Finale

Der Rest der Welt

Vergangene Woche besuchte ich den Vortrag eines berühmten Rabbiners. Er war der persönliche Abgesandte eines noch berühmteren Rabbiners. Zurzeit hetzt er von einem Ort zum anderen und versucht, die religiösen Juden vor dem Internet zu warnen. Der Vortrag stand unter dem Motto: »We can’t live with it and we cannot live without it«. Übersetzt heißt das: »Wir können nicht mit, aber auch nicht ohne Internet leben«. Den Spruch sagen manchmal auch Männer über ihre Frauen.

Der Rabbiner versuchte aber gar nicht zu erklären, warum man nicht ohne Internet leben kann. Denn die Abgründe, die er auf Jiddisch darstellte, erschauerten mich und das Publikum. Von einem jungen Mädchen, charedisch, wurde berichtet, das sorglos mit einem Fremden chattete. Die junge Frau aus Jerusalem war von dem Fremden so eingenommen, dass sie beschloss, ihrem Herzen zu folgen. Jetzt lebt sie in Panama!

Wikipedia Ich entschied mich, nie wieder mit fremden Männern zu chatten. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Der Abgesandte setzte gegen Wikipedia an. Eine harmlose Seite, würde man denken. Zu jedem Stichwort werden dort Erklärungen aufgelistet. Nu, nu. In Wirklichkeit, so der Rabbi, kann dort jeder Narr einen Blödsinn verzapfen. Und das hat Folgen für unsere Kinder.

Denn die wachsen mit der Erkenntnis auf, dass auch sie zu jedem Thema ihren Senf dazugeben können. Als Lehrer ist das natürlich eine Horrorvorstellung. Wir wollen gar keine Kinder, die sich immer melden und alles besser wissen. Ich stelle fest, dass sich seit ein paar Jahren Schüler immer wieder zu Wort melden, wenn sie meinen, ich hätte an der Wandtafel ein Wort falsch geschrieben. Früher war das noch anders. Da haben die ganz abgeschrieben und den Mund gehalten. Ich beschloss, nie wieder Wikipedia aufzurufen.

Ich blickte um mich. Im Saal saßen viele andere religiöse Männer. Einer hielt die ganze Zeit einen Talmudfolianten in der Hand und blätterte darin, wenn gerade eine Pause entstand. Es war sehr still im Raum, nur manchmal hörte man das Läuten von einem Smartphone. Einer schrieb Notizen auf. Vielleicht, dass er nicht mehr auf PornTube gehen darf. Nach einer Stunde war ich erschöpft und musste kurz nach draußen gehen.

Das Internet, dem ich meine Frau und meinen Job verdanke, hat in dieser kurzen Zeit ein neues Gesicht bekommen. Ich fühlte mich 20 Jahre zurückversetzt, als mir Pepsi erklärte, dass Coca-Cola ein scheußliches Getränk ist. Aber jetzt ist alles anders. Nach Schabbes schmeiße ich das Internet aus dem Fenster. Mal schauen.

Debatte

Danger Dan und Igor Levit: So reagiert »Die Anstalt« in ihrer Sendung auf die Absage des ZDF

In seiner Jubiläumssendung geht es ausführlich auf den Streit ein

 19.07.2026

NRW

Minister sieht bei Danger Dan-Song Nähe zu Extremisten

Der Rapper Danger Dan darf einen neuen Song nicht in der Satiresendung »Die Anstalt« präsentieren. Nun meldet sich der NRW-Medienminister zu Wort, der auch im ZDF-Fernsehrat sitzt

 18.07.2026

Zahl der Woche

70 Prozent

Fun Facts und Wissenswertes

 18.07.2026

Kommentar

Absage an Danger Dan und Igor Levit: Das ZDF hat absolut richtig gehandelt

Nicht alles, was nicht justiziabel ist, muss auch gesendet werden. Schon gar nicht unverhohlene Aufrufe zur linksextremen Gewalt und Verherrlichung der »Hammerbande«-Terroristen

von Philipp Peyman Engel  18.07.2026 Aktualisiert

WM-Nachlese mit Marcel Reif

»Man muss Infantino zum Teufel jagen und die FIFA auflösen«

Der Moderator und Fußballexperte spricht im Interview über seine persönlichen Highlights und Enttäuschungen der WM, über surreale Argentinier und die Sinnhaftigkeit der Trinkpausen

von Michael Thaidigsmann  17.07.2026

Aufgegabelt

Zum Dippen: Tarator

Rezepte und Leckeres

 17.07.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 17.07.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Sommerfrische oder Warum die Blütezeit dieses nostalgischen Wortes vorbei ist

von Nicole Dreyfus  17.07.2026

Lesen

Welches Buch am Strand?

Redakteurinnen und Redakteure der Jüdischen Allgemeinen geben Tipps für die Urlaubslektüre

 17.07.2026