Finale

Der Rest der Welt

Endlich habe ich einen Grund, meinem 50. Geburtstag entgegenzufiebern: Der »Club of Rome« hat eine Prämie von 80.000 Dollar für jede Frau vorgeschlagen, die mit 50 nur ein Kind zur Welt gebracht hat oder kinderlos bleibt. Für diesen Vorstoß zur Bekämpfung der Überbevölkerung hat der Verbund, der sich »für eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft der Menschheit« einsetzt, viel Prügel bezogen.

Ich hingegen, als späte Mutter eines einzigen Sohnes, finde die Idee ausgezeichnet. Das Geld könnte ich gut gebrauchen, außerdem wären die 80.000 Dollar angemessenes Schmerzensgeld für alle Gespräche, die mir jüdische Eltern jahrelang reingedrückt haben (»Wann kommt das Nächste?«, »Soll der Ärmste wirklich Einzelkind bleiben?«, »Wir kennen da einen Top-Experten für Kinderwunschbehandlung!«). Schmerzensgeld hätten aber auch meine kinderlosen Freundinnen verdient – dafür, dass sie bis zu ihrem 50. Geburtstag und darüber hinaus mitleidige Blicke von Leuten ertragen müssen, die ernsthaft glauben, dass nur Kinder dem Leben einen Sinn geben.

club of rome Natürlich besteht die Ablehnungsfront gegen den Vorschlag des Club of Rome vor allem aus Eltern von zwei oder mehr Kindern. Sie reden ja gerne von den großen Opfern, die sie für ihren Nachwuchs bringen. Dabei tragen gerade diese Leute zum Klimawandel und damit zum sicheren Weltuntergang bei, denn die CO2-Produktion steigt mit jedem einzelnen Haushaltsmitglied. Zudem bringen auch wir Einzelkindeltern Opfer, und das nicht zu knapp.

Wenn Geschwisterkinder am Wochenende im Kinderzimmer friedlich miteinander spielen, bin ich damit beschäftigt, gegen meinen Sohn bei »Monopoly« oder »Payday« zu verlieren und ihn zum Schwimmunterricht oder zu seinen Freunden quer durch die Stadt zu kutschieren. Währenddessen sitzen meine Freunde, die Mehrkindeltern, gemütlich im Wohnzimmer und lesen Zeitung! Abends dann engagieren sie die großen Geschwister als Babysitter und gehen ins Kino, sparen also bares Geld. Was sind dagegen schon 80.000 Dollar?

mischna Ehrlicherweise muss ich einräumen, dass der Vorschlag aus »jüdischer Sicht«, wie man das in unserer Redaktion gerne nennt, einen Haken hat. Die Mischna lehrt, das Gebot »Seid fruchtbar und mehret euch« sei mit einem Sohn und einer Tochter erfüllt. Säkularen Juden ist das oft schon zu viel, während die Ultraorthodoxen das Gebot erst nach acht Jungen und acht Mädchen erfüllt sehen. Prämien für Einzelkindmütter würden also der weltweiten Schwächung des säkularen Judentums Vorschub leisten.

Außerdem könnte es passieren, dass Frauen, die im letzten Moment einen »regretting non-motherhood«-Flash schieben, an ihrem 50. Geburtstag die Prämie kassieren und davon eine Embryospende finanzieren. Vielleicht sollte man die Summe erst an 80-jährige Weniggebärende auszahlen? Die haben ja keine Kinderschar, die ihre Pflege übernimmt!

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