Kino

Deportation à la française

Mädchen auf der Flucht: Szene aus »Sarahs Schlüssel« Foto: PR

»Ich versuche, die Zahlen zu vergessen und den Namen wieder ein Gesicht zu geben«, sagt der Mitarbeiter einer Organisation, die alle 13.000 Namen der berüchtigten Judenrazzia von Paris am 16. und 17. Juli 1942 aufgelistet hat.

Ihm gegenüber sitzt Julia, eine amerikanische Journalistin, die herausgefunden hat, dass in der Wohnung ihrer Schwiegereltern einst die jüdische Familie Strazynski wohnte. Die beiden Kinder Michel und Sarah wurden jedoch nicht, wie die anderen Angehörigen ihrer Familie, nach Auschwitz deportiert. Julia versucht jetzt, das Schicksal der beiden zu recherchieren.

wahrheitssuche Der französische Film Sarahs Schlüssel (Elle s’appelait Sarah) von Gilles Paquet Brenner, der diese Woche in die deutschen Kinos kommt, spielt auf zwei Zeitebenen: damals, als die französische Polizei die Pariser Juden gewaltsam in das Radrennstadion Vélodrome d’Hiver verfrachtete, von wo sie in die deutschen Vernichtungslager deportiert wurden; und heute, bei der Spurensuche nach den historischen Ereignissen. So ist dies ein Film gegen das Vergessen, gegen die offizielle und private Unterdrückung der Wahrheit und gegen die Illusion, mit Schweigen die nachfolgenden Generationen »schützen« zu können.

Nur durch die Hartnäckigkeit der New Yorkerin Julia, die seit 25 Jahren in Paris lebt, werden zwei Familiengeheimnisse gelüftet, die das Leben der jetzigen Generationen nachhaltig verändern. Dabei stellt der Film auch die nicht unberechtigte Frage, wie egoistisch und heikel diese absolute Suche nach der Wahrheit sein kann.

Sarahs Schlüssel ist vor allem aber auch ein Film über zwei starke Frauen aus zwei ganz unterschiedlichen Epochen, die stur und gradlinig, fast missionarisch ihren Weg gehen (müssen). Sarah, das etwa zehnjährige Mädchen, das bei der Razzia den kleinen Bruder Michel in einen Wandschrank einschließt, will um jeden Preis aus der Gefangenschaft entfliehen, bevor die Deportationen einsetzen.

Das gelingt ihr, aber um den Preis einer persönlichen Tragödie. Mit den Schuldgefühlen kann sie danach kaum mehr leben. Als junge Frau verlässt sie deshalb ihre französischen Adoptiveltern, die sie während des Krieges versteckt hatten, und meldet sich nur noch ein einziges Mal mit einer Heiratsannonce aus dem fernen Amerika.

Julia, die toughe Journalistin, soll in die Wohnung einziehen, in der einst Sarah lebte. Ihr französischer Ehemann wuchs dort auf und weiß nichts über die Schatten der Vergangenheit. Als er von Julia mit der historischen Wahrheit konfrontiert wird, reagiert er wütend. Er wünscht sich, seine Frau hätte geschwiegen, so wie all die Jahre sein Vater.

gegenwart Einfühlsam und intelligent nähert sich Regisseur Gilles Paquet Brenner den komplexen Fragen von Schuld, Anpassung und Schweigen und rückt durch ein individuelles Schicksal die Tragödie der deportierten Juden in den Mittelpunkt. Zwar hat das französische Kino in den vergangenen Jahren mit Filmen wie Ein Geheimnis und Die Kinder von Paris die Kollaboration und den Antisemitismus der Franzosen kritisch hinterfragt. Sarahs Schlüssel belässt es jedoch nicht bei der Vergangenheit. So sieht man auch die legendäre Rede von Jacques Chirac, der 1995 endlich Frankreichs Schuld an der Verfolgung und der Ermordung seiner Juden öffentlich gestand.

Die Stärke des Films liegt in der ebenso gefühlvollen wie sachlichen Inszenierung, die besonders durch die Hauptfigur zum Tragen kommt. Kristin Scott Thomas als Julia vermag Kühle und Strenge ebenso auszustrahlen wie Sensibilität und Emotionen. Sarahs Schlüssel wird so zu einem Film, der schmerzt und keine Erlösung anbieten kann, aber den Opfern wie den traumatisierten Überlebenden ihre Würde und ihre Geschichte zurückgibt.

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