Glosse

Der Rest der Welt

Bestechung und ein Drahtverhau oder Wie ich Schawuot rettete

von Margalit Edelstein  13.06.2019 14:29 Uhr

Käsekuchen an und für sich ist schwierig. Foto: Getty Images / istock

Bestechung und ein Drahtverhau oder Wie ich Schawuot rettete

von Margalit Edelstein  13.06.2019 14:29 Uhr

Schon seit Tagen schlichen alle Familienmitglieder mit großen, feuchten, bettelnden Augen um mich herum. Andauernd checkte irgendwer verstohlen den Kühlschrank nach eventuellen Ingredienzen. Mein Mann war supernett zu mir: Sogar ein Rosenbouquet gab es. Sie haben es erraten: Es ging wie jedes Jahr um das heikle Schawuot-Thema: Käsekuchen oder kein Käsekuchen.

Der Käsekuchen an und für sich ist schon speziell. Denn: Er kann gelingen oder auch nicht. Er kann so richtig schön fluffig aufgehen – oder eben nicht. Er kann erst hochgehen, um dann wieder in sich zusammenzufallen und die Konsistenz einer labberigen Schuhsohle zu erreichen. Er kann aber auch wunderbar aufgehen und innen trotzdem noch matschig sein. Sie sehen: Die Liste ist endlos.

Ruhe Darum verlangte ich in den Tagen vor Schawuot nach absoluter Ruhe und Schonung, denn ich musste mich konzentrieren, mich sammeln und mein Käsekuchen-Karma richtig austarieren. Dabei sah dieses Jahr eigentlich alles ganz vielversprechend aus. Es war Freitagvormittag. Ich hatte alle Ingredienzen beisammen, Kühlschrank und Herd waren nicht kaputt, ich hatte keine Finger, Arme oder sonstige Extremitäten gebrochen, die Außentemperatur lag bei angenehmen 22 Grad. Es gab also keine Ausrede.

Gerade hatte ich die Packung Eier geöffnet, als das Telefon klingelte. Das Schulsekretariat teilt mir mit, dass meine Tochter sich mit ihrer neuen festen Zahnspange in einen Kaugummi verheddert habe. Teile der Zahnspange steckten im Kaugummi fest, der Rest habe sich in alle Himmelsrichtungen verbogen. Bitte pronto von der Schule abholen und zum Kieferorthopäden. Denn auf Schabbat folgt gleich der Jom Tow, und meine Tochter konnte schwerlich die kommenden 72 Stunden mit einem offenen Drahtverhau im Mund verbringen.

Kieferorthopäde Ich tigerte also mit dem Handy am Ohr aus der Wohnung, der Kieferorthopäde ließ mich in der Warteschleife hängen. Ich eilte von Geschäft zu Geschäft, um irgendwo noch einen Käsekuchen zu erstehen. Fehlanzeige! Die Lage war zum Verzweifeln. Da sah ich an der Straßenecke einen Wagen von »Geshikt: der heimische Lieferservice« mit dem üblichen schlaksigen Jeschiwe-Bocher am Steuer.

Ich schmiss mich auf den Rücksitz und versprach dem Jungen eine saftige Spende für seine Jeschiwa, wenn er mich zur Schule, zum Kieferorthopäden und zu sämtlichen koscheren Bäckereien der Stadt brächte. Das Ganze bitte innerhalb der nächsten 90 Minuten.

Gummi Der Jeschiwe-Bocher gab Gummi. Mit quietschenden Reifen hielten wir vor der Schule, fuhren zum Kieferorthopäden, wo ich mit wild schäumendem Mund vor der Theke stand, sofortigen Service verlangte und ihn auch bekam. Dann ging es in wilder Fahrt weiter, bis wir zur Edelbäckerei »Kleinblatt« gelangten. Da hat der Jeschiwe-Bocher einen Cousin in der Backstube.

Wir hielten mitten auf der Straße, der Bocher stieg über das Dach der Bäckerei in ein Seitenfenster und nahm dort eine weiße Packung in Empfang. Ich war zwar mit den Nerven am Ende, Schawuot aber war gerettet. Nächstes Jahr gibt es Tiefkühl-Käsekuchen.

Dresden

Verhandlungen über Jüdisches Museum

Pläne für Museumsgebäude werden konkreter – möglicher Standort ist der Alte Leipziger Bahnhof

 24.01.2020

Berlin

Beuth-Hochschule wird umbenannt

Namensgeber Christian Peter Beuth war Antisemit – eine Ausstellung soll seine judenfeindliche Haltung thematisieren

 24.01.2020

Hören!

Zeugen sterben, Dinge erinnern

Der Deutschlandfunk widmet eine »Lange Nacht« den letzten Habseligkeiten der Ermordeten in Auschwitz

 24.01.2020

Wuligers Woche

Rat und Schläge

Wenn Medien nichts mehr einfällt, gibt es immer noch das Jüdische Museum Berlin

von Michael Wuliger  23.01.2020

Literatur

Auf eine Suppe in Stuttgart

Eine Erinnerung an den israelischen Schriftsteller Aharon Appelfeld sel. A.

von Anat Feinberg  23.01.2020

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  23.01.2020

Glosse

Der Rest der Welt

Szenen einer Ehe oder Tscholent ist besser als Frauenfußball

von Beni Frenkel  23.01.2020

Zahl der Woche

120 Tage

Fun Facts und Wissenswertes

 23.01.2020

Berlin

Grütters gibt NS-Raubkunst zurück an Erben

Werke von Jean-Louis Forain entstammen dem Bestand von Cornelius Gurlitt

 23.01.2020