht scheitern: Ich nehme mir jetzt schon vor, rechtzeitig vor Schabbateingang das iPhone auszuschalten. Stattdessen greife ich zu meinem alten Klapphandy, von dem ich mich aus nostalgischen Gründen nicht trennen kann, verzichte also am siebten Tag der Woche auf das Internet. Ob das als Mizwa durchgeht, am Schabbat nur eines von zwei Mobiltelefonen zu benutzen? Oder wenigstens als halbe Mizwa?

Kommt darauf an, welchen Rabbiner man fragt. Ich bin jedenfalls wild entschlossen, meinen Anteil am »Tikkun Olam«, der Verbesserung der Welt, zu erbringen – auch wenn ich selbst niemals in der Lage sein werde, alle 613 Tora-Gebote einzuhalten. Doch seit Beginn von Corona ist es nicht leichter geworden, ein besserer Mensch zu sein: Mancher Versuch, eine »Mizwe« zu machen – und das meine ich jetzt nicht als Gebot, sondern im Sinn einer guten Tat –, läuft direkt ins Leere.

EINKAUFEN Meine Nachbarn (viele sind über 80) wollen lieber alleine einkaufen und lehnen jede Hilfe freundlich ab. Die einzige ältere Dame in unserem Haus, die sich Getränke besorgen lässt, versteht die Abstandsregeln nicht: Wenn man ihr die Flaschen vor die Wohnung stellt, reißt sie die Tür auf, um sich ausgiebig zu unterhalten. Das war es also mit der Mizwe – keine Cola und kein Wasser für meine Nachbarin.

Und was mache ich jetzt? Meine Mutter wohnt in Süddeutschland. Im Sinn der Corona-Mizwot ist es eine gute Tat, sie nicht zu besuchen. Es ist eine noch bessere Tat, überhaupt niemanden zu besuchen. Nur: Eine richtige Mizwe fühlt sich einfach anders an!

Glückstagebuch Man könnte natürlich auch argumentieren, in diesen Tagen sei es schon eine Mizwe, nicht schlecht gelaunt zu sein … Leicht ist das nicht immer, obwohl die mittlerweile zweite Quarantäne in unserer Wohnung zum Glück endlich vorbei ist. Aber ist ein Tag ohne Streit schon eine gute Tat? Psychologen raten zu Glückstagebüchern, aber was soll ich da reinschreiben? »Heute weder Mann noch Sohn angemotzt und meinen Kolleg/innen vier Smileys und drei Sonnen per Slack geschickt«? Irgendwie kein ausreichender Output.

Doch zum Glück gibt es den Mitzvah Day des Zentralrats der Juden! Und auf der Webseite finden sich naheliegende Ideen für gute Taten, auf die ich alleine nicht gekommen wäre: bei der örtlichen Tafel haltbare Lebensmittel spenden, bei Obdachlosenhilfen nachfragen, was gebraucht wird.

Blutspenden Mein persönlicher Favorit ist Blutspenden – habe ich seit Jahren nicht mehr gemacht. Der Vorteil: Man muss nicht gut gelaunt sein, auch grantige Blutspender sind bestimmt willkommen. Ich bin sicher, die Spenden sind nötiger als je zuvor.

Jedenfalls habe ich mich gerade beim DRK angemeldet. Jetzt fühle ich mich schon ein bisschen besser. Auch wenn der Messias mutmaßlich nicht schneller kommt als der Impfstoff: Jede tut bis dahin eben, was sie kann!

TV-Kritik

Der Ring, der nie gelungen: Arte-Doku über Richard Wagner und sein monumentales Werk

Eine Arte-Dokumentation erzählt die Geschichte von Richard Wagners Gesamtkunstwerk und seiner Vereinnahmung durch die Nazis

von Manfred Riepe  15.08.2026

Essay

Politische und moralische Bankrotterklärung

Die Literaturkritikerin Maha El Hissy hat kein Problem damit, die populärste antisemitische Ritualmordlegende unserer Gegenwart zu verbreiten. Trotzdem wurde sie in die Jury des renommierten Deutschen Buchpreises berufen

von Daniel Neumann  15.08.2026

Hamburg

Art Garfunkel kommt für ein Konzert nach Deutschland

Der Vorverkauf für den Auftritt in der Elbphilharmonie am 24. Oktober hat begonnen

 14.08.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 14.08.2026

ESC

Stiller Boykott?

Einige Länder könnten auch die kommende Ausgabe des ESC aufgrund der Teilnahme des jüdischen Staates boykottieren. Nun gibt es eine neue umstrittene Regel

von Daniel Zander  14.08.2026

Exklusiv

Causa Georg Restle: Jetzt meldet sich WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni zu Wort

Felix Schotland, Mitglied im WDR-Rundfunkrat und im Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, beschwerte sich über einen X-Post des Journalisten Georg Restle. Nun bekam er eine Antwort

von Michael Thaidigsmann  13.08.2026

Leipzig

Ausstellung mit Fotografien von NS-Deportationen

Mehrere Hunderttausend Menschen wurden in der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich deportiert. Ein Forschungsprojekt sichert seit Jahren fotografische Dokumente. Einige zeigt jetzt das Leipziger Ariowitsch-Haus

 13.08.2026

Jubiläum

25 Jahre Jüdisches Museum Berlin: Risse in der Geschichte

2001 öffnete das Jüdische Museum seine Türen für die Öffentlichkeit. Der Bau des bekannten Architekten Daniel Libeskind stand da schon. Und spricht bis heute eine eigene Sprache

von Nikolas Ender  13.08.2026

NRW

Antisemitismus: Konzert der Rapper Kneecap in Oberhausen geplant, Absage gefordert

Die Veranstalter sagen, Vorwürfe der Terrorverherrlichung gegen die nordirische Band würden ernst genommen und »intensiv geprüft«. Eine Absage komme aber nicht infrage

 13.08.2026