Thomas Meyer

»Der Ernstfall kommt immer«

Der Schweizer Schriftsteller über das Erfolgsrezept glücklicher Beziehungen und die Fortsetzung von »Wolkenbruch«

von Philipp Peyman Engel  12.06.2019 13:52 Uhr

»Eine Wohngemeinschaft ist kein Aphrodisiakum«: Thomas Meyer Foto: Lukas Lienhard / © Diogenes Verlag

Der Schweizer Schriftsteller über das Erfolgsrezept glücklicher Beziehungen und die Fortsetzung von »Wolkenbruch«

von Philipp Peyman Engel  12.06.2019 13:52 Uhr

Woran genau scheitern Beziehungen? Wie kann die Liebe dem Alltag trotzen? Ist dauerhafte Monogamie nur ein frommer Wunsch? Seit genau fünf Jahren beantwortet der jüdische Schriftsteller Thomas Meyer in der Schweizer Wochenzeitung »SonntagsBlick« die Fragen seiner Leser. »Meyer rät« gehört zu den beliebtesten Kolumnen des Landes. Eine Auswahl der Fragen und Antworten ist nun in Buchform unter dem Titel Meyer rät: 99 lebenswichtige Antworten des »Wolkenbruch«-Autors zu fast allen Lebensfragen erschienen. Im Interview spricht Meyer über respektvolle Partnerschaften, Trennungen, seine eigene letzte Beziehung und seinen neuen Roman »Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin«.

Herr Meyer, was sind Sie denn nun: Schriftsteller oder Berater?
Offenbar beides. Ich meine das nicht ironisch. Ich bin selbst überrascht, dass beides funktioniert. Aber die Beratung nimmt viel weniger Platz in Anspruch als das Schrei‐
ben.

In Ihrem Buch »Trennt euch!« kommt dennoch beides zusammen. Dort sagen Sie, dass vier von fünf Paaren nicht kompatibel sind und sich trennen sollten. Ist das nicht ein bisschen radikal?
Meiner Meinung nach kann man in dieser Frage nicht radikal genug sein. Ich empfinde Beziehungen zwischen Menschen, die einander nicht verstehen, als etwas Grauenvolles. Schauen Sie sich doch mal um, dann sehen Sie es selbst. Es gibt so unfassbar viele Beziehungen, die nur noch destruktiv sind und dennoch weitergeführt werden. Oder vielleicht genau deswegen. Die Leute lassen kein gutes Haar aneinander, beklagen sich nur und bleiben doch zusammen. Es ist wirklich faszinierend.

Woran liegt das?
Wir leiten aus der Tatsache, dass wir jemandem zugeneigt sind, Kompatibilität ab. Aber das sind zwei verschiedene Dinge. Bloß weil ich jemanden hübsch finde, tut er mir noch lange nicht gut. Das ist ein Grundsatzirrtum, dem wir alle unterliegen. Und dann finden wir uns in Beziehungen wieder, die wir so nie hätten haben wollen. Der zweite Grundsatzirrtum ist dann, dass wir glauben, den Partner verändern zu können.

Ist der Schlüssel zu einer glücklichen Beziehung, den anderen einfach so zu respektieren, wie er ist?
Das muss man sowieso. Der Schlüssel ist, sich zu fragen, ob man diesen Menschen so will, wie er ist. Und nicht, wie er sein könnte. Dieses Verändernwollen ist katastrophal.

Mick Jaggers Ex‐Frau Jerry Hall sagte einmal sinngemäß: »Ich habe 20 Jahre lang versucht, Mick zu verändern, mir ist es nicht gelungen« …
Ja, wir alle haben es schon versucht, nie ist es jemandem gelungen, und das einzige Ergebnis besteht darin, dass beide sich ungeliebt und nicht akzeptiert fühlen.

Und wenn zwei einander lieben und verstehen, ist das dann Ihrer Erfahrung nach eine Erfolgsgarantie?
Nein. Liebe und Ähnlichkeit sind die Basis, aber der Alltag ist ein echtes Problem. Es ist nun einmal nicht sonderlich aufregend, den Partner jeden Tag zu sehen, jede Nacht mit ihm zu verbringen und nichts mehr dafür tun zu müssen, ihn nackt zu sehen. Eine Wohngemeinschaft ist kein Aphrodisiakum.

Was raten Sie Paaren, deren Beziehung etwas eingerostet ist?
Die Routine aufzubrechen. Zwei Schlafzimmer oder gar zwei Wohnungen zu nehmen. Eine gesunde Distanz zueinander einzunehmen. Und vor allem offen und ehrlich miteinander zu kommunizieren, über Gefühle, Bedürfnisse und Ängste. Das wird nämlich fast nie gemacht. Die meisten Paare führen öden Smalltalk. Und wundern sich dann, wenn sie sich entfremden.

Das klingt ein bisschen apodiktisch. Was für den einen grauslich klingt, mag für andere erfüllend sein.
Natürlich gibt es Paare, deren größtes Glück darin besteht, jede freie Minute miteinander zu verbringen. Aber das gilt einfach nicht für jeden. Dieses oft propagierte Familienmodell unter einem Dach ist für manchen schlicht Gift. Das muss man sich aber auch erst einmal eingestehen können. Und natürlich ist es nicht einfach, sich zu trennen. Es ist extrem schwierig. Man fürchtet den Prozess und sein Ergebnis, man fürchtet, ein schlechter Mensch zu sein, und man hofft bis zum Schluss, dass sich doch noch alles zum Guten wende. Eine Trennung ist nicht schön. Sie kann sogar sehr traumatisch ausfallen.

Sie haben eine Art Paar‐Kompatibilitätstest entwickelt. Was hat es damit auf sich?
Um den zermürbenden Machtkampf zu vermeiden, den eine inkompatible Beziehung erzeugt, sollte man, bevor man sich ernsthaft auf jemanden einlässt, herausfinden, ob er zu einem passt. Ob man sich mit ihm versteht. Darum habe ich diesen Test aufgeschrieben. Man sollte immer wieder prüfen, ob man sich noch füreinander entscheiden würde. Und sich andernfalls eben loslassen.

Dafür ist es nie zu spät, schreiben Sie.
Ja, sich für Wahrhaftigkeit, Eigenliebe und Aufrichtigkeit zu entscheiden, ist immer richtig, finde ich. Kürzlich unterhielt ich mich mit einem Mann, der fast 80 war. Er hat sich nach 60 Ehejahren getrennt. Er wirkte frei und heiter. Ein mutiger Mann.

Wer leidet mehr – derjenige, der verlassen wird, oder derjenige, der geht?
Der Verlassene wird mehr bemitleidet, und dem Verlassenden wird Bösartigkeit unterstellt, aber es leiden beide genau gleich.

Was raten Sie Ihren Lesern: Seitensprung gestehen oder lieber verheimlichen?
Die Frage setzt zu spät ein, nämlich nach dem Seitensprung. Da hat man schon zuvor eine Menge verheimlicht, und zwar die eigenen Bedürfnisse und Gefühle. Man sollte über diese reden, bevor man durch das Fremdgehen darauf reagiert. Der Seitensprung ist letztlich eine sehr egoistische Angelegenheit. Man füllt ein Vakuum, das andernorts entstanden ist, und kümmert sich nicht mehr um diesen anderen Ort.

Kann eine Beziehung das Fremdgehen überstehen?
Meiner Meinung nach ist nicht das Problem, dass der Partner mit einem anderen Menschen im Bett gelegen hat, sondern dass er unehrlich war. Dass er das gemacht hat, ohne darüber mit seinem Partner zu sprechen – und so dessen Einverständnis quasi vorausgesetzt hat. Das wiegt, finde ich, viel schwerer.

Die ewige monogame Liebe – ein frommer Wunsch?
Definitiv! Es ist nicht in unserer Natur. Aber es ist für viele Menschen wichtig und für andere nicht so. Auch darüber muss man halt offen miteinander reden. Und eben möglichst früh. Man muss Spielregeln etablieren für den Ernstfall, der so oder so immer kommen wird: Was, wenn ich jemanden treffe, mit dem ich intim sein will? Was ist dann?

Der Bedarf nach Beratung in Liebes‐ und Lebensdingen hat in den letzten Jahren rapide zugenommen. Wie erklären Sie sich das?
Die Menschen sind sehr verunsichert, gerade meine Generation. Wir sehen an unseren Eltern, dass ihr Modell der lebenslangen Gemeinschaft nicht funktioniert, haben aber keine Ahnung, wie die Alternative aussehen sollte. Oder besser: unsere Alternative. Wir merken, dass es nicht die eine korrekte Art gibt, eine Beziehung zu führen – glauben aber immer noch, die populäre sei auch für uns die richtige. Und das stimmt einfach nicht.

Können Sie selbst eigentlich noch an die romantische Liebe glauben?
Sicher, wieso nicht?

Weil Sie ja nun doch einige Trennungen durchlebt haben.
Diesen sind aber romantische Liebeserfahrungen vorangegangen. Ich verliere ja auch nicht die Freude am Autofahren, bloß weil mein aktueller Wagen einen Totalschaden hat.

In der Schweiz war Ihre Trennung Anfang des Jahres ein ziemlich großes Thema. Woran ist die Beziehung gescheitert?
Wir sind ein kleines Land. Die eine Zeitungsmeldung wurde von anderen Medien aufgegriffen, und dann wirkt es wie ein Riesending. Gescheitert ist die Beziehung aber nicht. Ich finde dieses Wort in diesem Zusammenhang sehr unpassend.

Inwiefern?
Wir haben einfach eingesehen, dass wir nicht länger zusammenpassen. »Herr Meyer, auch Sie sind ja nicht immun!«, heißt es manchmal. Natürlich nicht. Ich bin ein Mensch, kein Supercomputer. Auch ich habe eine Vergangenheit und meine Ängste. Auch ich habe Bedürfnisse, auch ich habe die Neigung, mir die Dinge schönzureden, vor allem, wenn die Dinge einen guten Hintern haben. Auch ich bin oft nicht souverän. Aber ich nehme für mich in Anspruch, mein Verhalten genau zu reflektieren. Das hilft mir, nicht ganz so viel Mist zu bauen.

Welche Fehler haben Sie gemacht, vor denen Sie Ihre Leser warnen würden?
Was heißt Fehler? In einer inkompatiblen Beziehung ist alles ein Fehler, weil alles auf die Inkompatibilität reagiert. Man sagt gemeine Dinge, aber ist das ein Fehler oder ein Hilferuf?

Ihre Kolumne heißt ja »Meyer rät«. Was würde der Kolumnist der Privatperson Thomas Meyer rückblickend raten?
»Du hättest die Zeichen der Inkompatibilität als solche anerkennen sollen. Und nicht glauben, eure Liebe würde sie heilen.«

Und jetzt, nach der Trennung, was raten Sie? Sich ins Getümmel stürzen oder trauern und die Gründe der Trennung reflektieren?
Unbedingt reflektieren. Man ist so schnell dabei, den Expartner als Trottel darzustellen und sich als Heiligen, und dann hat man überhaupt nichts aus der Geschichte gelernt. Die Frage ist ja: Warum habe ich einen Trottel zum Partner gemacht? Macht mich das nicht auch zum Trottel? Wieso hat mich, was mich nun abstößt, einst angezogen? Diesen Fragen muss man sich stellen. Sonst wiederholt sich alles nur.

Lassen Sie uns zum Schluss noch kurz über Ihre Romane reden. »Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse« war vor sieben Jahren ein Riesenerfolg. Über die Fortsetzung wurde schon oft spekuliert. Wird es eine geben?
Ja. »Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin« erscheint am 17. September bei Diogenes. Ich habe das Buch vor wenigen Tagen fertiggestellt.

Worum geht es in der Fortsetzung? Im ersten Teil hatte Motti sich ja von seinen Eltern freigeschwommen und in Laura verliebt, eine Nichtjüdin.
Motti wird zum Vorsitzenden des Weltjudentums, ein trauriger Lotterladen, den er zum globalen Erfolg führt. Einer Gruppe von Nazis, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einem Berg in Bayern hausen, passt das gar nicht, und sie setzen eine sehr hübsche Agentin auf ihn an. Schon wieder eine Schickse.

Zur Freude von Mottis Mutter, oder?
Die Mamme nimmt es überraschend locker, sie raucht neuerdings nämlich Gras.

Mit dem Schriftsteller und Ratgeberkolumnisten sprach Philipp Peyman Engel.

Thomas Meyer wurde 1974 in Zürich geboren. Er arbeitete unter anderem als Werbetexter, bevor 2012 sein erster Roman »Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse« erschien. Das Buch war auf Anhieb ein Bestseller und wurde für den Schweizer Buchpreis nominiert. Im vergangenen Jahr lief die Verfilmung in den Kinos. 2014 veröffentlichte Meyer seinen zweiten Roman »Rechnung über meine Dukaten«, eine Historienposse über den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. Zuletzt erschien von ihm »Trennt euch! Ein Essay über inkompatible Beziehungen und deren wohlverdientes Ende«.

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