Finale

Der Rest der Welt

Französisch oder israelisch? Egal – Hauptsache: zwölf Prozent Alkohol. Foto: Thinkstock

Am Schabbat hatten wir Besuch von Lars. Er ist 33 Jahre alt, Schweizer Steuerbeamter, verheiratet mit Julia, 27 Jahre, und Vater von Kevin, 4 Jahre. Lars will Jude werden. Seine Frau Julia ist davon wenig begeistert. Sohn Kevin hat noch nicht so viel darüber nachgedacht.

Lars sitzt neben mir. Ich mache den Kiddusch und schneide die Challot auf. Lars lächelt. Er kann schon Hebräisch lesen und findet alles toll am Judentum.

Meine Frau serviert den ersten Gang, eine Möhrensuppe. Lars ist vom Essen sehr angetan. Er fragt: »Ist das eine typisch jüdische Suppe?« Das wäre zwar neu für mich. Andererseits will ich ihn nicht enttäuschen und nicke zustimmend. »Mhm, das ist eine herrliche jüdische Suppe!«, schwärmt Lars.

Etikett Ich gieße ihm den Wein ein. »Ich mag diesen israelischen Wein! Er hat so einen tollen Abgang!«, sagt mein Gast. Ich gucke auf das Etikett. Da steht etwas auf Französisch. »Julia und ich waren vergangenen Herbst in Israel. Ich stand an der Klagemauer und da habe ich gespürt: Gott ist da. Er will, dass ich jüdisch werde. Weißt du noch, Julia?«

Julia lächelt verlegen. Kevin planscht mit den Händen in der Suppe. Eine riesige Sauerei. Die schöne Möhrensuppe! Wäre Kevin mein Kind, dann würde ich jetzt kräftig auf den Tisch hauen und den Balg anschreien! Ich sage aber nur: »Ach, das ist doch nicht schlimm.«

Lars hat sowieso nichts davon mitbekommen. Er steht nämlich an der Bücherwand und hält einen Chumasch in der Hand. Begeistert liest er vor: »Wajedaber Adonai – Und also sprach Gott.« Dann wird er ernst: »Das Neue Testament gefällt mir gar nicht. Ich lese nur das Alte.« Ich weiß nicht so recht, wie ich reagieren soll.

Zum Glück tischt meine Frau den zweiten Gang auf. Fleisch. Schnell setzt sich Lars wieder hin. Er ist – begeistert. »Das ist aber ein zartes Fleisch. Das schneide ich ja wie Butter!« Erschrocken hält er die Hand vor dem Mund. Hat sich Lars verschluckt? Nein, Gottlöbchen nicht.

Butter Aber er habe gerade erwähnt, dass er unser Fleisch wie Butter schneide. Und man dürfe doch nicht Fleisch und Butter zusammen essen! Ich verstehe nix. »Aber Herr Frenkel, zwischen Fleisch und Butter muss man ja drei Stunden warten!« Ich verstehe immer noch nix.

Julia gelingt es, ihn zu beruhigen. Derweil schreit Kevin: »Essen scheiße!« Meine Kinder lachen. Ich gieße mir schnell ein zweites Glas Wein ein. Französisch oder israelisch? Mir egal – Hauptsache: zwölf Prozent Alkohol.

Dann das Tischgebet. Lars bittet, den ersten Segensspruch vorzulesen. Baruch Atah. Kevin kriecht unter den Tisch und zupft an allen Hosen. Endlich ist das Tischgebet zu Ende. Lars ist dem Judentum wieder ein Stück nähergekommen – und ich der Weinflasche.

Großbritannien

London ehrt Stefan Zweig

84 Jahre nach seinem Tod wird der berühmte österreichische Schriftsteller Stefan Zweig in London geehrt. Dorthin war er 1936 vor den Nazis geflohen

 02.07.2026

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« gegründet

Rund 60 Theaterschaffende haben in Augsburg ein neues Netzwerk gegen Judenfeindlichkeit ins Leben gerufen. Ihnen geht es etwa darum, antisemitismuskritische künstlerische Werke zu entwickeln. Und sie wollen expandieren

von Christopher Beschnitt  02.07.2026

Kulturkolumne

In der Hitze des Sommers

Zwischen Deutschland und Israel: Wenn die Luft sich nicht bewegt und die Zeit stillsteht

von Laura Cazés  02.07.2026

Thüringen

Achava-Festspiele: Dialog zwischen Religionen und Kulturen

Die Achava-Festspiele gehen mit mehr als 80 Veranstaltungen in ihre zwölfte Ausgabe. Neben Konzerten umfasst das Programm Ausstellungen, Filme, Vorträge, interreligiöse Begegnungen sowie Angebote für Familien und Schulen

 02.07.2026

Weimar

Ausstellung zeigt Verstrickung von Ärzten im NS-Staat

Die Weimarer Ausstellung »Systemerkrankung« skizziert ausgewählte Biografien von Medizinern im NS-Staat. Die Texte und Hörstationen ordnen dabei die Rolle der individuellen Verstrickungen, aber auch Widerstandshandlungen zwischen 1933 und 1945 ein

 02.07.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  02.07.2026

Bachmannpreis

Sie ging – der Roman kommt

Die Autorin Slata Roschal las in Klagenfurt ihren Text »Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet«. Und sie verursachte einen kleinen Skandal

von Katrin Richter  02.07.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 2. Juli bis zum 9. Juli

 01.07.2026

Künstliche Intelligenz

Ich schreibe, also bin ich

Noch nie war es so einfach, Gedanken mit KI in Worte zu fassen. Doch was bedeutet das für unser Denken, unseren Journalismus und eine der grundlegendsten menschlichen Fähigkeiten?

von Nicole Dreyfus  01.07.2026