Finale

Der Rest der Welt

Die Feiertage stehen vor der Tür. Als Zugezogene, ein Status, den man wohl erst nach zehn Jahren, drei Start-up-Pleiten und fünf gentrifizierungsbedingten Umzügen ablegen darf, stehe ich damit vor der alljährlichen Frage: In welche Berliner Synagoge möchte ich zu Rosch Haschana und Jom Kippur gehen?

Während etablierte und alteingesessene Familien ihren Platz im jüdischen Hauptstadtgefüge von Generation zu Generation vererben, hat man als vogelfreies, ungebundenes Individuum die Qual der Wahl. Wobei ich Qual wörtlich meine.

In Berlin geht man nicht einfach in die eine vorhandene Synagoge. Hier muss man sich seinen Tempel tatsächlich aussuchen und riskiert damit, sich um Kopf und Kragen zu beten, wenn es in den Augen der Freunde der falsche ist.

Risiko In Köln, Düsseldorf und Mannheim läuft es anders: Hier geht man zum Beten in die einzige Synagoge und damit das kalkulierte Risiko ein, auf ausgesuchte Leute zu treffen, die man das gesamte Jahr erfolgreich gemieden hat. Was natürlich niemanden daran hindert, Jahr für Jahr über die Hitze, die Akustik und das mittelmäßige Schofarblasen des Kantors herzuziehen.

Elf offizielle Synagogen gibt es in Berlin, die unterschiedlicher nicht sein könnten und jedem Juden ein religiöses Zuhause bieten. Das ist die romantische Version. Die Realität sieht so aus, dass der elitäre Charlottenburger gerne mal die Nase rümpft, wenn man ihm von den netten Israelis mit Rastazöpfen in der Synagoge am Fraenkelufer berichtet.

Andersherum gilt natürlich auch, dass der freiberufliche Theaterkritiker aus dem Prenzlauer Berg den Kopf schüttelt, wenn er an die Menge von Chanel-Parfum und Botox in der Synagoge Joachimsthaler Straße denkt. Bei Chabad stellt man sich vor, dass in der Pestalozzi-Synagoge während des Kol Nidre Cheeseburger und iPhones verteilt werden. Die Rykestraße bekommt von alledem gar nichts mit, weil während des Avinu Malkeinus im Saal nebenan ein Benefizkonzert für irgendeine philosemitische Kulturstiftung stattfindet.

Hopping Obwohl ich mir bewusst bin, dass es schick ist und zum Lifestyle gehört, in Berlin seine Haus- und Hofsynagoge zu haben, mache ich seit einigen Jahren echtes Synagogen-Hopping. Viele Klischees wurden bestätigt, viele widerlegt. Ob es in der Pestalozzistraße nun Cheeseburger oder in der Joachimsthaler Botox gab, lasse ich mal offen. Ich kann jedoch jedem empfehlen, bei Gelegenheit über den eigenen Tellerrand zu schauen und sich einmal quer durch alle Gotteshäuser zu beten.

Allen Skeptikern sei gesagt, dass jedes Mal, wenn sie einen Tempel besuchen, es weiterhin zehn Synagogen gibt, die sie meiden können. Dazu fällt mir ein Witz ein: Was macht ein Jude, der wie Robinson auf einer einsamen Insel strandet? Er baut zwei Synagogen. Und was sagt der einsame Jude, wenn man ihn nach Jahren endlich findet? Die erste Synagoge ist für mich. Die zweite ist die, in die ich niemals gehen würde. Schana Towa!

Kommentar

Wer kann das noch ernst nehmen?

Immer mehr zeigt sich: Anmoderation und Exekution von Unwahrheiten und falschen Fakten vor einem Millionenpublikum sind kein ärgerlicher Ausrutscher, sondern gezielte Agitation

von Daniel Killy  23.06.2026

Essay

Fallstricke des Wokeismus

Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte bilden ein berechtigtes Korrektiv, aber was über Israel verbreitet wird, bedarf grundlegender Korrekturen

von Richard Blättel  22.06.2026

Hören

»Amalie’s Cosmos«

Die in Paris geborene Harfenistin Anne-Sophie Bertrand stellt eine deutsch-jüdische Salonnière ins Zentrum ihres neuen Albums

von Claudia Irle-Utsch  22.06.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  22.06.2026

Jubiläum

Mit diesen prominenten Weggefährten feiert Wolf Biermann seinen 90. Geburtstag

Der legendäre Liedermacher wird am 15. November 90 Jahre alt

 22.06.2026 Aktualisiert

Kulturkolumne

Warum ich bei Fußball im Fernsehen besonders gut einschlafe

Hinter dem Phänomen steckt eine lange Familiengeschichte – unsere Autorin nimmt Sie mit auf eine Zeitreise

von Maria Ossowski  22.06.2026

Los Angeles/New York

Hitler-, Grusel- und Helden-Parodien: Mel Brooks wird 100

Nur wenige haben einen Oscar, Emmy, Tony und Grammy gewonnen. Das jüdische Multitalent Mel Brooks zählt dazu. Jetzt wird der Komiker und Regisseur 100 - und zeigt, dass er noch immer Menschen zum Lachen bringt

von Barbara Munker  22.06.2026

Literatur

Jelinek lässt Fuchs und Hase über Kapitalismus sprechen

Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek feiert im Oktober ihren 80. Geburtstag. Ihr aktuelles Werk »Unter Tieren« zeigt sie einmal mehr als scharfe Gesellschaftskritikerin

von Sibylle Peine  21.06.2026

Auszeichnung

Duisburger Musikpreis für Igor Levit

Die Stadt Duisburg ehrt den jüdischen Pianisten Igor Levit mit ihrem Musikpreis. Gewürdigt wird nicht nur das künstlerische Können des 39-Jährigen, sondern auch sein gesellschaftliches Engagement

 21.06.2026