Berlin

Der innere Kompass

An der Paul-Simmel-Grundschule in Berlin-Tempelhof wurden 2018 antisemitische Bedrohungen gegen eine jüdische Mitschülerin bekannt. Foto: Uwe Steinert

Antisemitische Diskriminierung an Schulen war bis vor Kurzem nur punktuell im Fokus politischer und öffentlicher Diskussionen und kaum erforscht. Jedoch zeichnet sich eine Aktualisierung der Debatte ab. Durch die verbesserte Dokumentation antisemitischer Übergriffe, Berichte von Betroffenen und erste Studien gibt es einige Erkenntnisse über die Alltäglichkeit antisemitischer Phänomene im Bildungswesen. Zugleich wird die Existenz des Antisemitismus in Alltagskontexten wie der Schule immer noch banalisiert, wenn nicht bestritten.

Unsere kürzlich erschienene Studie Antisemitismus im Kontext Schule – Deutungen und Umgangsweisen von Lehrer*innen an Berliner Schulen befasst sich mit der Frage, wie Antisemitismus an Schulen aktuell in Erscheinung tritt und durch schulische Akteure wahrgenommen, eingeordnet und bearbeitet wird. Insgesamt haben 29 Lehrkräfte, darunter vier Schulleitungen aus sechs Berliner Stadtbezirken, teilgenommen.

Es wurden zehn narrative Einzelinterviews und fünf Gruppendiskussionen mit jeweils drei bis sechs Teilnehmern aus Grundschulen, Gesamtschulen und Gymnasien durchgeführt. Das Ziel war nicht, das Fehlverhalten Einzelner zu identifizieren. Vielmehr ging es darum, sozial vermittelte Deutungen und Routinen zu erfassen, die den Umgang mit Antisemitismus im sozialen Raum Schule mitbestimmen.

UNSICHERHEITEN Die Befunde zeigen, dass Lehrkräfte antisemitische Situationen erkennen können, aber ihre Reaktion darauf von Ambivalenzen und Unsicherheiten geprägt ist. Auf die explizite Frage nach ihrem Verständnis können Lehrer und Lehrerinnen Antisemitismus definieren. Schildern sie jedoch ihre schulische Praxis, wird dieses Wissen nicht eingesetzt. Beim Sprechen über Antisemitismus im Alltag ihrer Schule verwenden Lehrkräfte vielfach Metaphern, die vermitteln, dass Antisemitismus »nicht greifbar« und »besonders schwer« zu erkennen sei.

Lehrkräfte können Antisemitismus definieren, setzen ihr Wissen aber oft nicht ein.

Zwar werden antisemitische Handlungen als solche benannt – wie Beleidigungen und Bildmontagen mit Schoa-Bezug im Klassenchat, Zeichnungen auf Schulmobiliar oder Übergriffe auf jüdische Schüler. Doch auf die Benennung von Antisemitismus erfolgen oft Schleifen der Relativierung, Umdeutung und Verrätselung: War das wirklich antisemitisch? Ist es nicht »nur« eine pubertäre Provokation?
Einige der Interviewten schildern auch antisemitische Sprachhandlungen unter Kollegen, wie beispielsweise das Verschicken von Nachrichten mit verschwörungsmythischem Inhalt. »Ich weiß, dass dieses, also was ich jetzt gerade geschildert habe, nicht nur bei Schülern so gesehen wird. Also, da haben wir auch einige Lehrer an der Schule, die genau das Gleiche sagen«, berichtet ein Lehrer.

ANSPRÜCHE Deutlich wird ein Spannungsfeld zwischen moralischen Ansprüchen und dem Bedürfnis nach Distanz von all den Themen, die mit Antisemitismus einhergehen können.

Diese Ambivalenzen sind aus der Perspektive der Lehrkräfte subjektiv nachvollziehbar, spiegeln sie doch ihre Einsozialisierung in routinierte Vermittlungsformen der Geschichte und deren Reproduktion im heutigen Handeln wider. Die interviewten Lehrer und Lehrerinnen haben in ihrer Kindheit und Jugend Antisemitismus als etwas Abstraktes und Historisches kennengelernt, vorwiegend über mediale oder schulische Vermittlung – und nicht als eine Gewaltordnung, die Menschen in der Gegenwart unmittelbar betrifft. Viele schildern ihre erstmalige Wahrnehmung von gegenwärtigem Antisemitismus als Jugendliche oder zum Berufseinstieg als einen Schockmoment. Auch das ist Teil der Verrätselung: Antisemitismus erscheint als eine Ausnahme – weit weg von der eigenen Lebenswelt.

Das Sprechen in den Interviews und Gruppendiskussionen ist zudem überwiegend durch eine anti-antisemitische Selbstpositionierung charakterisiert. Im Fokus der beschriebenen Interventionen stehen eher die antisemitisch handelnden Schüler als die Betroffenen mit ihren Verletzungen oder Bedürfnissen. Interventionsschilderungen enden oftmals durch die Selbstvergewisserung, dass Antisemitismus an dieser Schule nicht sein darf und eigentlich Einigkeit darüber bestehe.

Jüdische Kinder und Jugendliche werden als Schüler nur erwähnt, wenn Übergriffe geschildert werden, tauchen sonst aber nicht mit ihren Subjektperspektiven auf. Gleichwohl wird die Begegnung mit Juden als Mittel diskutiert, um gegen antisemitische Dynamiken an Schulen vorzugehen. Unintendiert wird dabei vermittelt, dass Antisemitismus doch etwas mit Juden zu tun habe.

PRAKTIKEN Hervorzuheben ist die große Bereitschaft der Lehrkräfte für externe Fallberatung, trotz der von vielen geschilderten Arbeitsbelastung. Insgesamt wird deutlich, dass die Reaktion auf die Vorfälle der Einschätzung der einzelnen Lehrkraft überlassen ist. Die Interviewten beschreiben ihr Handeln als unsicher, ihnen fehle im Umgang mit Antisemitismus ein »innerer Kompass«. Nur aus zwei Schulen wurde von Konzepten berichtet, auf die Lehrkräfte in ihrer Reaktion auf Diskriminierung zurückgreifen können.

Jüdische Kinder werden als Schüler nur erwähnt, wenn es um Übergriffe geht.

Die oben beschriebenen Wahrnehmungen und Praktiken in Verbindung mit überwiegend fehlenden Interventionsverfahren verfestigen antisemitische Strukturen an Schulen. Sie erhöhen die Bedrohung und Unsicherheit für antisemitisch adressierte Schüler und ihre Familien. Diese müssen antisemitische Erfahrungen an Schulen antizipieren, was Ressourcen bindet und langfristig belastet. Ausführlich gezeigt wird dies in unserer demnächst erscheinenden Studie zu Antisemitismus aus jüdischen Perspektiven von jüdischen Familien und jungen Erwachsenen.
Insgesamt verweisen die Befunde auf die Notwendigkeit, gegenwärtige antisemitische Dynamiken unter Berücksichtigung ihrer Entwicklungsgeschichte nach 1945 und unter Einbeziehung ihrer gewaltigen Auswirkungen auf die Betroffenen zu thematisieren.

Die Eindämmung des Antisemitismus an Schulen wird nicht ohne die tiefergehende Qualifizierung schulbezogener Akteure – schon als Teil ihrer Ausbildung – gelingen. Die Etablierung umfassender Antidiskriminierungskonzepte, ein Umdenken in der Vermittlung der Schoa und des Antisemitismus, ein kritischer Umgang mit der andauernden Reproduktion antisemitischer Dispositionen im Bildungssetting oder auch die Ermöglichung unabhängiger Beschwerdestellen mit Durchgriffsrechten sind Voraussetzungen für eine nachhaltige Prävention.

Marina Chernivsky ist Leiterin des Kompetenzzentrums für Prävention und Empowerment (in Trägerschaft der ZWST) in Berlin. Friederike Lorenz ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der FU Berlin.

Die Studie ist kostenlos als PDF erhältlich unter: https://zwst-kompetenzzentrum.de/umgang-mit-antisemitismus-im-kontext-schule-berlin/

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