Glosse

Der Rest der Welt

Eltern in Not: wenn Prüfungszeit auf Freizeit trifft ... Foto: Getty

In der Grundschule ist das ganz große Dolce Vita – wohin man schaut: Sporttage, Ausflüge, Schullandheim am Meer. Man könnte meinen, die Sommerferien hätten bereits begonnen.

Schulhof Die einst so vorbildlich stramme Haltung des Lehrkörpers löst sich zunehmend in Entspannung auf. Neulich auf dem Schulhof fand ich das ganze Kollegium beim Herumgammeln auf bunten Liegestühlen vor, während die Zöglinge im Schulgarten Unkraut jäten mussten.

Das Einzige, was noch mit Inbrunst diskutiert wird sind die TV-Zeitschrift und die Zubettgehzeit.

Auch zu Hause zeigen sich erste Anzeichen allgemeiner Abschlaffung, und die von uns so eisern aufrechterhaltene Hausaufgaben-Disziplin bröckelt sichtbar. Das Einzige, was noch mit Inbrunst studiert und diskutiert wird, ist die TV-Zeitschrift. Die Zubettgehzeit verschiebt sich weiter und weiter nach hinten. Kurz: Man könnte die Kinder um ihre Dekadenz beneiden. Also, die Kinder unter zwölf.

Abitur Die älteren Semester hier in Belgien haben ein echtes Problem. Weil die Behörden nämlich zu verpeilt sind, am Ende der Gymnasialzeit so etwas wie eine gemeinsame Abiturprüfung auf die Beine zu stellen, gibt es stattdessen zum Schuljahresabschluss den Prüfungshorror in kleinen Portionen: vier knochenharte Juniwochen voller Büffeln und Pauken, lange Nächte, Schwankungen zwischen Ess-Streik und ungebremstem Chips-Konsum. Und: keine Schule, nur zu Hause herumhängen und lernen. Klingt ungesund, meinen Sie? Ist es auch.

Vor allem, wenn sich die Fraktion »Dolce Vita« und die Fraktion »Prüfungsstress« ein Zimmer teilen, ist dies der Beginn eines zermürbenden Kleinkriegs. Die Partyfraktion hüpft auf den Betten herum, die Stressfraktion brüllt, sie will ihre Ruhe haben. Die Partyfraktion wünscht Pyjama-Partys und Ausflüge ans Meer, die andere Seite verbarrikadiert sich hinter ihren Büchern, verlässt tagelang nicht die Wohnung und kommuniziert mit der Restfamilie nur noch schriftlich.

Post-it Überall in der Wohnung finden sich gereizte, unfreundliche Post-it-Messages. »Draußen bleiben!« klebt auf der Zimmertür, »Klappe halten, ich lerne!« pinnt an sämtlichen Schranktüren, und auf dem Küchenschrank prangt ein zärtliches »Die Chips sind alle!«. Wir bewegen uns in dieser Zeit nur auf Zehenspitzen, reden im Flüsterton und versuchen, alle Bewohner unter zwölf möglichst langfristig auszulagern. Zur Oma, auf dem Fußballplatz oder zu Schulfreunden – außer natürlich, die haben ebenfalls große Geschwister, die auch lernen müssen.

»Draußen bleiben!« klebt auf der Zimmertür, »Klappe halten, ich lerne!« pinnt an sämtlichen Schranktüren.

Auf meinem Nachttisch finde ich eine Heimwerker-Broschüre »Aus eins mach zwei! Gipsteilwände fürs Kinderzimmer Marke Eigenbau!« und außerdem Werbematerial für einige Internate im Umland mit einem Post-it und der dezenten Bemerkung »Die haben Einzelzimmer!«.

Zollstock Auch erwischte ich meine Große dabei, wie sie mit dem Zollstock das Kinderzimmer vermessen hat. Anscheinend erwägt sie, in Kürze einen Drahtverhau quer durch den Raum zu ziehen.

So, und jetzt muss ich leider zu meiner Eltern-Selbsthilfegruppe »Examens Survival« gehen. Und nein, ich kann Sie leider gerade nicht hören, ich habe seit einer Woche Ohrstöpsel drin. Und zwar bis zum Ende des Schuljahres.

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