Glosse

Der Rest der Welt

Schnell, schneller, Tscholent Foto: imago/Westend61

Der Wettbewerb heißt »De schnällscht Zürihegel«. Es bedeutet auf Hochdeutsch »Der schnellste Schüler oder die schnellste Schülerin aus Zürich«, und dieser Anlass wird generalsstabsmäßig vorbereitet.

Mein Junge qualifiziert sich jedes Jahr für den »Schnällscht Zürihegel«. Nicht als Einzelläufer, sondern in der Staffel. Seine Klasse ist anscheinend recht sportlich. Sehr zu meinem Missfallen. Der Wettbewerb ist immer am Schabbat, am anderen Ende der Stadt.

Schabbat Ich muss ihn dann immer dorthin begleiten. Und da wir beide den Schabbat einhalten, laufen wir etwa 2,5 Stunden hin und 2,5 Stunden zurück. Der Staffellauf selbst dauert knapp fünf Minuten.

Zum Glück gibt es in Zürich Chabad Lubawitsch. Ich weiß nicht, wie das in anderen Ländern aussieht, aber in Zürich gibt es den besten Tscholent nur bei Chabad. Ein Riesentopf. Obelix könnte da als Junge reingefallen sein. Der Topf dampft, als würde eine alte Lokomotive durch den Gebetssaal fahren.

Chabad Ich gehe nur des Tscholents wegen in den Gottesdienst von Chabad. Glücklich sitzen Millionäre neben Armen vor ihrem Pappteller und verbrennen sich die Zunge am heißen Tscholent. Der Rabbi spricht zu den Anwesenden und lobt den reichen Teppichhändler, der den Tscholent diese Woche gespendet hat. Wer, fragt der Rabbi, will für den Tscholent vom nächsten Schabbat aufkommen? Wer möchte das? Niemand? Wirklich niemand? Die Männer sitzen über ihren Teller gebeugt und sagen kein Wort.

Mein Junge guckt mich an. Ich überlege mir: Wenn seine Klasse den Lauf gewinnt, dann ist dieser Tscholent sicher nicht unschuldig daran. Ich nehme mir vor, den nächsten Tscholent zu sponsern, falls mein Sohn Gold gewinnt.

Kiddusch Nach dem Kiddusch laufen wir weiter. Die Sonne scheint erbarmungslos. Es ist so heiß wie der Tscholent. Ich schwitze in der schwarzen Hose und den Halbschuhen.
Auf der großen Wiese kommt uns die Lehrerin entgegen. Ich kenne das Ritual. Sie lobt mich, dass ich als Jude einen so weiten Weg gelaufen bin. Dann guckt sie meinen Sohn kritisch an. Der Kleine schwitzt wie sein Papa.

Die vielen Bohnen im Tscholent führen zu Blähungen. Der Ansager ruft die einzelnen Klassen auf. Es haben sich insgesamt 28 Klassen für den Staffellauf qualifiziert. Auf die Plätze, fertig, los!
Es ist unmöglich, irgendetwas zu erkennen. So viele Kinder rennen von links nach rechts und dann wieder zurück.

Bohnen Aber dann: ein Wunder! Mein Junge und seine Klasse haben gewonnen! Ich schiebe drei Mütter zur Seite und überlege mir, dem Jungen entgegenzurennen und ihn hochzuwerfen. Da spüre ich die Tscholentbohnen und lasse es lieber sein.

Eines ist aber sicher: Der nächste Tscholent geht auf mich!

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Burkhard C. Kosminski

»Ich würde das Stück gerne im Osten spielen«

Der Intendant am Schauspiel Stuttgart über »Die Ermittlung« von Peter Weiss, die Existenzberechtigung Israels in der Kunst und seine Auszeichnung mit der Otto-Hirsch-Medaille

von Nicole Golombek  30.06.2026

Interview

»Der Oscar öffnete mir neue Türen«

Daniel Roher über seinen ersten Spielfilm »The Piano Tuner« und den Dreh mit Dustin Hoffman und Lior Raz

von Patrick Heidmann  30.06.2026

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Früher hätte man Journalisten wie Restle, die Juden unterstellen, sie seien nur Sprachrohr einer Regierung in Israel, die Eignung als Politik-Redakteure beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk abgesprochen. Zu Recht

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Interview

»Schriftsteller sind quasi die Putzfrauen des Literaturbetriebs«

Slata Roschal über den Bachmannpreis, prekäre Lebenssituationen von Autoren und das Schreiben nach dem 7. Oktober 2023

von Katrin Richter  30.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026

Zahl der Woche

16 Stunden 25 Minuten

Fun Facts und Wissenswertes

 28.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Warum sich jüdische Mädchen mehr für Fußball begeistern sollten

von Nicole Dreyfus  27.06.2026