Boxen

Der kleine Jude und »the Greatest«

Als der junge, großmäulige und gut aussehende Cassius Clay im Februar 1964 gerade Weltmeister im Schwergewichtsboxen wird, läuft King Levinsky durch die Zuschauerreihen und verkauft Krawatten mit Boxmotiven. »Vom King!«, preist er sie an. »Willst du eine Krawatte vom King?«. Gleich fummelt er dem zum Opfer gewordenen Kunden den Binder um den Hals.

Nur wenige Meter von Levinskys Verkaufsversuchen entfernt startet in der Convention Hall von Miami die größte Karriere der Sportgeschichte: Der Außenseiter Cassius Clay bezwingt den Weltmeister Sonny Liston. Danach verkündet Clay, dass er jetzt zur »Nation of Islam« gehört, bald nennt er sich Muhammad Ali, und mittlerweile, kurz vor seinem 70. Geburtstag am 17. Januar, gilt er als der berühmteste Muslim der Welt.

Auch King Levinsky war unter einem anderen Namen zur Welt gekommen: Hershel Krakow. Doch weil er mit seiner Schwester zusammen in Chicago ein Fischgeschäft betrieb, nannte er sich mal Kingfish, mal Fishking und schließlich nur noch King. Levinsky gehörte in den 30er‐Jahren zu den wenigen jüdischen Schwergewichtsboxern, die zur Weltspitze gezählt werden konnten.

Doch als Levinsky in Miami mit seinem Krawattenkoffer durch die Reihen geht, ist er nur das, was jedem Boxer nach seiner Karriere droht: ein Wrack. »Punch drunk«, sagt man in Amerika: einer, dessen Birne weichgeklopft wurde.

liftboy Cassius Clay kennt die Gefahr. Aber er weiß auch, was das Boxen ihm bieten kann. Kurz vor seinem WM‐Kampf hat er dem Magazin »Sports Illustrated« erzählt, wie sein Leben ohne Profiboxen aussähe: »Ich würde Fenster putzen oder in einem Aufzug stehen und ›Yes suh‹ und ›No suh‹ sagen und wissen, wo mein Platz wäre.« Oder Krawatten verkaufen.

All das will Clay nicht. Er wird stattdessen folgsamer Diener des »ehrwürdigen Elijah Muhammad«, wie Ali den Sektengründer der »Nation of Islam« nennt. Hauptanliegen der »Black Muslims« ist die Abgrenzung von der weißen Mehrheitsgesellschaft. Feind ist das »weiße«, das »christliche Amerika«. Von Juden ist noch selten die Rede. Ali wird zum militanten Prediger, aber nicht uncharmant. »Das jüdische Volk liebt seine Kultur«, begründet er 1971 seine Ablehnung jeder Integration im Streitgespräch mit dem englischen Journalisten Michael Parkinson, »und ich liebe mein Volk«.

Nur in seinem Beruf, dem Profiboxen, setzt Ali andere Prioritäten: Nicht nur, dass er mit Angelo Dundee einen weißen und katholischen Trainer hat. Gegen den Widerstand seiner neuen Berater arbeitet er auch mit Drew »Bundini« Brown zusammen: Sein Co‐Trainer und Motivationsexperte ist schwarz, christlich und mit einer weißen Jüdin verheiratet, die den ge‐
meinsamen Sohn jüdisch erzieht.

Und Alis medialer Aufstieg im amerikanischen Fernsehen ist von Beginn an mit seinem Freund Howard Cosell verbunden. Der TV‐Sender ABC‐Sports ließ den jüdischen Sportjournalisten erst vor die Kameras, als Ali Weltmeister geworden war. Nur durch Ali und sein leidenschaftliches Eintreten für den schwarzen Boxer wurde Cosell zu einem der berühmtesten Fernsehjournalisten Amerikas.

Um zu zeigen, wie bedeutend der Titel des Schwergewichtsweltmeisters ist, hat der jüdisch‐amerikanische Schriftsteller Norman Mailer die schöne Formulierung gefunden, der jeweilige Champ sei der »große Zeh Gottes«. Als Muhammad Ali 1964 den Titel gegen Sonny Liston erkämpft, hat er gegen mehr als nur einen »bad boy« des Boxgeschäfts zu kämpfen: Liston gilt als Marionette der Mafia. Der junge Herr Clay aus Louisville/Kentucky hingegen ist da noch eine Art »white hope«, ein Boxer, den sich das weiße Amerika als »Zeh Gottes« eher wünscht als den vorbestraften Analphabeten Liston.

Doch Clay enttäuscht das weiße Amerika: »Ich bin nicht der, den ihr haben wollt.« Von 1967 bis 1970 muss Ali ins »Exil«, wie er die Zeit seines Berufsverbots nennt. Sogar zu einer Haftstrafe wird Ali wegen seiner Kriegsdienstverweigerung verurteilt. Zum Politaktivisten wird er, zum Symbol der rebellischen Jugend. Und so erkämpft er sich Respekt. »Plötzlich nahm man Ali nicht mehr als den Drückeberger wahr«, schreibt der amerikanische Sportjournalist Dave Zirin, »sondern er war der Mann mit Prinzipien.«

flasche 1969 wirft ihn die »Nation of Islam« hinaus. Ali hatte die Führung nicht mehr bedingungslos anerkannt. »Ich muss erkennen, dass ich eine Flasche war, dass ich mich der falschen Bewegung angeschlossen habe«, erklärt Ali. Der endgültige Bruch mit der Sekte erfolgt aber erst 1975.

Doch boxerisch kommt er zurück. In den Jahren 1971, 1974 und 1975 absolviert Muhammad Ali vier große Kämpfe gegen Joe Frazier und George Foreman. Gegen Frazier verliert Ali ein Mal. Das zweite Mal gewinnt er, und ein drittes Mal, im »Thrilla of Manila«, wird er nur sehr knapp zum Sieger erklärt.

Gegen Foreman siegt Ali 1974 im »Rumble in the Jungle«, mitten im afrikanischen Urwald, in der Endphase des schmutzigen Krieges der US‐Army gegen den Vietkong. »Boxen war immer das beerdigte Südvietnam von Amerika«, schreibt Mailer. Was Ali, Foreman und Frazier leisten, ist jeweils ein »Kampf des Jahrhunderts«. So wird Ali mehr als nur eine Boxlegende.

Chancen hatte auch King Levinsky. 1933, die Nazis waren schon an der Macht, wurde ein spektakulärer Plan bekannt: 1934 sollte der deutsche Exweltmeister Max Schmeling gegen den amerikanischen Juden Levinsky kämpfen. Schmeling war in der Krise, er hatte gerade gegen Max Baer verloren, einen Boxer, der zwar kein Jude war, aber mit einem Davidstern auf den Trousers in den Ring trat.

Levinsky war begeistert. »Wenn Hitler Schmeling gegen mich kämpfen lässt, stimme ich auch zu, mich mit ihm im Soldier’s Field in Chicago bei freiem Eintritt zu treffen«, verkündete er. »Nachdem ich Schmeling aus dem Ring gefegt habe, werde ich mir noch in der gleichen Nacht Hitler vornehmen.«

Als politischer Boxer versteht sich Muhammad Ali auch. Er sieht sich als Vertreter der gegen den US‐Imperialismus aufbegehrenden Völker der Dritten Welt. Doch für diese Mission macht Ali, der Antirassist, auch vor Rassismus nicht halt. Sonny Liston gilt ihm nur als »hässlicher Bär«, George Foreman als »Uncle Tom«, und Joe Frazier schmäht er als »dumm«, als »Gorilla« und als »einzigen Nigger, der keinen Rhythmus hat«.

goldstein Doch nicht nur des Rassismus macht sich Ali schuldig, auch vor zumindest ungeschickten Ressentiments gegenüber Juden ist er nicht gefeit. Das fällt nur nicht so auf. Im Streitgespräch mit Michael Parkinson führt er beispielsweise aus, dass er doch nicht den Sklavennamen »Cassius Clay« tragen könne, ein Chinese könne doch auch nicht »Robert Smith« heißen und ein Deutscher nicht »Edward Goldstein«, das sei doch jüdisch.

1975 erzählt er in einem Interview mit dem »Playboy«, er hasse ja gar nicht alle weißen Menschen, »vor allem einige jüdische Leute, die es wirklich gut meinen und die gut handeln«, möge er. Doch noch 1988 taucht Ali auf einer Demonstration auf, wo auch Verständnis für palästinensischen Terror gegen Israel gepredigt wird.

Und 2001, als der Film »Muhammad Ali« mit Will Smith in der Hauptrolle uraufgeführt wird, beschwert sich die jüdische Anti‐Defamation League über eine Bemerkung Alis: Was der Unterschied zwischen einem Kanu und einem Juden sei, hatte der gescherzt. »A canoe always tips.« Ein Wortspiel: Ein Kanu kippe (»to tip«) ständig, ein Jude gebe jedoch nie Trinkgeld (»tip«).

knock‐out King Levinskys Kampf gegen Max Schmeling kam nie zustande. Und ob er ihn gewonnen hätte, lässt sich kaum sagen. Wahrscheinlich nicht. Schmeling jedenfalls bekam den Deutschen Walter Neusel als Aufbaugegner vor die Fäuste. Und Levinsky wurde von Max Baer, gegen den er im Jahr zuvor immerhin zweimal über die Runden gegangen war, 1934 in der zweiten Runde k.o. gehauen.

Ein Jahr später ging Levinsky in der ersten Runde k.o. – diesmal durch den späteren Weltmeister Joe Louis. Levinskys Boxkarriere, die gar nicht schlecht angefangen hatte, war faktisch zu Ende. 1991 starb King Levinsky 80‐jährig in Chicago.

Drei Jahrzehnte nach Levinskys boxerischem Scheitern steigt Muhammad Ali auf zu einer Persönlichkeit, wie sie nicht nur der Sport noch nie gesehen hatte. Mit seinem unerschütterlichem Selbstbewusstsein verkündet er: »Ich weiß nicht viel über Supermänner. Aber ich weiß, dass ich der berühmteste Mensch auf der Welt bin.«

Dem Journalisten Bob Greene, der ihn 1983 während eines Nachtflugs interviewt, vertraut Ali an: »Schau dir die Lichter in all den Häusern da unten an. Das sind alles meine Fans. Ich könnte in jedes dieser Häuser gehen und ich weiß, dass jeder dort mich kennen würde.«

liebe 1984 stellt sich Ali offen gegen Louis Farrakhan, den gegen Juden hetzenden Führer der »Nation of Islam« und dessen Theorie der rassischen Überlegenheit der Schwarzen. »Was er lehrt, ist nicht das, woran ich glaube«, verkündet Ali. »Wir sagen, dass er für die Zeit steht, als wir unseren Kampf im Dunkeln führten, als Verwirrung in uns war. Wir wollen damit nicht in Verbindung gebracht werden.«

Später gründet Ali in seiner Geburtsstadt Louisville das Museum und Kulturzentrum »Muhammad Ali Center«, das sich dem Dialog der Kulturen widmet. »Ich habe die ganze Welt gesehen, ich lerne etwas von allen Menschen«, erklärt er 1997. »Es gibt eine Wahrheit im Hinduismus, im Christentum, im Islam, in allen Religionen. Und sogar in einfachen Ge‐sprächen. Die einzige Religion, die zählt, ist die wahre Religion: Liebe.«

Ali ist ein politisches Symbol: 1990 reist er im Auftrag der US‐Regierung in den Irak, um 14 amerikanische Geiseln zu befreien, 1996 entzündet er, von der Parkinson‐Krankheit gezeichnet, das Olympische Feuer in Atlanta. Als am 11. September 2001 zwei von islamistischen Terroristen gelenkte Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers in New York krachen, ist es Muhammad Ali, der als Erster für seine Religion die Anschläge verurteilt.

»Was mir wirklich wehtut ist, dass der Name Islam einbezogen ist«, erklärt der mittlerweile berühmteste Muslim der Welt. »Der Islam ist keine Mörderreligion, Islam bedeutet Friede.«

Barack Obama, der erste afroamerikanische Präsident der USA, hat seinen Wahlkampf von seinem privaten Schreibtisch aus geführt, über dem ein großes Muhammad‐Ali‐Poster hängt.

In der Convention Hall von Miami Beach 1964 ruft King Levinsky in Richtung Cassius Clay, dessen Trainer ihn gerade auf die nächste Runde gegen Weltmeister Liston vorbereitet: »Er kriegt dich, Kid! Liston nimmt sich dich vor, macht aus dir ‘nen Kerl, der Krawatten verkauft! Werde besser mein Partner, Kid! Du kannst mit mir zusammenarbeiten!«

Zu Beginn der 7. Runde gibt Liston auf. Danach verkündet Clay, der spätere Muhammad Ali, seinen Übertritt zum Islam und ruft in die Mikrofone: »I’m the King of the World.« Doch da hat King Levinsky seinen Krawattenkoffer bereits zusammengepackt.

Glosse

Der Rest der Welt

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