Philosophie

Der große Unbekannte

Unternehmen Sie einen Selbstversuch: Fragen Sie eine*n Ihrer Freund*innen nach den wichtigsten jüdischen Philosoph*innen des 20. Jahrhunderts. Die Antwort dürfte in den meisten Fällen ähnlich ausfallen: Hannah Arendt, Walter Benjamin, Theodor W. Adorno, Martin Buber, Leo Strauss, Judith Butler.

Den Namen Saul Aaron Kripke werden Sie dagegen wohl nicht hören. Das muss sich ändern. Über Kripkes Leben und Wirken wissen in Deutschland die Wenigsten. So ist es auch nicht verwunderlich, dass nach seinem Tod am 15. September die Feuilletons mit ihrem Schweigen eine geradezu schreiende Lücke offenbarten.

ANALYTISCHE PHILOSOPHIE Dabei hat Kripke in seinem Arbeiten bahnbrechende Beiträge zur analytischen Philosophie geleistet. Vielleicht ist das auch der Grund für seine Unbekanntheit: Eine der wesentlichen Konflikte im philosophischen Denken des 20. Jahrhunderts ist der zwischen analytischer und kontinentaler Philosophie. Die kontinentale Philosophie hat ihren Ursprung im deutschen Idealismus, der in die Phänomenologie übersetzt und im Existentialismus adaptiert und ausgebaut wurde und in der gegenwärtigen Postmoderne mündet.

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Bekannte Figuren, die der kontinentalen Philosophie zugerechnet werden können, sind Hegel, Husserl, Heidegger, Roland Barthes, Simone de Beauvoir Pierre Bourdieu, Gilles Deleuze, Jacques Derrida und Michel Foucault.

»Kontinental« könnte mit einem Augenzwinkern auch mit »französisch« gleichgesetzt werden. Grob gesagt, interessieren sich kontinentale Philosophen für Phänomene, wie sie sich in der Welt zeigen – gerade in ihren subjektiven, kontextbedingten Dimensionen. Aus diesen werden philosophische Konzepte abgeleitet und zuweilen auch erfunden.

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Dagegen ist die analytische Philosophie eine Bewegung, die die Lösung philosophischer Probleme in der Sprache sucht, in der Analyse von Propositionen oder Sätzen, wobei sie sich auf die formale Logik und die Mathematik sowie Erkenntnisse aus den Naturwissenschaften stützt. Die Ursprünge der analytischen Philosophie gehen zurück auf Gottlob Frege und seinen Arbeiten an der Logik. Wesentlich wurde sie später geprägt von Bertrand Russell, G. E. Moore, Ludwig Wittgenstein, Rudolf Carnap, Willard Van Orman Quine – und eben Saul Aaron Kripke.

Die kontinentale Philosophie hat sich im 20. Jahrhundert auf dem europäischen Kontinent, insbesondere in Frankreich und Deutschland durchgesetzt. Sie betrachtete lange die analytische Philosophie als veraltet, als zu wörtlich und zu naturwissenschaftlich. Es gab und gibt in Teilen eine gegenseitige radikale Ablehnung der jeweils anderen Tradition. Dass wir von Kripkes Tod und wichtiger noch, von seiner Arbeit, hierzulande kaum etwas lesen oder hören, ist eine Konsequenz dieser Auseinandersetzung.

ELTERNHAUS Kripkes Leben liest sich wie eine hollywoodesque Biographie eines Genies – und etwas Hollywood ist tatsächlich auch dabei bei diesem analytischen Philosophen. Schließlich wurde Barry Kripke, ein Charakter der TV-Sitcom The Big Bang Theory, nach ihm benannt.

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Saul Aaron Kripke wurde als ältestes von drei Kindern von Dorothy und Myer geboren und wuchs in Omaha, im US-Bundesstaat Nebraska, auf. Myer Kripke war Rabbiner in der konservativen Beth-El-Synagoge und unter anderem mit dem Investor Warren Buffet befreundet.

Sauls Mutter Dorothy schrieb Kinderbücher mit Titeln wie Lasst uns über jüdische Feiertage sprechen. Schon während seiner Schulzeit soll Kripke außerordentliche Fähigkeiten gezeigt haben: Mit sechs Jahren brachte er sich selbst Hebräisch bei, mit neun las er sämtliche Werke Shakespeares und schon zu Beginn seiner Zeit an der High School löste er komplexeste mathematische Probleme.

Mit 17 hatte er sich bereits in einen Spezialzweig der Logik eingearbeitet, die Modallogik. Diese beschäftigt sich mit Aussagen, in denen die Worte möglich und notwendig vorkommen. Das bedeutet, dass mit der Modallogik Sätze wie »möglicherweise wird Tottenham Hotspur die Champions League gewinnen« oder »notwendigerweise ist jeder Kreis rund« analysiert werden können.

PROFESSOR An der Harvard University wurde man auf Kripkes Fähigkeiten aufmerksam und bot ihm an, dort zu studieren. Kripke soll auf diese Bitte geantwortet haben: »Meine Mutter möchte, dass ich zuerst die High School abschließe«. Als er nach seinem Schulabschluss tatsächlich nach Harvard kam, veröffentlichte er einen bahnbrechenden Beitrag zur Modallogik, in der er Leibniz‹ Theorie der Möglichen Welten aktualisierte.

Die Philosophie von Saul Kripke hatte großen Einfluss auf die Ausrichtung der analytischen Philosophie in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Dieser Beitrag wiederum eröffnete ihm die Möglichkeit, parallel zu seinem Studium einen Graduiertenkurs am Massachusetts Institute of Technology (MIT) zu unterrichten. Nach seinem College-Abschluss 1962 erhielt Saul Kripke ein Fulbright-Stipendium und einen Lehrauftrag in Harvard. Ein Jahr später entwickelte er eine eigene Semantik für modallogische Systeme – eine unerhörte Leistung.

Einige Jahre später wurde er als Professor an die Rockefeller University in New York berufen, ohne jemals promoviert zu haben. 1977 ging an die Princeton University, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2002 tätig war. Mit der Pensionierung war für Kripke aber noch lange nicht Schluss. Er lehrte an der Hebrew University in Jerusalem und erhielt eine Berufung an das Graduate Center der City University of New York, die das Saul Kripke Center einrichtete, das seitdem als Archiv für sein Werk dient.

WERKE Kripkes Wirken als Wissenschaftler war durchaus ungewöhnlich: Er veröffentlichte kaum Artikel, sah sein Arbeiten in erster Linie als Lehrender, hielt teils stundenlange Vorträge aus dem Stegreif, ohne Notizen, und er überließ es anderen, seine aufgezeichneten Äußerungen zu transkribieren. Auf der Grundlage dieser Transkriptionen wurden auch seine Bücher erstellt.

1980 erschien Kripkes vielleicht bekannteste und wichtigste Veröffentlichung, Naming and Necessity (zu Deutsch: Benennung und Notwendigkeit). Es handelte sich dabei um eine Zusammenführung von drei Vorlesungen aus den 70er Jahren, die sich mit der inhärenten Bedeutung von Namen auseinandersetzt.

Kripkes Lösung eines Paradoxons ist bezeichnend für sein kreatives wie innovatives Denken: Er löst die Paradoxie nicht auf, sondern umgeht sie.

Das Buch beschäftigt sich auch mit der Frage, was geschieht, wenn man in der Beschreibung einer Person oder eines Ortes einen Eigennamen verwendet, wie Alexanderplatz, oder, sagen wir, Martha Nussbaum. Dieses Werk, das in kürzester Zeit kanonisch wurde, inspirierte unzählige Philosoph*innen zu Kommentaren und Kritiken, die bis heute in die verschiedensten Bereiche der Philosophie ausstrahlen.

PARADOXON 1982 erschien dann Wittgenstein über Regeln und Privatsprache, in der Kripke eine neue interpretierende Lesart Wittgensteins vorlegte, die mittlerweile liebevoll als »Kripkenstein« benannt wird. Er beschäftigte sich zudem mit klassischen Problemen der Logik wie dem Lügner-Paradox. »Dieser Satz ist falsch« ist das bekannteste Beispiel für ein Lügner-Paradoxon. Denn wenn »dieser Satz ist falsch« wahr ist, dann ist er falsch, aber der Satz besagt, dass er falsch ist, und wenn er falsch ist, dann muss er wahr sein, und so weiter.

Kripkes Lösung dieses Paradoxons ist bezeichnend für sein kreatives wie innovatives Denken: Er löst die Paradoxie nicht auf, sondern umgeht sie: Wenn der Wahrheitswert einer Aussage an eine auswertbare Tatsache über die Welt gebunden ist, ist diese Aussage »begründet«. Wenn nicht, ist sie »unbegründet«. Unbegründete Aussagen haben keinen Wahrheitswert. Lügenaussagen sind unbegründet und haben daher keinen Wahrheitswert. Daher kann die Lügenparadoxie kein Paradoxon sein.

Saul Kripke gehört in die Reihe bedeutendster jüdischer Philosophen.

Auch wenn seine Arbeiten sich nicht direkt mit der jüdischen Tradition auseinandersetzen, war Kripke Zeit seines Lebens tief in ihr verwurzelt. Als einer der ganz wenigen in seinem Feld war der Philosoph auch innerhalb seiner Arbeit Deist, vertrat also die These, dass die Feststellung der Existenz G-ttes allein auf rationalem Denken beruhe, ohne sich auf geoffenbarte Religionen oder religiöse Autoritäten stützen zu müssen.

Die Philosophie von Saul Kripke hatte großen Einfluss auf die Ausrichtung der analytischen Philosophie in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine veröffentlichten Arbeiten zu Logik, Modalität, Referenz, Wahrheit und Bedeutung werden weiter breit diskutiert. Und auch wenn es aus kontinentaler Perspektive manchen nicht gefallen mag: Saul Kripke gehört in die Reihe bedeutendster jüdischer Philosophen. Schon lange vor seinem Tod hätte er diese Anerkennung verdient gehabt.

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