Redezeit

»Dem Überdruss entgegenwirken«

Julia von Heinz Foto: Stephan Pramme

Frau von Heinz, am 23. Januar läuft »Hannas Reise« an, der auf Motiven von Theresa Bäuerleins Roman »Das war der gute Teil des Tages« beruht. Was hat Sie gereizt, aus dem Stoff einen Film zu machen?
Vor allem, dass die Handlung in Israel angelegt ist, weil ich das Land gut kenne und immer schon überlegt habe, wie ich dieses Interesse mit meiner Arbeit als Regisseurin verbinden könnte. Außerdem war die Tonart des Buches für mich neu.

Inwiefern?
Zum Beispiel tauchen darin Sprüche und auch Witze zum Thema Holocaust auf, wie ich sie aus Israel kannte, von denen ich aber bislang das Gefühl hatte: Das darf man in Deutschland so nicht sagen, oder das rutscht schnell ins Geschmacklose oder Antisemitische ab. Theresa Bäuerlein hat eben eine Tonart gefunden, die, wie ich finde, gut mit dem Thema deutsche Vergangenheit umgeht. Die mir gezeigt hat, dass man in der »Dritten Generation« auch anders auf die Geschichte schauen kann. Ich habe das Drehbuch gemeinsam mit meinem Mann geschrieben. Wir haben von der Romanvorlage gar nicht so viel verwendet, aber das Grundmotiv, dass eine Deutsche nach Israel geht, dort mit Behinderten arbeitet und sich verliebt, beibehalten. Hinzu kam, dass wir die Tonart des Romans durch Sprüche, die wir aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis kannten, ergänzt und noch stark zugespitzt haben.

Hatten Sie Befürchtungen, dass einige dieser Sprüche missverstanden werden könnten?
Ja, so etwas kann sehr schnell kippen. Wir haben auch beim Schreiben gemerkt: Manches geht nicht und ist für Menschen, die den Holocaust noch erlebt haben, verletzend. Da gibt es eine ganz feine Trennlinie.

Wie war der Kontakt zur Buchautorin?
Theresa hat uns völlig freie Hand gelassen. Sie hat vor dem Dreh unser Buch dazu gelesen und dann erst wieder den fertigen Film gesehen. Darin hat sie sich wiedergefunden.

Wie haben Sie sich auf die Dreharbeiten vorbereitet?
Das Wichtigste für uns war, dass wir im deutschen Freiwilligen-Milieu recherchiert haben. Das ist ein Biotop für sich. Wir standen früh mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) in Kontakt und haben für diese Organisation einen Beitrag über 50 Jahre deutsche Freiwilligenarbeit in Israel gemacht. Wir haben sowohl Leute begleitet als auch den Freundeskreis der ASF aufgesucht. Das sind ungefähr zehn deutschsprachige Holocaust-Überlebende, die zum Teil seit 53 Jahren Freiwillige empfangen. Ganz beeindruckende Menschen! Eine von ihnen haben wir in der Figur der Gertraud übernommen. Wir durften sie auch interviewen. Der Film ist also zusätzlich sehr dokumentarisch. Allerdings betrachten wir den Einsatz der Freiwilligen durchaus auch kritisch.

Wie äußert sich das?
Unsere Hauptfigur im Film, Hanna, sagt klipp und klar: Mein Aufenthalt in Israel ist nützlich für die Vita. Sie ergänzt zynisch: »Was mit Juden kommt immer gut. Was mit behinderten Juden zählt doppelt.« Diese Haltung, natürlich nicht so scharf ausgesprochen, kenne ich. Es ist sehr nützlich, wenn man im Lebenslauf einen Freiwilligeneinsatz vorweisen kann. Und auch meine Branche ist nicht frei von Zynismus. Mir ist schon Stoff angeboten worden, von dem es hieß: Der Film spielt im Holocaust, das kann ein Oscar-Gewinner werden. Es gibt diese Tendenz, dass die Beschäftigung mit dem Thema Schoa etwas bringt, weil man dadurch als Demokrat oder Gutmensch dasteht. Bezogen auf die Figur der Hanna ist das sehr zugespitzt dargestellt. Wir haben die echten Freiwilligen nach einem Jahr erneut gesprochen, und da hatte sich jegliche berechnende Haltung vom Anfang vollkommen aufgelöst.

Sie haben zu dem Film ein sehr ehrliches Drehtagebuch verfasst, in dem Sie auch beschreiben, wie Sie im November 2012, als zum ersten Mal nach elf Jahren wieder Raketenalarm in Tel Aviv war, so schnell wie möglich von dort weg wollten.
Ja. Im Film haben wir versucht, diese allgemeine Stimmung des Flüchtens in die Figur des Itay zu packen. Allein in meinem Drehteam waren unheimlich viele, die gerade ihre europäischen Pässe beantragt hatten, sich mitten im Zulassungsverfahren befanden oder es vorhatten. Und dabei ging es nicht um ukrainische oder polnische Pässe, sondern das heilige Land heißt Berlin. Das haben wir mit Itay gezeigt. Aber auch seine Zerrissenheit, denn er hasst Israel nicht. Er sagt nur: Ich hätte lieber die Schweiz oder Österreich als Nachbarn.

Sie thematisieren in »Hannas Reise« die »Dritte Generation«. Wie erleben Sie die?
Als dem Thema Holocaust überdrüssig. Und dafür habe ich zum Teil auch Verständnis. Mit meinem Film möchte ich diesem Überdruss entgegenwirken. Ich erlebe junge Menschen, die sagen: Damit haben wir nichts mehr zu tun. Dann gibt es die, die sich voll und ganz der Sache widmen. Wie die Figur der Maja, die für die Palästinenser kämpft, oder Carsten, der so sehr Philosemit ist, dass er mit gebeugtem Rücken durch das Land geht, sich für alles entschuldigt. Diese beiden Charaktere prallen im Film aufeinander und zeigen die deutsche Sichtweise auf den Nahostkonflikt. Und die ist sehr neurotisch.

Mit der Regisseurin sprach Katrin Richter.

Der offizielle Trailer zu »Hannas Reise« sehen Sie hier www.youtube.com/watch?v=6jlf15sV3GU

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