Nachruf

Der Körperkünstler

Lucian Freud mit einem Selbstporträt Foto: dpa

Eine Fotografie von 2005 zeigt Lucian Freud in seinem Atelier mit freiem
hagerem Oberkörper. Seine ausgestreckte Linke sucht aus dem geordneten
Chaos der Malutensilien die richtigen Pinsel heraus, der Kopf seitlich
gedreht; in der angewinkelten Rechten die Farbpalette.

Der
am 8. Dezember 1922 in Berlin geborene Freud war rechtzeitig mit seiner
Familie aus Nazideutschland nach England emigriert. Mit Francis Bacon
und Frank Auerbach gehörte er zum international strahlenden Dreigestirn
des expressiven englischen Realismus.

Den von René Magritte, dem
großen Ironiker des Surrealismus, so nachhaltig postulierten
Unterschied zwischen Realität und Abbild – die im schönen Beispiel
gipfelt, eine gemalte Pfeife sei keine wirkliche Pfeife, sondern eben
nur ihr Abbild – fegte Freud gnadenlos hinweg. Mit einer Malerei, die
sich nicht der Farbe zu bedienen schien, sondern wie aus Fleisch und
Blut geformt daherstolzierte. Freud wollte niemanden abbilden, sondern
die Person auf der Leinwand erschaffen, die er malte: der Künstler als
Weltenschöpfer.

geschlechtlichkeit Lucian
Freud war ein Enkel des Psychoanalytikers Sigmund Freud. Das verführt
natürlich zu psychologischer Spurensuche in seinem Werk. Doch solche
Spuren lassen sich nicht allzu leicht finden. Die Tiefe der Seele, die
sein Großvater zu ergründen suchte, interessierte den Maler‐Enkel nicht.
Seine Passion war die sichtbare Oberfläche, der menschliche Körper mit
seiner alles dominierenden Geschlechtlichkeit. Das männliche Genital,
ohne Scham präsentiert. Brüste, die jeden ödipalen Traum erfüllen.
Vielleicht war der Maler dem Psychoanalytiker doch näher als ihm und
seinen Interpreten lieb ist.

Die kostspieligste ödipale
Wunscherfüllung liegt auf einem etwas abgewetzten geblümten Sofa.
Tonnenschwer: Sue Tilley, genannt Big Sue. Im Mai 2008 wurde das 1995
entstandene Gemälde für 33,6 Millionen Dollar bei Christie’s
versteigert–bis dato das teuerste Bild eines lebenden Malers. Die
Londoner Berufsberaterin Tilley war für Lucian Freud ein bevorzugtes
Modell gewesen. In dem Bild Benefits Supervisor Sleeping ist sie eine Wucht: ein skulpturaler Fleischklotz im Format eines Sumokämpfers.

Der
Körper als menschlicher Makel – und dennoch kann von abstoßender
Hässlichkeit nicht die Rede sein. Alles, was an der Freud’schen Malerei
fasziniert oder abstößt, ist geradezu lebensecht auf das Sofa platziert.
Hier lässt sich dann doch ein deutlicher Hinweis auf Familiengeschichte
unterstellen, war doch das Sofa für Lucians Großvater Sigmund ein
unverzichtbares Arbeitsinstrument.

melancholie
Lucian Freud stand in der langen Tradition der europäischen
Kunstgeschichte. Gelb‐Grau‐Braun waren die von ihm bevorzugen Farben,
aus denen er seine Figuren destillierte. Und bei denen des Mannes ganze
Herrlichkeit nicht selten wie ein vertrocknetes, abgebrochenes Geäst
wirkte.

Manchen galt Lucian Freud, der zu den bedeutenden
figurativen Malern der Gegenwart zählte, als Zyniker, der sich an seinem
Bildpersonal austobte und den Körper nur als Fortpflanzungsinstrument
definiert. Doch bei allen gemalten Grausamkeiten hatten seine Figuren
stets etwas Melancholisches.

Im Selbstporträt Painter Working
von 1993, Lucian Freud war da gut siebzig Jahre alt, mag man jenen ihm
unterstellen Hang zum Exhibitionismus erkennen. Nackt bis auf die
übergroßen Schuhe, in denen sich gut und trotzig aufstampfen lässt. Eine
pastose, zerfressene, erdige Malerei. der Künstler aufrecht stehend,
gerüstet mit Pinsel und Palette zum letzten Malgefecht. Am 20. Juli ist
Lucian Freud in London im Alter von 88 Jahren gestorben.

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