Finale

Der Rest der Welt

Mein Sohn soll in seiner Verkleidung als Gangster-Rapper glaubwürdig rüberkommen. Foto: Thinkstock

Es gibt Tage, an denen einfach nichts funktioniert. Wie heute. Eigentlich fing es schon gestern an. Mein Sohn meckerte den ganzen Abend, weil ihm unsere Vorbereitungen zum Schulfasching nicht passten. Seiner Meinung nach sollten wir 20 Obstspieße zubereiten und ihm zur Feier in die Schule mitgeben – das sei die Sorte Essen, die bei der Party angesagt sei. »Kommt nicht infrage«, sagte mein Mann. »Zu viel Stress.«

Ich hatte keine Lust, die perfekte Mutter zu spielen, außerdem wusste ich sowieso nicht, wo die Plastikspieße abgeblieben waren. Also stimmte ich sofort ein: »Soll ich mich morgen etwa eine Stunde in die Küche stellen, nur wegen Obstspießen? Kommt nicht infrage. Ich muss früh zur Arbeit.«

Gebrüll Mein Sohn behauptete, es ginge nur um eine halbe Stunde. Außerdem würde er die Obstspieße auch alleine vorbereiten. Ich konterte, er würde höchstens einen einzigen Apfel schneiden, der Rest bliebe wie immer an mir hängen. Irgendwie endete der Abend in allgemeinem Gebrüll.

Der Morgen wurde leider nicht besser. Dabei waren wir so gut vorbereitet: In einem angesagten Berliner Faschingsladen hatten wir selbstklebende Tattoos erstanden, damit mein Sohn in seiner Verkleidung als Gangster-Rapper glaubwürdig rüberkommt. Aber ich scheiterte nicht nur an Obstspießen, sondern auch an den Faschingstattoos: Das erste Tattoo zerriss sofort, weil ich zwei Enden übereinander legte.

Das zweite Tattoo haftete gar nicht am Arm, weil ich vergessen hatte, die Plastikfolie abzuziehen. Den Rest der Tattoos fand mein Sohn doof – und Fasching ohne Tattoos und Obstspieße eine absolut sinnlose Veranstaltung. Da würde er doch lieber gleich zu Hause bleiben. Ich redete eine Viertelstunde auf ihn ein und kam zu spät zur Arbeit.

Harmonie Normalerweise rettet das Büro meine Laune: Denn wenn zu Hause Streit angesagt ist, herrscht auf der Arbeit garantiert Harmonie pur. Keiner meckert, keiner streitet, und Obst gibt es für alle, ohne dass irgendjemand Spieße verlangt.

Aber heute fällt die Arbeitstherapie reichlich intensiv aus: Punkt 11 Uhr habe ich erfahren, dass ich bis 15 Uhr einen möglichst lustigen Text schreiben soll. Passend zum Fasching. Helau! Was sagen unsere Weisen in solchen Fällen? Im Talmud steht: »Es ist uns gegeben, am Werk zu arbeiten, aber es ist uns nicht gegeben, es zu vollenden.«

Recht haben die Gelehrten. Denn heute Abend wartet die nächste Herausforderung: Mein Sohn und zwei Mitschüler müssen ein Deutschreferat zum Thema »Wildschwein« vorbereiten. Mein einziger Trost: Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Dann können wir das Faschingskostüm für Purim recyceln und neue Tattoos kaufen. Ich habe beschlossen, dass ich mich als Wildsau verkleide. Beim Dekoladen um die Ecke gibt es garantiert das passende Kostüm.

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