Finale

Der Rest der Welt

Dieses Pessach habe ich in einem Altersheim gefeiert. Ich hatte das verlockende Angebot erhalten, für etwas Geld dort den Sederabend durchzuführen. Natürlich sagte ich sofort zu. Im Vorgespräch erfuhr ich dann, dass ich vor allem schön singen sollte. Bitte keine Eigenkompositionen, sondern die altbekannten Melodien. Schon bereute ich meine Voreile. Denn zu Hause lese ich die Haggada schnellstmöglich durch. Das Wichtigste am Sederabend sind doch die Speisen und die vier Becher Wein.

youtube Absagen konnte ich aber nicht mehr. So setzte ich mich an den PC und textete einen neuen Bildschirmschoner: »Melodien zur Haggada lernen!« Nach zwei Wochen fragte meine Frau, wie weit ich schon mit der Seder-Vorbereitung sei. Ich zeigte ihr den Bildschirmschoner. Dann begann ich, mich in meine Aufgabe zu vertiefen. Auf einer Internetseite hatte ich gelesen, dass früher Kantoren ein rohes Ei vor dem Auftritt runterschluckten. (Natürlich schlugen sie es zuerst auf.) Ich bat meine Frau, mir bis Pessach jeden Tag ein Ei zu braten, mit Mehl, Zucker, Ingwer und Schokoladenraspel.

Dann klickte ich mich durch YouTube. Beim Suchbegriff »Seder Songs« erhielt ich beinahe 10.000 Treffer. Unter den Interpreten waren Alte, Junge, Rabbiner, Nichtjuden und viele andere mehr. Ich musste eine Auswahl treffen. Nach vielen Überlegungen entschied ich mich für eine Frau. Sie hieß Rivka und schien 120 Kilogramm schwer zu sein.

In den Händen hielt sie eine Gitarre, die unter ihrem mächtigen Busen wie eine Ukulele wirkte. Während Rivka die Saiten zupfte, brüllte sie die Lieder in die Webkamera. Ihre großen Brüste baumelten hin und her und halfen mir, im Takt zu bleiben.

kiddusch Zuerst brachte mir Rivka den Kiddusch bei. Dabei stand sie auf und legte das einzige Mal die Gitarre weg. Sie hielt den Becher Wein vor die Kamera und schmetterte die Segenssprüche in alle Himmelsrichtungen. Ich versuchte mitzusingen und drückte immer wieder auf Pause. Ich übte und übte.

Irgendwann begann ich, mich für Rivka persönlich zu interessieren. Wie hieß sie wohl mit Nachnamen? War sie noch Single? Meine Frau lächelte zunächst darüber. Doch als Pessach näherrückte, begann sie sich zu beschweren. Aus meinem Arbeitszimmer höre sie in letzter Zeit nur noch das Kreischen einer Frau! Ich schaute sie böse an (meine Frau, nicht Rivka!).

Nach langen Übungsstunden war ich dann endlich so weit. Ich sang mit den Pensionären die ganze Haggada rauf und runter. Kein Lied ließen wir aus. Ich war recht passabel. Ganz am Ende erhielt ich von einer alten Frau sogar das Lob, ich würde wie eine Frau singen! Danke, danke. Aber eigentlich gebührt das Kompliment Rivka.

Buchpremiere

Hinter jedem Namen steht ein Schicksal: Ein Klassenfoto aus dem Jahr 1937 als Zeugnis jüdischen Lebens

Was wurde aus den Kindern auf einem Münchner Klassenfoto von 1937? Zwei Historikerinnen haben die Lebenswege der Schülerinnen und Schüler rekonstruiert. Ihr Buch erzählt von Verfolgung, Flucht, Überleben und Erinnerung

von Christiane Laudage  24.09.2026

Lesen!

»Leonard Cohen. 100 Seiten«

Dem Literaturwissenschaftler Oliver Kobold gelingt ein besonderes Porträt des Sängers

von Leon Stork  24.09.2026

»Imanuels Interpreten« (25)

Pancho Vladigerov: Meister der Klänge

Er studierte in Berlin, kooperierte mit Max Reinhardt und komponierte umwerfende Symphonien. Dennoch ist er fast nur in seinem Heimatland bekannt

von Imanuel Marcus  24.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  23.09.2026

Fernsehen

Adolf und seine »Akte«

Die fünfte Staffel von »Babylon Berlin« spielt 1933 zur Zeit von Hitlers Machtergreifung. Unterhaltung mit politischem Anspruch, aber stimmen die Fakten?

von Ayala Goldmann  23.09.2026

Berlin-Wahl

»Die Linke ist keine antisemitische Partei, aber sie hat ein Problem mit Antisemitismus«

Der Comedian äußerte sich im Interview mit dem Tagesspiegel zur Berliner Wahl und zu einer progressiven linken Haltung zu Israel

 23.09.2026

Theater

Abgrund statt Parabel

In seiner Inszenierung von »Mephisto« spürt Frank Castorf den verborgenen Anziehungskräften des Faschismus nach und verzichtet dabei auf einfache Aktualisierungen

von Leon Stork  23.09.2026

Münchner Philharmoniker: Antrittskonzert von Lahav Shani

Musik

Berauschender Auftakt

Lahav Shani startet fulminant als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker

von Michael Schleicher  22.09.2026

UEFA Nations League

»Dummheit und Heuchelei«: Israelische Fußballer weisen Völkermord-Vorwürfe aus Irland zurück

Israels Fußballverband wehrt sich gegen Aussagen des irischen Nationaltrainers Heimir Hallgrimsson, der vor dem anstehenden Länderspiel gesagt hatte, Irland werde »gegen den Genozid« antreten

 22.09.2026