Finale

Der Rest der Welt

Purim steht vor der Tür. Aus diesem Anlass möchte ich Ihnen eine Frage stellen: Kennen Sie das hebräische Lied: »Lechajej Haam Haze«? Zu Deutsch: »Auf das Leben dieses Volkes«. Falls ja, was ist Ihre Meinung dazu? Was soll diese Frage, werden Sie antworten: Nichts ist angesagter, als auf das Leben des jüdischen Volkes zu trinken – und das definitiv an Purim.

Aber kennen Sie auch den zweiten Teil der Zeile: »sche kama tov schehu kaze« (»denn es ist super, dass dieses Volk so ist, wie es ist«)? Klar, werden Sie sagen! Wir sind, wie wir sind, und das ist auch gut so. Aber mal ehrlich, stimmt das zu 100 Prozent? Jeder von uns kennt ein paar Leute, bei denen er so seine Zweifel hat. Und manche würden sogar bestreiten, dass der Liedtext über das wundervolle jüdische Volk auch Leute wie mich einschließt.

J-Date Vor ein paar Jahren, damals als Single, war »jüdisches Leben« für mich etwas, worüber ich berichtet habe – von außen. Ich hielt meinen Mit-Juden das Mikrofon hin, dann kehrte ich ins Privatleben zurück. Ansonsten beschränkte sich meine »Jüdischkeit« auf J-Date, Israel-Reisen, die Lektüre hebräischer Romane (meistens bis Seite 20, danach hielt ich mich an die Übersetzung), Gefilte-Fisch-Konserven, Shlomo-Artzi-CDs und die jährlichen Bemühungen, von der israelischen Mischpoche zum Seder eingeladen zu werden. Meistens klappte das gut. Jetzt aber, mit Kind, Familie und Gemeindeleben, bin ich ein Teil des Ganzen.

Und was Alltag mit Juden bedeutet, das kennen Sie ja selbst. Immer wissen sie alles besser, immer mischen sie sich ein. Haben Sie schon den alten israelischen Witz gehört: Warum kommt der Israeli nicht auf der Straße zur Sache? Antwort: Weil sonst zehn andere Israelis auftauchen und Hinweise geben wollen, welche Stellung sie für die beste halten. Leider hat dieser Witz – selbstverständlich nur im übertragenen Sinn! – auch in der Diaspora einen wahren Kern.

Eizes Interviewen Sie einen Nichtjuden, verhält er sich höflich und findet es toll, mit einer jüdischen Mitbürgerin sprechen zu dürfen. Reden Sie mit einem Juden, gibt er ungebetene Eizes und will den Text am liebsten selbst schreiben. Und falls ihm das Ergebnis nicht passt, lässt er durchblicken, schon sein Urgroßvater sei Gemeindevorsitzender gewesen, oder er droht gleich mit dem Jüngsten Gericht.

Wie sagte Albert Einstein: »Schau ich mir die Juden an, hab ich wenig Freude dran ...« Doch ich möchte auch diese Zeile nicht unvollständig zitieren: »Fallen mir die andern ein, bin ich froh, ein Jud zu sein!« Selbstverständlich hatte Einstein recht! Und falls daran Zweifel aufkommen, werde ich an unsere Feinde denken und mir die Juden an Purim einfach schöntrinken: mit Goldstar und Gin Tonic, bis ich zwischen Mordechai und Haman nicht mehr unterscheiden kann. Und wenn mich am Morgen danach die schlimmste Migräne meines Lebens plagt, werde ich fröhlich singen: »Lechajej Haam Haze…«.

Los Angeles

Scarlett Johansson erhält »Movie Star«-Preis

Die Anwärter und Gewinner werden ausschließlich von Fans gewählt

 08.12.2021

Louis Fürnberg

Linientreuer Dichter

Sein Lied »Die Partei hat immer recht« war die heimliche Hymne der SED. Über den Verfasser ist jetzt ein Buch erschienen

von Tobias Kühn  08.12.2021

TV-Tipp

Zurück nach Berlin?

Eine neue Reportage auf Arte über Londons Juden nach dem Brexit

von Christof Bock  07.12.2021

Streaming

Midge macht weiter

Die Erfolgsserie »The Marvelous Mrs. Maisel« geht demnächst in die vierte Staffel – endlich!

 07.12.2021

Los Angeles

Grammys ohne Drake

Der kanadisch-jüdische Rapper zieht seine Nominierungen für den begehrten Musikpreis zurück

 07.12.2021 Aktualisiert

Medien

Indendant der Deutschen Welle: Grundsätze zu Antisemitismus und Israelhass unverhandelbar

Peter Limbourg: »Hier geht es einfach um private, widerliche Äußerungen Einzelner«

 07.12.2021

New York

Investment-Banker darf keine Antiquitäten mehr kaufen

Der 80-Jährige Michael Steinhardt händigte den Behörden rund 180 illegal erworbene antike Werke aus

 07.12.2021

Literatur

Gefangen im inneren Ghetto

Ein jüdischer Pole flieht vor dem Zweiten Weltkrieg nach Argentinien – und wird dort von Schuldgefühlen zerfressen

von Anina Valle Thiele  06.12.2021

»ZEITGeschichte«

Ohne Klischees

Das neues Magazin der »ZEIT« beschreibt jüdisches Leben in Deutschland im Laufe der Jahrhunderte

von Alexander Friedman  06.12.2021