Zionismus

Der Feuilletonist als Prophet

In Israel ist Herzl allgegenwärtig. Foto: JA

Zionismus

Der Feuilletonist als Prophet

Vom Boulevardtheater auf die Weltbühne: Zum 150. Geburtstag von Theodor Herzl

von Ludger Heid  27.04.2010 11:43 Uhr

»Die Bombe ist geplatzt. Man wollte es verhüten – vergebens. Es musste so kommen«, schrieb Saul Raphael Landau in der Septemberausgabe 1896 der Jüdischen Presse, nachdem er gerade Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage eines gewissen Theodor Herzl aus Wien gelesen hatte. Sechs deutschsprachige Auflagen in den darauf folgenden acht Jahren, dazu zahlreiche Übersetzungen, machten das Büchlein zu einer der folgenreichsten Publikationen der europäisch-jüdischen Geschichte – und den Autor zu einem der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

verlacht In seinem engeren Umfeld erntete der vor 150 Jahren, am 2. Mai 1860 in Budapest geborene Autor allerdings wenig Applaus, im Gegenteil. Herzl war Feuilletonredakteur der Wiener Neuen Freien Presse, des Stammblatts des Wiener jüdischen Bürgertums, von dem man zu sagen pflegte: »Sie halten nicht die Speisevorschriften, sie halten nicht den Sabbat, aber sie halten sich die Neue Freie Presse«. Mit den zionistischen Utopien des ansonsten geschätzten Theaterkritikers konnte man in diesen Kreisen wenig anfangen. Auch die Redakteure der Zeitung, in der Mehrzahl assimilierte Juden, nahmen das neue Anliegen ihres Kollegen nicht ernst. Vom ersten Zionistenkongress in Basel 1897 in die Wiener Redaktion zurückgekehrt, wurde Herzl dort mit einer Lachsalve begrüßt.. »Vielleicht ist niemand so gehöhnt worden wie Theodor Herzl«, schrieb Stefan Zweig später, »und wie der andere Mann, der gleichzeitig eine entscheidende Weltidee allein und unabhängig aufgestellt, sein großer Schicksalsgefährte Sigmund Freud«.

Mit beigetragen zu dieser Geringschätzung mag auch die Tatsache haben, dass Herzl bis dahin sich vor allem als erfolgloser Boulevarddramatiker profiliert hatte. Von seinen bis 1904 insgesamt 19 veröffentlichten Theaterstücken mit Titeln wie Muttersöhnchen, Seine Hoheit oder I love you war keinem ein wirklich durchschlagender Erfolg beschieden. Sie waren entweder zu pompös oder zu trivial geraten, obwohl kein Geringerer als Hugo von Hofmannsthal Herzl attestiert hatte: »Übrigens habe ich Ihren Stil sehr gern und glaube, dass Sie Geschmack und Grazie haben.«

kaffehausjuden Man wusste in den Kreisen des Wiener Kaffeehausjudentums auch, dass Herzls Familienleben nicht gerade harmonisch war. Seine Frau Julie, die er 1889 geheiratet hatte, liebte er wegen Intelligenz und Extravaganz wegen (sie soll die erste Frau in Wien gewesen sein, die sich ihre Fingernägel lackierte). Mit dem Kapriziösen, Exaltierten, Hysterischen seiner Julie und, wie sich herausstellte, ihrer Eifersuchtsanfälligkeit, kam Herzl aber nicht zurecht.

Von all diesen Widrigkeiten beirren ließ Herzl sich in seinem Enthusiasmus für seine neu gefundene zionistische Mission nicht. Zwar verachtete er seine Anhänger: »Ich stehe nur an der Spitze von Knaben, Bettlern und Schmöcken.« Sich selbst sah er aber als historische Figur. Beim ersten Zionistenkongress 1897 notierte er äußerst selbstbewusst: »Fasse ich den Baseler Congress in ein Wort zusammen – das ich mich hüten werde öffentlich auszusprechen – so ist es dieses: In Basel habe ich den Judenstaat gegründet.«

Theodor Herzl, ein politisches Leben in drei Akten: War der erste Akt ein Buch, Der Judenstaat, der zweite eine wirkungsstarke, ja geradezu theatralische Veranstaltung, der Baseler Kongress, so war der dritte und letzte Akt wieder ein Buch: Altneuland, 1902 erschienen, ein utopischer Roman über einen jüdischen Staat. Wirklichkeit wurde der 46 Jahre später. Heute ist in Israel Herzl allgegenwärtig. Eine große Stadt ist nach ihm benannt; in anderen Gemeinden tragen Straßen seinen Namen. Ganz zu schweigen von all den Institutionen, Museen, ungezählten Schulen, die nach ihm benannt wurden. Auf Geldscheinen, Briefmarken, aber auch auf Baseball-Kappen und T-Shirts prangt sein Konterfei. Wohlfühlen in dem Staat, den er sich einst erträumt hatte, würde sein Wiener Prophet sich allerdings nicht, meint der Schriftsteller Amos Oz: »Denn er wollte im Herzen des Nahen Ostens eine österreichisch-ungarische Republik schaffen, wo die Leute deutsch sprechen, sich wohlerzogen verhalten und zwischen zwei und vier Nachmittagsschlaf halten.«

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