Finale

Der Rest der Welt

Ziemlich koscher Foto: Getty Images

In letzter Zeit habe ich viel mit den Kindern unternommen. Eigentlich arbeite ich im Homeoffice für eine Nachrichtenagentur. Die meiste Zeit bin ich aber als Friedensrichter tätig. Ich muss komplizierte Streitfälle innerhalb der Familie lösen.

Die Verhandlungen beginnen eigentlich immer ähnlich. Ein Kind stürmt ins Arbeitszimmer und brüllt mich an. Es sei als »Missgeburt« beschimpft worden. Nun wartet es ungeduldig auf mein Urteil. Ich muss dann immer abwägen. »Arschloch« ist ziemlich einfach.

FERNSEHVERBOT Das gibt eine Stunde Fernsehverbot. »Hurensohn«: zwei Stunden. »Missgeburt« finde ich aber schlimmer. Andererseits will ich keinen ganzen Tag Fernsehverbot aussprechen, weil ich dann gar keine Ruhe mehr habe.

Am Mittag findet auf »Zoom« Religionsunterricht statt. Die Lehrerin hat eine selten unangenehme Stimme. Das ist sicher nicht ihr Verschulden, das liegt an der Aufnahme.

Ich will keinen ganzen Tag Fernsehverbot aussprechen, weil ich dann gar keine Ruhe mehr habe.

Aber die Kinder drehen zum Spaß die Lautstärke voll auf. Es hört sich wie eine Notfallsirene an. Ich lutsche ein Bonbon, weil ich keine Stimme mehr habe. So laut musste ich schreien, dass sie diese verdammte Stimme endlich leiser machen.

WALD Am Abend bin ich dann immer zerschossen. Wir gehen in den Wald, um etwas runterzukommen. Ich packe die Würste aus, und wir machen ein Feuer. Ich habe mein Leben lang nie unkoschere Würste gegessen. Aber ich gehe davon aus, dass sie besser schmecken.

Wir beißen in unsere Würste. Von außen heiß wie Kohle, von innen kalt wie Eis.

Im Wald gibt es viele gestresste Familienväter, die Feuer machen und Würste braten. Manchmal versammeln sich vier, fünf Familien um das Feuer. Wir müssen mit unseren Würsten immer aufpassen, dass sie die Unkoscheren nicht berühren, denn dann werden sie auch unkoscher.
Die Kinder fluchen natürlich auch im Wald weiter.

Arschloch, Hurensohn, Missgeburt. Die anderen Familien gucken uns entsetzt an. Ich fühle mich in solchen Momenten nicht als Teil eines auserwählten Volkes. Warum nicht? Nun, unsere Kinder benehmen sich unmöglich, und unsere Würste sehen einfach scheußlich aus. Die anderen platzen so richtig schön auf und duften herrlich.

ARBEITSTAG Wir beißen in unsere Würste. Von außen heiß wie Kohle, von innen kalt wie Eis. Meine Frau übrigens kommt immer etwas später. Zum Beispiel jetzt. Wir haben ihr ein Würstchen auf die Seite gelegt. Es ist komplett schwarz und raucht noch ein bisschen. Meine Frau hat uns schon von Weitem gesehen und gehört. Sie hat natürlich auch einen langen Arbeitstag hinter sich und steht nun vor dem ekligen Würstchen.

Ich gebe ihr ein Zeichen, jetzt nichts zu fragen. Nicht, wie mein Tag war, wie sich die Kinder benommen haben, warum ich keinen Salat zubereitet habe, einfach nichts. Sie legt ihre Hand auf meine Schulter, und das tut gut.

Interview

»Es gibt noch viele Schätze«

Die Cellistin Raphaela Gromes über vergessene jüdische Komponistinnen wie Maria Herz und Ruth Schönthal

von Christine Schmitt  05.03.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  05.03.2026

Thüringen

Doppelkonzert eröffnet Jüdisch-Israelische Kulturtage

Nach stornierten Flügen gelingt dem israelischen Sharon-Mansur-Trio aus Haifa doch noch die Anreise nach Deutschland. Jetzt starten die Jüdisch-Israelischen Kulturtage Thüringen gemeinsam mit israelischen und iranischen Künstlern

 04.03.2026

Berlin

Tricia Tuttle bleibt Berlinale-Chefin

Die Amerikanerin muss sich allerdings an Auflagen halten

 04.03.2026

Shkoyach!

Eine Begegnung vor dem Krieg Oder Frieden. Schalom. Saleh.

Die Mullahs mit ihrem rasenden Hass auf Israel als Staatsdoktrin haben bei vielen Iranern genau das Gegenteil bewirkt. Eine Begegnung vor dem Krieg

von Sophie Albers Ben Chamo  04.03.2026

Lebende Legende

Wolf Biermann feiert 90. Geburtstag mit drei Festkonzerten

Vor 50 Jahren wurde der Liedermacher aus der DDR ausgebürgert. Zudem feiert er seinen 90. Geburtstag. Mit Konzerten blickt er auf ein bewegtes Leben voller Musik und politischer Haltung zurück

 04.03.2026

Berlin

Nächste Krisensitzung: Wie geht es weiter bei der Berlinale?

Lebhaft wurde in den vergangenen Tagen über die Zukunft des Filmfestivals und Intendantin Tricia Tuttle diskutiert. Nun trifft sich der Aufsichtsrat erneut

 04.03.2026

Programm

Kleine Großstadtdetektive, ein musikalischer Golem und Gespräche: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 5. bis zum 12. März

 03.03.2026

Kult-Comics

80 Jahre Lucky Luke: Der Cowboy mit dem smarten Pferd

Zwar trägt Lucky Luke keinen Davidstern. Der jüdische Autor René Goscinny trug aber entscheidend zum Witz und dem großen Erfolg der Serie bei

 03.03.2026