Israel

Der Kibbuz tanzt

Rami Be’er ist dieses Mal daheim geblieben, in seinem Kibbuz in Israel, als seine jungen Tänzer kürzlich in München gastierten. Und dennoch war der Chef der Kibbutz Contemporary Dance Company 2 (KCDC2) an diesem Abend omnipräsent. Und dies nicht nur, weil die Choreografie des interaktiven Animationsstückes 360° natürlich von ihm stammt – wie fast alles, was (nicht nur) die Junioren tanzen.

Rami Be’ers Aura fliegt überallhin mit – auch übers Mittelmeer und über die Alpen. Wie sehr er das Denken und Handeln der Kompanie bestimmt, lässt sich im Gespräch mit Danny Eshel und Gali Kalef Hayun, dem Leiter und der Leiterin der KCDC2, ermessen. Kaum ein Satz, in dem sein Name nicht fällt – und dies nicht nur bezüglich der künstlerischen Ausrichtung eines Gesamtkonstrukts, dessen Wohl und Wehe er als alleiniger Chef seit 1996 auch offiziell bestimmt.

hillbilly Rami Be’er ist Herz und Kopf eines Unternehmens, das selbst in Israel einzigartig ist, wo ja vor allem in Süden des Landes, in Tel Aviv zumal, alle möglichen Organisationsformen vorwiegend modernen und zeitgenössischen Tanzes denkbar sind. Dennoch gelten die Kibbuz‐Tänzer nicht als Hillbillys Israels. Sie tanzen ja auch ganz anderes, Moderneres, vor allem auch politisch Relevanteres als Ringelreihen zu »Hava Nagila«. Mit Asylum etwa, seinem jüngsten choreografischen Coup, mischt sich Be’er in die Debatte um die afrikanischen Flüchtlinge im Land und deren Abschiebung ein.

Den Kibbuz Ga’aton ganz im Norden Israels nahe der libanesischen Grenze trifft es nicht, das Unken um den unaufhaltsamen Verfall der Kibbuz‐Idee. Be’er, der seine grundsätzlich positive Haltung zum Staat Israel anlässlich des 70. Gründungsjubiläums offen bekundete, Be’er, der freiwillig während seines Militärdienstes in eine Kampfeinheit ging und später im Libanonkrieg kämpfte, sieht die Institution Kibbuz sowieso eher im Wandel begriffen denn seiner Auflösung entgegentrudelnd. Seinem Kibbuz jedenfalls geht es prächtig. Er wächst und gedeiht und kann sich vor Besuchern und Mitgliedern auf Zeit kaum retten.

Gegründet wurde der Kibbuz Ga’aton in den Bergen Galiläas 1948 von Überlebenden der Schoa, ungarischen und tschechischen Olim der kommunistischen Bewegung 1. Mai. Zu denen gehörten auch Rami Be’ers Eltern, vor allem aber eine Frau, die nicht nur diesem 1956 geborenen, offenbar sehr begabten Jungen, sondern auch vielen anderen vor und nach ihm das Tanzen beigebracht hat. Diese Frau wollte nichts als tanzen, obgleich körperlich von Auschwitz gezeichnet und deshalb lebenslänglich in ein Korsett gezwängt: Yehudit Arnon. Winzig klein, beherrschte sie auch größte Räume dank ihrer beeindruckenden Persönlichkeit. Liebevoll war sie, den Menschen zugewandt und dabei von jener wohldosierten Strenge, die Tänzern die notwendige Disziplin als unerlässlich nahebringt.

Jom‐Kippur‐Krieg Yehudit, 1926 in der Tschechoslowakei geboren, war den russischen Befreiern von Auschwitz entkommen und nach Budapest geflohen, wo sie dann Tanz unterrichtete. Dort lernte sie Yedidya Ahronfeld kennen und lieben. Das Paar heiratete, ging nach Israel und schuf sich in Ga’aton seine lebenslange Heimat. Yehudit tanzte und fand eine neue Lehrmeisterin in der gebürtigen Wienerin Gertrud Kraus, einer Ausdruckstänzerin. Diese war bereits 1935 ins damalige Palästina geflohen und bereiste als die bedeutendste Wegbereiterin des freien Tanzes in Israel auch verschiedene Kibbuzim.

Es dauerte allerdings bis 1973, dass Yehudit nach dem Jom‐Kippur‐Krieg ihr eigenes professionelles Ensemble gründete – die Kibbutz Contemporary Dance Company. Bereits in den späten 80er‐Jahren hatten sich die Kibbuzniks einen beträchtlichen Ruf ertanzt und bereisten die Welt mit Yehudits Choreografien und denen ihres Zöglings Rami Be’er, für die sie von Anfang an heftig die Werbetrommel gerührt hatte.

Ausdruck Be’ers frühe Choreografien kreisten um die verheerenden psychischen Auswirkungen der Schoa auf die zweite Generation, der er ja selbst angehört. Für Death Comes to the Wooden Horse Michael, seinen Erstling, wurde er bereits 1984 ausgezeichnet – es war der erste von zahlreichen Preisen.
Schwarz ausgeschlagen war damals seine Bühne.

Schwarz ausgeschlagen und nahezu leer sind auch heute noch seine Tanzräume. Wie aus dem Nichts schälen sich daraus die Tänzerkörper und durchdringen in wohlstrukturierten Formationen den Raum, bannen die Zuschauer mit der erprobt wirkungsmächtigen Mischung energetischer Attacken und poetischer Melancholie. Oder sie verzaubern sie wie etwa in Kasson/Butterflies in einer Folge bittersüßer Pas de deux eines Paares um und auf einer Bank.

War die 2013 in Ga’aton gestorbene Yehudit Arnon allein dank ihres offenen Wesens und ihrer Herzlichkeit eine erfolgreiche Netzwerkerin in eigener Sache, so hilft Rami Be’er auch das Internet dabei, den nachhaltigen Erfolg seiner Kompanie zu sichern. Wie Arnon verfügt er über Charisma, organisatorisches Talent, Führungsqualitäten und Einfallsreichtum. Er macht die örtliche Abgelegenheit seines Kibbuz durch einen kommunikativen Mitarbeiterstab wett, aber auch durch eine perfekte Website, die über die vielfältigen Aktivitäten der KCDC informiert.

Touristen Be’er hat seit 1996 seinen Kibbuz zu einem Tanzdorf mit Trainingsräumen und eigenem Theater ausgebaut. Er vergleicht es mit einem Zelt: ganz obenauf an der Spitze die Hauptkompanie, die KCDC, dann die Junioren mittendrin. Die Basis bilden die ausländischen Tänzer, die gut dafür bezahlen, fünf Monate lang in Residenz bleiben oder Sommerkurse belegen können. Und schließlich ist der Kibbuz beliebtes, stark beworbenes Ausflugsziel von Touristen.

Die Tanzkompanien tragen als Non‐Profit‐Unternehmen zum Unterhalt des Kibbuz bei, der sein Geld mit Fabriken für Wellpappe und medizinisches OP‐Besteck sowie Avocado‐Plantagen macht. 400 Schüler werden hier täglich im Tanz unterrichtet; zwei Drittel des Jahres ist die Company weltweit auf Tour.

Die Hauptkompanie tourt nach wie vor um die Welt. Sie rekrutiert ihre Tänzerinnen und Tänzer aber weniger aus den eigenen Reihen, sondern hauptsächlich aus den Tänzern, die im Tanzmekka Tel Aviv ihre fundierte professionelle Ausbildung absolviert haben. Die verkörpern dann allesamt die Qualitäten, die die Welt von israelischen Tänzern erwartet: geballte Energie und Temperament, getoppt von atemberaubendem artistischen Können.

Die zwölf Mitglieder der Junior‐Kompanie hingegen sollen als Werber für den Tanz ihr Publikum richtig aufmischen. Die Tanzenden der KCDC2 entsprechen körperlich noch weniger als ihre Vollprofi‐Kollegen von der KCDC dem in der westlichen Welt immer noch grassierenden Balletttänzer‐Klischee, sondern sehen aus wie die Kids im Publikum – allenfalls durchtrainierter.

Sie bleiben ein Jahr, längstens zwei Jahre bei der KCDC2. Gali Kalef Hayun, die weibliche Hälfte des Leitungsteams, vergleicht die Zeit in der Juniorkompanie mit der Grundausbildung beim Militär. Geschenkt wird den jungen Tänzern nichts. Sie müssen sich einordnen in ein straff organisiertes gesellschaftliches Gefüge, das sie möglicherweise als anachronistisch empfinden. Ein oder maximal zwei Tänzer, also die begabtesten, werden in die Hauptkompanie übernommen. Und die trainiert Rami Be’er in einer Mischung aus Ballett und Modern Dance mit der gebotenen liebevollen Strenge.

Freiheit Künstlerisch kann er sich frei fühlen, bekommt wie alle professionellen Kompanien in Israel 40 Prozent seines Jahresetats als staatliche Subvention. Allerdings bisher ohne Auflagen, was Gali Kalef Hayun ein wenig süffisant lächeln lässt.
Bis nach Ga’aton, das fernab der Regierungsgeschäfte liegt, reiche er nicht, der lange, ideologisch reglementierende Arm von Kulturministerin Miri Regev. Rami Be’er und die Seinen sind bisher verschont geblieben – auch, weil sie wohl kaum Anlass zur Klage geben.

Die Autorin ist Tanz‐ und Ballettredakteurin der »Süddeutschen Zeitung«.

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