Provenienzforschung

Der Bettler war gestohlen

»Der Bettler« von Eugène Zak (1884–1926) Foto: Lissy Kaufmann

Der Bettler stand im Mittelpunkt der Konferenz: für alle Teilnehmer und Besucher gut sichtbar am Eingang positioniert, umringt von Neugierigen, von Kameraleuten und Fotografen. Jeder wollte die Geschichte dieses Mannes hören, der da in seinem rot-braunen Anzug kniet und die rechte Hand nach Almosen ausstreckt.

Der Bettler ist ein Gemälde des jüdischen Malers Eugène Zak, der in Russland geboren wurde und Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris lebte. Jahrelang hing das Bild im Museum in Ein Harod im Norden Tel Avivs. Bis Anfang des Jahres eine Doktorandin aus Polen das Bild in einer Datenbank für Raubkunst entdeckte. Das Museum verglich die Nummer dort mit dem Stempel auf der Rückseite des Bildes: MA-B 1330. Damit stand fest: Das Bild wurde im Dritten Reich von den Nazis gestohlen.

Ziel des Museums ist es nun, die rechtmäßigen Erben des Gemäldes ausfindig zu machen. Genau deshalb war das Werk auch beim »Zweiten Forum zur Restitution von Kulturgütern aus der Holocaust-Ära in Israel« ausgestellt. Bei der Konferenz kamen Kunst- und Restitutionsexperten aus Israel und der ganzen Welt zusammen. Sie sprachen über Zukunftspläne und die Erfolge der vergangenen Monate, die Fortschritte im Ausland, unter anderem der Gurlitt-Taskforce, die das öffentliche Interesse am Thema Restitution in den vergangenen Jahren überhaupt erst geweckt hat.

ermitteln Organisator der Konferenz war auch in diesem Jahr wieder das staatliche Unternehmen HaShava mit Sitz in Petach Tikwa, das sich ursprünglich nur um die Rückerstattung von Kapital, Aktien und Immobilien bemühte. Seit rund zwei Jahren sind nun auch Kunstgegenstände und Judaika hinzugekommen. HaShava versucht, die rechtmäßigen Erben zu ermitteln. Diese können die Werke dann an sich nehmen, dem Museum zurückverkaufen oder schenken.

Bevor HaShava mit der Provenienzforschung begann, war diese innerhalb Israels kaum ein Thema. Doch auch in israelischen Museen verbirgt sich Raubkunst. Sie kam vor allem nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Kunstexperten kümmerten sich im Auftrag der Alliierten um geraubte Schätze. Wo die Erben nicht gefunden werden konnten, gingen die Werke an die Jüdische Restitutionsnachfolger-Organisation (JRSO). Von dort gelangten sie in das Bezalel-Nationalmuseum, Vorläufer des heutigen Israel-Museums in Jerusalem.

»Solange es da draußen noch Raubkunst gibt, so lange ist der Kampf gegen die Nazis noch nicht zu Ende«, sagte der Keynote-Sprecher Eric Pickles, britischer Politiker und Sonderbeauftragter für Post-Holocaust-Angelegenheiten. Israel solle die Restitutionsarbeit weltweit anführen, das Land habe ein starkes moralisches Gewicht, forderte Pickles, der sich als Freund Israels bezeichnete. Zwar hat zum Beispiel das Israel-Museum bereits einige Bilder als Raubkunst enttarnt und die Erben ermittelt. Dennoch sei bisher nicht genug getan worden, Archive seien oft nicht zugänglich. Pickles mahnte zur Eile: »Je mehr Zeit verstreicht, desto geringer werden die Chancen, Erben ausfindig zu machen.«

Gesetze Elinor Kroitoru, Leiterin der Forschungs- und Informationsabteilung von HaShava, erzählte von einigen neu entdeckten Gemälden und von der HaShava-Entscheidung, dass Raubkunst ohne Erben in den Museen bleiben und somit als Erinnerungsstücke der Öffentlichkeit zugänglich sein solle. Dennoch sei in Israel noch einiges zu tun, um die Erben von Raubkunst ausfindig zu machen. Denn die Washingtoner Prinzipien von 1998 zu Vermögenswerten aus der Zeit des Holocaust wurden in Israel bisher nicht gesetzlich verankert. Laut dem Washingtoner Abkommen soll Raubkunst gesucht, veröffentlicht und mit den Erben eine faire und gerechte Rückgabelösung ausgehandelt werden.

»Wir haben drei Hauptziele: eine Gesetzgebung, Budget und Training. Wir hatten bereits zwei professionelle und sehr erfolgreiche Workshops für die Museumsmitarbeiter. Und der Gesetzgebungsprozess begann mit der vorigen Regierung. Wir hoffen, dass nach dem Forum nun auch Fortschritte mit der neuen Regierung erzielt werden können«, so Kroitoru.

Auch Ayala Oppenheimer, Kuratorin des Ein-Harod-Museums, in dem Der Bettler entdeckt wurde, weiß, wie wichtig diese drei Ziele sind. Grundsätzlich sei das Museum bereit, an der Provenienzforschung mitzuwirken: »Die Museumsmitarbeiter müssen aber weiterhin geschult werden, um Raubkunst überhaupt als solche erkennen zu können.«

Zwickau

Ausstellung zu jüdischen Lebensgeschichten

Im Jahr 2022 ist in Zwickau eine alte Torarolle wiederentdeckt worden. Die Schrift der früheren jüdischen Ortsgemeinde bildet nun das Herzstück einer Ausstellung

 24.06.2026

Programm

Erinnerung, Entwurzelung, Erläuterung: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 25. Juni bis zum 2. Juli

 24.06.2026

Abschied

Musiker betrauern Clive Davis

Von Barbra Streisand über Carole King bis hin zu Billy Joel und von Earth, Wind & Fire bis Santana: Alle verabschieden sich von dem legendären Produzenten in Trauer und Dankbarkeit

von Imanuel Marcus  24.06.2026

Länger leben

Forscher drehen die biologische Uhr zurück

Israelischen Wissenschaftlern gelingt es, Alterungsprozesse in Lebern alter Mäuse umzukehren. Der Traum von der Verjüngung erscheint damit zumindest auf molekularer Ebene denkbar

von Sabine Brandes  23.06.2026

Social Media

Von Saftpäckchen und Zahlencodes

Auf der Online-Plattform TikTok versteckt sich Judenhass häufig hinter Zahlencodes, Emojis und Hashtags. Eine neue Studie untersucht die Besonderheiten des digitalen Antisemitismus

von Leon Stork  23.06.2026

Los Angeles/New York

Hitler-, Grusel- und Helden-Parodien: Mel Brooks wird 100

Nur wenige haben einen Oscar, Emmy, Tony und Grammy gewonnen. Das jüdische Multitalent Mel Brooks zählt dazu. Jetzt wird der Komiker und Regisseur 100 - und zeigt, dass er noch immer Menschen zum Lachen bringt

von Barbara Munker  23.06.2026

Kommentar

Wer kann das noch ernst nehmen?

Immer mehr zeigt sich: Anmoderation und Exekution von Unwahrheiten und falschen Fakten vor einem Millionenpublikum sind kein ärgerlicher Ausrutscher, sondern gezielte Agitation

von Daniel Killy  23.06.2026

Essay

Fallstricke des Wokeismus

Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte bilden ein berechtigtes Korrektiv, aber was über Israel verbreitet wird, bedarf grundlegender Korrekturen

von Richard Blättel  22.06.2026

Hören

»Amalie’s Cosmos«

Die in Paris geborene Harfenistin Anne-Sophie Bertrand stellt eine deutsch-jüdische Salonnière ins Zentrum ihres neuen Albums

von Claudia Irle-Utsch  22.06.2026