Finale

Der Rest der Welt

Sind wir nicht alle ein bisschen »Finkelstein«?

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Der Rest der Welt

Warum wir an Rosch Haschana auf goldene Stilettos verzichten sollten

von Ayala Goldmann  26.09.2019 12:01 Uhr

Kennen Sie Raissa Finkelstein? Vielleicht nicht persönlich, aber der Typus ist an den Hohen Feiertagen in der Synagoge oft präsent. Manchmal kommt sie auch an einem »normalen« Schabbat, wie zehn Tage vor Rosch Haschana, als Frau Finkelstein auf ihrem angestammten Platz in der ersten Reihe saß und beim Gebet bitterlich weinte.

Beterin »Herr«, schluchzte sie laut, »ich werde bald 50. Ich möchte nicht alt, krank und hässlich sterben. Bitte, nimm mich zu dir!« Unhörbar für alle anderen Beterinnen erscholl eine Stimme von oben: »Raissa Finkelstein, alles wird gut! Sie werden 90 Jahre alt und sich bis ins hohe Alter bester Gesundheit und strahlender Schönheit erfreuen.«

Begeistert verließ Frau Finkelstein sofort die Synagoge und rief bei ihrem angesagten Friseursalon am Ku’damm an, zu dem die halbe Berliner Gemeinde geht. Für 750 Euro leistete sie sich ein Rundum-Styling mit Blondierung und Glossing, anschließend investierte sie in eine Zahnbleichung, ließ sich Botox spritzen, Fett absaugen und große Mengen Silikon implantieren.

Kostüm Zuletzt erwarb sie ein schickes neues Hohe-Feiertage-Kostüm und goldene Stilettos. Am ersten Tag von Rosch Haschana stöckelte Frau Finkelstein nach dem Gottesdienst aus der Synagoge zum Fluss auf der anderen Seite der Straße, um beim Taschlich ihre Sünden in den Fluss zu werfen. Leider knickte sie, während sie die Straße überquerte, auf ihren hohen Schuhen um und wurde von einem Auto überfahren. Sie war auf der Stelle tot.

»Herr, ich werde bald 50. Ich möchte nicht alt, krank und hässlich sterben. Bitte, nimm mich zu dir!«

Raissa Finkelstein kam in den Himmel und verlangte sofort einen Termin beim Chef. An Rosch Haschana war er nicht zu sprechen, doch gleich nach dem Feiertag öffnete er seine Tür. »Was hast du dir dabei gedacht?«, keifte Frau Finkelstein sofort los, ohne sich um Höflichkeit zu bemühen. »Gemeinheit! Du hast mir ein langes Leben versprochen!« Der Chef sah die aufgebrachte Frau an, die immer noch ihre goldenen Stilettos trug, und wurde bleich. »Ach, SIE sind das, Frau Finkelstein! Ich habe Sie gar nicht erkannt!«

Schicksal Möge allen Leserinnen dieses Schicksal erspart bleiben, mögen wir alle ins Buch des Lebens eingeschrieben werden. Aber mal ehrlich, sind wir nicht alle ein bisschen »Finkelstein«? Selbst ich habe schon über eine Rundum-Erneuerung meines Frontend (nicht des Backend – da hilft nur Sport) nachgedacht. Zum Glück bin ich nicht zu Raissas Friseur gegangen, sondern zum Salon nebenan. Für schlappe 176 Euro bekam ich da guten Rat: Bleichen und Dezent-Aufhellung wäre möglich, aber schlecht für mein feines Haar.

Der Tipp der Stylistin: Ich solle weder an meinem klassischen Seitenscheitel noch an meiner dunklen Haarfarbe etwas ändern. In der Tat eine perfekte Beratung: Dass ich für Glossing und Schnitt so viel Geld ausgegeben habe, ist weder meinem Mann noch den Kollegen aufgefallen.

Aber man weiß nie. Zur Sicherheit werde ich an Rosch Haschana ein großes Namensschild zum Taschlich mitnehmen. Außerdem habe ich schon einen guten Vorsatz für das neue Jahr: Ich werde mich dafür einsetzen, dass Autos in der Berliner Innenstadt verboten werden!

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