Glosse

Der Rest der Welt

»Der Schlüssel zur Beherrschung einer Sprache liegt in den Büchern – dachte ich zumindest.« Foto: Getty Images / istock

Ich habe früher an einer streng orthodoxen Schule Deutsch und Mathematik unterrichtet. Da die Kinder zu Hause Jiddisch und auf dem Pausenplatz Schweizer Mundart gesprochen haben, stand ich jeden Tag vor der Herausforderung: Wie asoj kann ich Deutsch unterrichten?

Der Schlüssel zur Beherrschung einer Sprache liegt in den Büchern – dachte ich zumindest. Ich habe eine kleine Klassenbibliothek aufgebaut: Die drei ???, Immer dieser Michel, Emil und die Detektive und die Lustigen Taschenbücher.

reklamation Es dauerte nicht lange, bis die ersten Reklamationen eingingen. Die Eltern erbosten sich ob des Inhalts, die Kinder wollten mehr Lustige Taschenbücher. Ein Rabbiner, der ebenfalls an der Schule unterrichtete, schrieb den aufgebrachten Eltern, dass er persönlich meine Bücher kontrollieren werde.

Das dauerte sehr lange. Denn er nahm die Sache ernst und las jedes einzelne Buch. Mit Tipp-Ex strich er alle Stellen durch, die problematisch sein könnten. Wenn in einem Roman zum Beispiel stand: »Michael blickte Vivienne lange an«, ersetzte er Vivienne durch Mojsche.

liebesgeschichte So entstand die Liebesgeschichte zwischen Michael und der blonden Mojsche. Ich kratzte mich am Hinterkopf, aber war schlussendlich einverstanden. Hauptsache, die Kinder lesen etwas auf Deutsch. Im deutschsprachigen Raum ist koschere Lektüre tatsächlich Mangelware. Der Markt ist viel zu klein. Ich habe einmal selbst versucht, ein koscheres Jugendbuch zu schreiben. Die Hauptfigur – wieder Mojsche – war ein fleißiger Junge, der seinen Eltern immer gehorchte und in seiner Freizeit der Nachbarin von nebenan beim Schneeschaufeln half. Nach ein paar Seiten begann ich, Mojsche zu hassen, und zerknüllte den Entwurf.

In Amerika hätte ich diese Probleme nicht. Da gibt es die Organisation »MCS – Menucha Classroom Solutions«. Menucha heißt Ruhe. Die Organisation hat einen Kanon säkularer Kinderliteratur herausgegeben.

BILDERBÜCHER Die Bücher werden in vier »Censor Levels« unterteilt, die den Lehrpersonen eine erste Einschätzung ermöglichen. Zensurstufe eins ist absolut unbedenklich. Hier handelt es sich vor allem um Bilderbücher, wie Ich verliere einen Zahn!.

Jugendbücher aber, die in die Zensurstufe drei fallen, sind problematisch. Sie beinhalten Fluchwörter wie »verdammt«, »Teufel« oder »Flirt«. Diese Bücher müssen gekaschert werden. Zum Beispiel mit Tipp-Ex oder mit Seite herausreißen. Unter Zensurstufe vier fallen zwar nicht Eminem-Liedtexte, aber Bücher wie Muggie Maggie oder Peanuts Volume 3. Die Organisation beruhigt aber: Wenn man die entsprechenden Stellen zensiert, stehe dem Lesevergnügen nichts im Weg.

Und jetzt, Michael und Mojsche, dürft ihr euch küssen.

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