Glosse

Der Rest der Welt

Auf die Teller, fertig, los: 60 Köche sorgen fürs Kulinarische beim Gemeindetag. Foto: Marco Limberg

»Man wollte uns umbringen. Wir haben überlebt. Lasst uns essen!« Hinter jedem offiziellen Motto, das ist jedenfalls meine Theorie, gibt es eine inoffizielle Agenda – auch beim Gemeindetag des Zentralrats in Berlin.

Ich glaube fest daran: Die Küche hat die 1000 Teilnehmer des großen jüdischen Treffens 24 Stunden am Tag mit Essen vollgestopft, damit sich auch der letzte Nörgler »in Deutschland zu Hause« fühlt und es allen anderen Juden in seiner Gemeinde weitererzählt. Denn wie könnte man sich unbeheimatet fühlen in einem Land, in dem es unmöglich ist, einem koscheren Buffet auszuweichen?

kilo Schokoladen- und Orangen-Macarons, Vollkornbeigel mit Dattel-Peperoni- oder Avocado-Creme, Mandeltörtchen und Schokolade-Chalva-Dessert, koschere Cola­fläschchen-Gummibärchen und koscherer Kaffee, der sogar am Schabbat schmeckt ... In vier Tagen habe ich vier Kilo zugenommen. Schon ohne die Hauptmahlzeiten war mein Magen überfüllt. Natürlich bin ich trotzdem zu fast allen Essenszeiten in den großen Saal des Hotels gegangen und werde weder den koscheren Lachs noch das koschere Sushi jemals vergessen. Ich habe auch allen meinen Freunden davon erzählt.

Nur am Freitagabend war ich nicht im Speisesaal, sondern zu Hause – in meiner Wohnung. Und ich gebe zu: Ich war sehr erleichtert darüber, dass unser Kühlschrank leer war – bis auf ein paar koschere Shrimps. Ich konnte einfach kein Essen mehr sehen.

In vier Tagen habe ich vier Kilo zugenommen. Schon ohne die Hauptmahlzeiten war mein Magen überfüllt.

So sind mir entscheidende Eindrücke entgangen. Auch bei der Gala in der Nacht zu Sonntag war ich nicht lange genug vor Ort, um als Augenzeugin über die Wirkung von »Absolut Vodka« auf die Teilnehmer berichten zu können. Laut dem, was mir berichtet wurde, fühlten sich einzelne Teilnehmer mit einigen wenigen Promille unter dem Tisch zu Hause.

alkohol Aber das war natürlich nur eine winzige Minderheit, denn traditionell vertragen Juden ja keinen Alkohol. Und auch unsere Zuwanderinnen und Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion haben sich an diesem Abend sehr zurückgehalten.

Alles lief bestens, auch die Terrorgefahr auf dem Weihnachtsmarkt am nahe gelegenen Breitscheidplatz stellte sich glücklicherweise als Fehlalarm heraus. Richtig geärgert habe ich mich nur über einen einzigen Gemeindetagsteilnehmer. Der schickte mir schon vor Monaten eine E-Mail, die ich sofort gelöscht habe. Der Mann hatte meine Glosse übers Klettern im Hochseilgarten gelesen und schrieb mir (sinngemäß): »Ich Tarzan, du Jane! Wir sehen uns beim Gemeindetag!«

Als ich ihn ignorierte, begann er, meinen Kolleginnen nachzustellen. Unter anderem schwebte ihm offenbar ein Treffen zu vorgerückter Stunde vor. Wir haben den Mann erfolgreich in die Flucht geschlagen und hoffen, er kommt nie wieder nach Berlin. Jetzt freuen wir uns auf 2023. Oder vielleicht schon auf 2022? Wann gibt es wieder vier Tage lang Kaffee mit Sojamilch? Wann ist endlich wieder Gemeindetag?

Musik

Abschied von Berlin

Sharon Brauner über ihr neues Lied » Kind dieser Stadt« und warum die Urberlinerin ihre Heimat verlassen will.

von Jan Feldmann  28.08.2026

Musik

Tagebuch in Tönen

In seiner Biografie »Idylle und Vertreibung« über Robert Kahn erinnert Reinhard Wulfhorst an einen außergewöhnlichen deutsch-jüdischen Komponisten

von Maria Ossowski  28.08.2026

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Schoa-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  27.08.2026

Bremer Kunsthalle

Bremen

Auszeichnung für künstlerische Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen

Die Künstlerin Annette Kelm wird mit dem 50. Pauli-Preis geehrt. Ihre Fotoserie »Die Bücher« zeigt Cover von Werken, die von den Nazis verboten und verbrannt wurden

 27.08.2026

MARKK Museum am Rothenbaum

Hamburg

Ausstellung zum Bild vom Judentum

Welches Bild hat das Hamburger Museum MARKK vom Judentum vermittelt? Welche Rolle spielte es in der NS-Zeit? Eine Ausstellung will diese Fragen beantworten

 27.08.2026

Interview

»Werdet ihr uns helfen, Israel zu ›reparieren‹?«

Die Regisseurin Yael Reuveny über das komplexe Verhältnis zwischen deutschen Juden und Israelis, ihr neues Filmprojekt und einen Aufruf an unsere Leser, nach Home-Videos von Israel-Reisen zu suchen

von Ayala Goldmann  27.08.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  27.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  27.08.2026 Aktualisiert

Kinder

Noah, Ben oder Lea?

Warum sich biblische Namen im deutschsprachigen Raum großer Popularität erfreuen

von Nicole Dreyfus  26.08.2026