Kino

Der Fritz-Gerlich-Preis 2024 geht an »Tatami«

Leila will nicht klein beigeben Foto: ©Judo Production LLC / Juda Khatia Psuturi

Das amerikanisch-georgische Drama »Tatami« ist der diesjährige Gewinner des Fritz-Gerlich-Preises.

Die Auszeichnung für das Regie-Duo, den Israeli Guy Nattiv und die Iranerin Zar Amir, wurde am Mittwochabend in München von Kardinal Reinhard Marx überreicht. Der seit 2012 jährlich vergebene Preis erinnert an den katholischen Journalisten Fritz Gerlich (1883-1934).
Gerlich positionierte sich Anfang der 1930er-Jahre als Herausgeber der Wochenzeitung »Der gerade Weg« entschieden gegen den Nationalsozialismus, wurde 1933 nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler verhaftet und am 30. Juni 1934 im Konzentrationslager Dachau ermordet.

Der nach ihm benannte Preis ist von der katholischen Filmproduktionsfirma Tellux gestiftet und mit 10.000 Euro dotiert. Prämiert wird jeweils ein Film aus dem Programm des Filmfests München, der sich für mehr Menschlichkeit und gegen Diktatur, Intoleranz und Verfolgung ausspricht.

Während der Film auf Regie-Ebene die erste Kooperation von Filmemachern aus Israel und dem Iran ist, thematisiert er die ungebrochene iranische Feindschaft gegenüber Israel am Beispiel des Sports. »Tatami« spielt während einer Judo-Weltmeisterschaft der Frauen im georgischen Tiflis. Dort tritt die iranische Judoka Leila Hosseini mit berechtigten Hoffnungen auf eine gute Platzierung an und besiegt ihre ersten Gegnerinnen auch souverän.

Bewegend und stets glaubhaft

Das alarmiert die Vertreter des iranischen Regimes, denn die Sportlerin könnte im Turnierverlauf auf eine Israelin treffen. Leila Hosseini soll deshalb eine Verletzung vortäuschen. Die Judoka weigert sich und setzt ihre Kämpfe fort. Der Druck jedoch wird mit jedem Sieg immer höher, denn neben der Sportlerin und ihrer Trainerin werden auch deren Familien im Iran bedroht.

Die Jury des Fritz-Gerlich-Preises würdigte »Tatami« als bewegenden, stets glaubhaften und mitreißenden Film. Er greife zentrale Gedanken von Fritz Gerlich auf, etwa den Widerstand gegen diktatorische Regime und das innere Ringen, das zu Entscheidungen führe, die mit harten Konsequenzen verbunden seien.

»Rückgrat zu beweisen, die persönliche Freiheit zu erkämpfen, der Gewalt und der Lüge zu widerstehen, die Opfer, die damit verbunden sind - diese Motive verbinden Fritz Gerlich und den Film über die Zeiten und die Kulturen hinweg in beeindruckender Weise«, erklärte die Jury. Tellux-Geschäftsführer Martin Choroba ergänzte: »Gerade in der heutigen Zeit ist es sehr wichtig, ein so couragiertes Werk auszuzeichnen!«

Das Letzte aus sich herausholen

Inspiriert ist »Tatami« von mehreren Fällen, in denen iranische Sportlerinnen sich den Befehlen des Regimes widersetzten und mit ihm brachen. Nattiv und Amir setzen bei ihrer Inszenierung vor allem auf Zeitdruck, um fast thrillermäßig Spannung aufzubauen. Die Wettkämpfe der Judokas folgen rasch aufeinander, in den Pausen dazwischen werden die Drohungen der Funktionäre immer intensiver. Sogar vor Inhaftierung und Folter der Angehörigen von Leila Hosseini und ihrer Trainerin Maryam schrecken sie nicht zurück.

»Tatami« zeigt, wie die beiden Frauen sich zwar in derselben Situation befinden, aber zuerst unterschiedlich reagieren. Maryam widersetzt sich nicht lange der Gewalt, Leila hingegen will nicht klein beigeben. Dabei kann sie auch auf die volle Unterstützung ihres Mannes zählen, den sie in einer Kampfpause zur Flucht mit ihrem Sohn aus dem Iran drängt. Währenddessen scheinen ihre eigenen Kräfte durch die angespannte Lage eher noch mobilisiert zu werden, in den immer härteren Kämpfen holt sie das Letzte aus sich heraus.

»Tatami« macht nicht zuletzt nachvollziehbar, wie fadenscheinig die Drohkulisse ist, die um die Sportlerin aufgebaut wird. Leila und Maryam sind keineswegs schutzlos und können auch noch immer selbstbestimmt Entscheidungen treffen. Der Preis dafür ist aber hoch, denn es bedeutet die Loslösung von ihrer Heimat und Ungewissheit über das Schicksal ihrer Familien. Doch mit ihrem Mut versetzen sie einem System, das Millionen Menschen unterdrückt, einen empfindlichen Schlag.

TV-Tipp

Arte-Doku über die Komponistin Meredith Monk

Arte zeigt einen Dokumentarfilm über die 1942 geborene New Yorker Komponistin, Choreografin und Regisseurin Meredith Monk. Mit ihren stilisiert naiven Bühnen- und Klangwelten hat sie ein besonderes Werk geschaffen

von Michael Kienzl  27.03.2026

Glosse

Der Rest der Welt

»Sowohlalsauch« oder Wenn das Lieblingscafé schließt

von Katrin Richter  27.03.2026

Schloßbergmuseum

Chemnitz zeigt Fotoausstellung über Mikwen

Ein Fotograf hat die Atmosphäre dieser meist unterirdisch gelegenen jüdischen Orte eingefangen

 26.03.2026

Charles Lewinsky

Melnitz, eine männliche Scheherazade

Der Schweizer Autor legt seinen Protagonisten auf die Couch und lässt ihn das 20. Jahrhundert erzählen

von Ellen Presser  26.03.2026

Dana von Suffrin

Wutgeburt

»Toxibaby« erzählt von einer toxischen deutsch-jüdischen Beziehung

von Katrin Diehl  26.03.2026

Shelly Kupferberg

Die Geschichte von Martha E. aus Schöneberg

In ihrem ersten Roman erzählt die Berliner Autorin von einer Nichtjüdin, die in der NS-Zeit zur stillen Heldin wurde

von Tobias Kühn  26.03.2026

Interview

»Man muss uns nicht gernhaben, aber man soll uns leben lassen«

Die Schoa-Überlebende Eva Erben und der TV-Moderator Günther Jauch sind seit Langem befreundet. Unser Reporter Michael Thaidigsmann hat Erben in Israel besucht und mit beiden gesprochen

von Michael Thaidigsmann  26.03.2026

Programm

Ferienprogramm, Retrospektive und ein Rache-Musical: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 26. März bis zum 2. April

 25.03.2026

Zahl der Woche

1:28,31 Minuten

Funfacts & Wissenswertes

 24.03.2026