»Der Komet«

Der Autor hat das Wort

Sehnsucht nach den Habsburgern: Hannes Stein Foto: Marco Limberg

Herr Stein, Sie haben einen Roman geschrieben. Warum? Mussten Sie sich unbedingt in die Phalanx von Journalisten einreihen, die ihre Mitmenschen mit schlechten Romanen behelligen?
Ich hoffe, dass es kein schlechter Roman ist. Meine ersten Probeleser haben sich jedenfalls nicht gelangweilt. Zu meiner Entschuldigung kann ich außerdem vorbringen, dass die Idee, die dem Buch zugrunde liegt, dermaßen irre ist, dass ich sie nicht in einen Essay oder Zeitungsartikel fassen konnte. Ich musste diese Idee erzählen, anders ließ sie sich nicht bändigen.

Was ist diese Idee?
Es handelt sich bei meinem Roman um eine Uchronie. Also auf gut Deutsch: eine Was‐wäre‐gewesen‐wenn‐Geschichte. Ich stellte mir die Frage: Was wäre passiert, wenn Erzherzog Franz Ferdinand, nachdem ihm in Sarajewo eine Bombe entgegengeflogen kam, gesagt hätte: »I bin doch ned deppat, i fohr wieder z’haus«, um seinen Wagenkorso wenden zu lassen und dann 1916 mitten im tiefsten Frieden den Thron zu besteigen. In meiner Parallelwelt organisiert Franz Ferdinand den Vielvölkerstaat Österreich‐Ungarn neu, verwandelt ihn in ein lockeres Konglomerat von Kronländern, das von Wien aus eher beaufsichtigt als regiert wird, und so herrscht im Jahr 2000, in dem mein Roman spielt, augusteischer Friede auf der Welt. Lenin ist als unbekannter Journalist in Zürich verstorben. Kein Mensch hat je von jenem Postkartenmaler aus Braunau gehört. Freud hat nie den Todestrieb entdeckt. Die Deutschen haben dafür den Mond erobert. Und Auschwitz ist ein Bahnknotenpunkt in Galizien.

Ist »Der Komet« ein jüdischer Roman?
Ja. Nein. Ich weiß nicht. Was ist denn ein jüdischer Roman? Wahr ist, dass in dem Buch allerhand Juden vorkommen. Zum Beispiel eine sehr beeindruckende Sefardin, die in Wien einen literarischen Salon unterhält und ihren Ehemann ziemlich genau in der Mitte des Romans furchtbar betrügt. Jener Ehemann stammt aus Lemberg und ist k. u. k. Hofastronom; außerdem ist er sehr fromm. Es gibt dann noch einen Oberrabbiner von Wien, den ich, faul, wie ich bin, der Wirklichkeit abgeschaut habe – er sieht einem meiner Freunde in New York zum Verwechseln ähnlich. Der Held meines Romans aber ist ein netter Goj. Ein russischer adeliger Kunststudent, der etwas Hocherstaunliches erlebt: seine erste Liebe.

Eine Liebesgeschichte! Wer liest denn so etwas?
Bitte rauben Sie mir nicht den Mut.

Sie haben in Ihrem Roman die Thronfolge im Habsburgerreich geändert. Otto von Habsburg wird also nicht Kaiser. Warum?
Nicht, weil ich etwas gegen Otto von Habsburg seligen Angedenkens hätte. Um Gottes willen! Sondern aus Gründen historisch‐poetischer Gerechtigkeit. In der wirklichen Geschichte kamen beide Söhne von Franz Ferdinand – Maximilian Hohenberg und sein jüngerer Bruder Ernst – ins KZ. Maximilian nach Dachau, Ernst zuerst nach Dachau, dann nach Buchenwald. Die SS machte sich einen besonderen Spaß daraus, die beiden adeligen Brüder die Latrinen reinigen zu lassen, eine Aufgabe, die sie angeblich mit großer Würde, sogar Heiterkeit erfüllt haben sollen. Beide haben überlebt, aber Maximilian ist an den Folgen der Haft viel zu früh gestorben. Ich wollte den KZ‐Häftling gern auf dem Kaiserthron sehen, also habe ich ihn in meinem Roman mit brachialer Kraft dort hingehievt.

Ist das wahrscheinlich?
Nein. Aber als Romanautor ist man bekanntlich Gott; da kann man tun, was man will. Sogar die Thronfolge ändern.

Was passiert in Ihrem Paralleluniversum mit dem Staat Israel?
Dem Jischuw geht es bestens, danke der Nachfrage. Er hat auch schon eine sehr weitgehende Autonomie erlangt, nur für Langweiligkeiten wie Außenpolitik ist weiter der Sultan in Stambul zuständig. Und leider muss gesagt werden, dass der Zionismus in einer zentralen Frage versagt hat: Die uralten Judengemeinden in Bagdad, Damaskus, Kairo, Teheran und Stambul denken gar nicht daran, ihre Koffer zu packen und auszuwandern. Sie bleiben lieber da, wo sie sind und seit Jahrtausenden gelebt haben.

In Ihrem Roman gibt es also keinen unabhängigen Staat Israel?
Nein. Aber die arabischen Staaten gibt es auch nicht.

Ist in dem Buch einfach die Zeit stehengeblieben?
Im Gegenteil, ich beschreibe eine sehr moderne Welt. Die Deutschen haben, wie schon erwähnt, den Mond kolonisiert. Im Habsburgerreich fahren die Leute mit Elektromobilen herum, und der Strom wird in Molekularkraftwerken produziert. Es ist also sehr wohl eine Moderne – nur ohne die mörderischen Irrwege des 20. Jahrhunderts.

Bitte, wie funktioniert ein Molekularkraftwerk?
Sehr gut.

Ihr Roman endet mit dem Ausruf »Allahu akbar«. Warum?
Wegen der bosnischen Muslime, die den Jahren 1992 ff. abgeschlachtet wurden, während das feine, feige Europa zusah. Und wegen Israel. In israelischen Ohren bedeutet »Allahu akbar« vor allem eines: Bitte ducken. Wahrscheinlich war es das Letzte, was die 21 tanzenden Jugendlichen im Dolphinarium in Tel Aviv gehört haben, ehe sie im Sommer 2001 in den Tod gerissen wurden. »Allahu akbar« brüllten auch die Selbstmordmörder, als sie die Passagierflugzeuge in die Zwillingstürme in Manhattan steuerten. Ich wollte aber, dass »Allahu akbar« wieder das heißt, was es eigentlich heißt: Gott ist groß. Trotz allem und gerade deswegen.

Hannes Stein: »Der Komet«. Galiani, Berlin 2013, 272 S. 18,99 €

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