Meinung

Der bunte Kanal

Unseriöser Quatschvogel? Jan Böhmermann, Moderator des »ZDF Magazin Royale« Foto: imago images/Nordphoto

Der moralische Zeigefinger von Jan Böhmermann ist wieder verheilt – pünktlich zum Start seiner neuen Sendung »ZDF Magazin Royale«, die nun erstmals im ZDF-Hauptprogramm gesendet wird. Ende September war der Satiriker noch als Gast in der »NDR Talk Show« mit Pflaster am Zeigefinger zu sehen. Gut, dass alles verheilt ist, denn Jan Böhmermann hat viel zu tun.

In seiner ersten Sendung Anfang des Monats nach einjähriger Pause verkündete Böhmermann, das »ZDF Magazin Royale« werde »unerbittlich nach den schadhaften Stellen unserer Demokratie fahnden. Wir werden unabhängig, entschieden und furchtlos Stellung beziehen.« Damit zitiert der Satiriker die ersten Worte des Holocaust-Überlebenden Gerhard Löwenthal, dem Erfinder und Moderator des »ZDF Magazins«, aus dessen erster Sendung 1969.

TRADITION Böhmermanns neue Sendung steht in dessen Tradition, wie man auch an Titel und Titelmelodie erkennen mag, inhaltlich spielt er natürlich aber auch mit dieser Nachfolge – das »ZDF Magazin« war von 1969 bis 1987 schließlich ein strikt antikommunistisches Politmagazin. Es bildete damals den westlichen Gegenpol zu Sendungen im staatlichen DDR-Fernsehen wie dem »Schwarzen Kanal« von Karl-Eduard von Schnitzler.

Böhmermann ist viel mehr als ein Quatschvogel, er ist Aufklärer und Grenztester im Dienste der Demokratie.

1976 nannte der SPD-Politiker Herbert Wehner Löwenthal einen »internationalen Störenfried« – eine Bezeichnung, die heute auch auf Böhmermann zutreffen würde, wenn auch in einem ganz anderen Kontext. Beide polarisieren – beide auf ihre eigene Weise.

Und trotzdem, dieses Zitat von Gerhard Löwenthal passt wie maßgeschneidert zu Jan Böhmermann: Nicht erst seit heute fahndet er nach den schadhaften Stellen unsere Demokratie, legt den Finger in die Wunde. Egal, ob er gerade gegen die AfD austeilt, die Ausbeutung von Paketzustellern anprangert oder entlarvt, wie sich rechtsextreme Funktionäre bei der Geburtstagsfeier des ehemaligen »Spiegel«-Kulturchefs Matthias Matussek amüsieren – auf Böhmermann ist Verlass. Wenn Justiz und Polizei es verschlafen, im Internet für Recht und Ordnung zu sorgen, dann kommt eben der Polizistensohn aus Vegesack und gründet kurzerhand die Bürgerrechtsbewegung »Reconquista Internet« gegen Online-Hatespeech.

HALTUNG Neuerdings mischt Böhmermann auch bei »Telegram« mit, einem verschlüsselten Nachrichtendienstleister, der vor allem von Rechtsextremen und Verschwörungsanhängern genutzt wird und der bis vor Kurzem von den Staatsorganen keine Beachtung fand. Durch gezielte Provokation stieß der Satiriker immer wieder wichtige Debatten an, schaffte es beispielsweise, mit seinem Schmähgedicht gegen Erdogan sogar eine Staatsaffäre auszulösen. Böhmermann beweist Haltung, auch wenn er damit oft allein dasteht.

Sich selbst bezeichnet Jan Böhmermann als »unseriösen Quatschvogel«. Somit erweckt er den Eindruck, keinen Anspruch auf überhaupt irgendetwas zu erheben – er nimmt seinem Publikum und allen, auf die er »wirkt«, jegliche Erwartungen. Jedoch ist Jan Böhmermann natürlich viel mehr als ein Quatschvogel, und das weiß er auch selbst. Vielleicht ist die Lage der Welt aus Sicht Böhmermanns auch einfach zu ernst, um nur Männer- und Frauenwitze à la Mario Barth zu machen.

Gedenkkultur, der Kampf gegen Antisemitismus und die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nationalsozialisten liegen Böhmermann am Herzen.

Böhmermann ist natürlich viel mehr als ein Quatschvogel, er ist Aufklärer und Grenztester im Dienste der Demokratie. Er versteht es, seine Reichweite, sei es in seiner TV-Show, dem Podcast »Fest und Flauschig« oder natürlich auf Twitter zu nutzen, um auf Themen aufmerksam zu machen, die von der Allgemeinheit vergessen oder verdrängt zu werden drohen. Es sind Themen wie Ungleichheit, das Erstarken des Rechtsextremismus oder das Staatsversagen bei der Bekämpfung von eben diesem, auf die Böhmermann den Scheinwerfer richtet. Und das oft ganz nebenbei. Witze unter der Gürtellinie und die ernsthafte aber ironisch gebrochene Auseinandersetzung mit diesen Themen stehen oft unvermittelt nebeneinander. Immer mit einem Augenzwinkern. Das ist Böhmermanns Kernkompetenz.

GEDENKKULTUR In dem Podcast »Fest und Flauschig«, den Böhmermann gemeinsam mit dem Musiker Olli Schulz moderiert, zeigt sich der Satiriker auch von seiner unironischen Seite. Gedenkkultur, der Kampf gegen Antisemitismus und die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nationalsozialisten liegen Böhmermann besonders am Herzen und sind längst zu einem Dauerthema in dem Podcast geworden, der zu den erfolgreichsten Deutschlands zählt. Wie selbstverständlich erinnert er die Zuhörer am Ende der Sonntagsfolge, die am Vortag des 9. November 2020 erschien, noch nebenbei an den Jahrestag der Pogromnacht und verbindet damit einen Aufruf zum Putzen von Stolpersteinen.

Außerdem ist Böhmermann sein großes Interesse am Judentum, insbesondere an jüdischen Traditionen, anzumerken. Er gibt aber auch offen zu, (noch) nicht viel darüber zu wissen.

Für viele bleibt Böhmermann ein umstrittener Charakter. Auch ich bin politisch mit ihm durchaus nicht immer einer Meinung. Aber die Grundpfeiler stimmen, und für diese ist Böhmermann bereit einzustehen, und dafür verdient er meine Anerkennung. Zu hoffen bleibt, dass er jetzt mit dem Sprung aus der Sparte ins Hauptprogramm nicht seine Schärfe, Spitzzüngigkeit und Pointiertheit verliert.

Ich freue mich jedenfalls, dass er nach seiner einjährigen Pause auf der Fernsehleinwand zurück ist! Und wenn Du, lieber Jan, noch irgendwelche Fragen zum Judentum haben solltest, dann würde ich Dir ganz einfach mit Deinen eigenen Worten als ehemaliger Lateline-Moderator anbieten: »Just Call!«

Die Autorin ist ELES-Stipendiatin und lebt in München.

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