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»Der Fall Schuster«: Was die Akten erzählen

Im Gewölbe der Würzburger Residenz, dem Staatsarchiv der Stadt, lagern etwa 25.000 Akten der Geheimen Staatspolizei. Die vielen grauen Boxen in den Regalen enthalten Schriftstücke, in denen Gestapo-Mitarbeiter in der NS-Zeit akribisch und bürokratisch die Verfolgung ihrer Opfer bis ins kleinste Detail festhielten.

Der Bayerische Rundfunk ist unlängst auf Akten gestoßen, die das Schicksal der Familie von Josef Schuster dokumentieren – und hat den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland einbezogen in seinen neuen Film Der Fall Schuster: Eine Familie im Fadenkreuz der Gestapo.

Es ist eine sorgfältig komponierte Doku, die unter anderem auch mit Graphic-Novel-Elementen arbeitet und anhand von zwei Einzelschicksalen das System von Terror und Judenvernichtung im NS-Staat erklärt. Dass es im Staatsarchiv Würzburg Akten über seinen Vater und Großvater gibt, hat Josef Schuster erst mit Beginn der Filmproduktion erfahren. Vor der Kamera sichtet er nun im Lesesaal des Staatsarchivs Würzburg gemeinsam mit dem BR-Journalisten Andreas Bönte die Akten.

Gezielt wurde gegen die Familie eine falsche Beschuldigung fabriziert.

Sie erzählen von einer gezielten Verleumdung: Gegen die Schusters, die sich ihren Besitz – ein Wohnhaus und das »Centralhotel« im unterfränkischen Bad Brückenau – hart erarbeitet hatten, war nach einer Denunziation des Kreisleiters der NSDAP in Brückenau/Hammelburg, Hermann Heinritz, eine falsche Anschuldigung fabriziert worden, wie sie in jedem Lehrbuch für Antisemitismus stehen könnte. Beide hätten sich an den Bauern der Region bereichert, seien »Blutsauger« und als »brutale und rücksichtslose Ausbeuter« bekannt. Daher seien die Schusters in »Schutzhaft«zu nehmen.

EIGENTUM Brutal ging allerdings nur die Gestapo vor, mit dem Ziel, die jüdische Familie um ihr Eigentum zu bringen. Seinen Vater und den Großvater hätte »die Ungerechtigkeit, dieses Konstruierte« besonders getroffen in einem Ort wie Bad Brückenau, in dem sie sich hundertprozentig integriert gefühlt hätten, sagt Josef Schuster.

Julius und David wurden 1937 zunächst ins Gefängnis in Bad Brückenau und dann ins KZ Dachau gebracht, später auch ins KZ Buchenwald. »Mein Großvater hatte sich hier alles selbst erarbeitet. Den Grundbesitz in Bad Brückenau hatte er erworben und auch bebauen lassen. Es war sein Lebenswerk, welches er nicht hergeben wollte«, sagte Josef Schuster der Jüdischen Allgemeinen.

Nach über einem Jahr im KZ war Julius Schuster gezwungenermaßen bereit, die beiden Häuser zu verkaufen, um sein Leben zu retten und mit Frau und Kindern nach Palästina auswandern zu können. Im Dezember 1938 wurden die Schusters aus Deutschland vertrieben – eine Rückkehr wurde ihnen ausdrücklich verboten.

Wie man weiß und wie der Film zeigt, ist es anders gekommen. Die Gebäude in Bad Brückenau wurden der Familie nach dem Krieg zurückerstattet; David Schuster gründete die Jüdische Gemeinde Würzburg neu, der sein Sohn Josef Schuster heute vorsteht.

DEPORTATIONEN Doch die Doku fördert auch neue, schreckliche Details aus der Geschichte der Würzburger Juden zutage. Etwa die detaillierten Organisationspläne für die Vorbereitung der Deportationen in die NS-Vernichtungslager, bei denen die Täter jeden Schritt (wie Großgepäckdurchsuchung, Handgepäckdurchsuchung, körperliche Durchsuchung) auf Laufzetteln dokumentieren mussten. Nach dem Krieg hätten die Beteiligten immer geleugnet, dass es so etwas gegeben habe, sagt der Würzburger Archivar Alexander Wolz im Film – aber die Akten zeigen das Gegenteil.

In den neun Deportationen der 40er-Jahre machte die Gestapo Unterfranken »judenrein« und dokumentierte dies auch noch in einem Fotoalbum. Doch der Film belässt es nicht bei der Aufzählung des Schreckens, sondern steigt tief in die Materie ein. Etwa beleuchtet er die Entstehungsgeschichte der Gestapo und reißt die Theorie des Buches Der Doppelstaat (auf Deutsch 1974 erschienen) des Politikwissenschaftlers Ernst Fraenkel an. Dieser erklärte, wie im NS-Staat immer mehr Raum für willkürliche Maßnahmen entstand, während der konventionelle Normenstaat zurückgedrängt wurde.

In Würzburg hatte die Gestapo übrigens nur 20 hauptamtliche Mitarbeiter – ohne Denunzianten wäre ihre Arbeit weitaus weniger »erfolgreich« gewesen. »Der Fall der Familie Schuster ist nur einer von Tausenden. Nicht nur Juden, auch Homosexuelle, Sozialisten, Sinti und Roma und andere Regimegegner werden von der Gestapo verfolgt«, heißt es in der Doku. Selten sieht man in einem 45-Minuten-Film eine so stringent erzählte Geschichte mit derart vielen Hintergrundinformationen.

Der Film wird am 21. Juni um 22 Uhr im BR-Fernsehen gezeigt und ist bereits jetzt in der ARD-Mediathek zu sehen.

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