Berlinale

»Das verdient kein öffentliches Geld«

Dirk Stettner, Fraktionschef der CDU im Abgeordnetenhaus, vor dem Berlinale-Palast Foto: Sven Meissner

Herr Stettner, Sie haben Ihre Karte für die Abschlussgala der Internationalen Filmfestspiele Berlin vor dem Berlinale-Palast öffentlich zerrissen. Warum wollen Sie am Samstagabend nicht dabei sein?
Die Berlinale ist ein Festival, das aus Berlin in die Welt ausstrahlen und für Toleranz und Kunst stehen sollte, nicht für Antisemitismus. Nachdem wir schon im letzten Jahr einen vollkommen inakzeptablen Vorfall bei der Verleihung der Bären haben erleben müssen, haben wir im Vorfeld dieses Festivals mit der neuen Intendanz intensiv darüber gesprochen, was Aufgabe einer Berlinale ist und worauf zu achten ist. Nachdem dann, schon bevor die Berlinale losgegangen ist, sich das Festival (warum auch immer!) meinte, sich von der Antisemitismus-Resolution des Bundestags distanzieren zu müssen, haben wir dann bei einer Pressekonferenz die Schauspielerin Tilda Swinton hören müssen, die meiner Ansicht nach haarscharf am offenen Antisemitismus vorbeigeredet hat. Dann kam dieser Vorfall bei einer Vorführung des Films »Queerpanorama« in der Urania, als die verbotene Parole »From the River to the Sea« gerufen wurde, die vom Publikum mit Beifall aufgenommen wurde, erfreulicherweise auch mit Buhrufen.

In dieser Angelegenheit ermittelt inzwischen der Staatsschutz. Kann die Berlinale jeden antisemitischen Vorfall verhindern?
Meine Kritik ist, dass die Berlinale nicht spontan auf antisemitische, rassistische Vorfälle reagiert. Man kann nicht alles verhindern, aber wenn es passiert, muss sofort eingegriffen und die Veranstaltung unterbrochen werden. Dass dann nichts geschieht, ist nicht hinnehmbar. An einer solchen Berlinale möchte ich nicht teilnehmen. Ich war schon bei der Eröffnung nicht da, aus gutem Grunde, und werde aus noch besserem Grunde auch nicht an der Verleihung der Bären teilnehmen.

In der »BZ«  haben Sie erklärt, Sie verzichten »auf die Teilnahme an dieser pseudopolitischen Veranstaltung, die eigentlich ein Filmfestival sein könnte« – und Sie fordern die Streichung der Finanzierung durch das Land Berlin. Ist die Berlinale in Ihren Augen kein Filmfestival?
Natürlich ist die Berlinale ein Filmfestival, aber sie hat eben auch diesen pseudopolitischen Charakter. Wenn es nur darum ginge, über Filme zu diskutieren, wäre das völlig in Ordnung. Aber es gehört nicht dazu, offen rassistisch oder antisemitisch zu sein.

Im Programm der Berlinale laufen  zwei hervorragende Filme, die sich um die israelischen Geiseln in Gaza drehen. Das Monumentalwerk »Shoah« von Claude Lanzmann wird wieder gezeigt, dazu ein neuer Film über dessen Entstehungsgeschichte. Treffen Sie nicht die Falschen, nämlich unter anderen jüdische und israelische Filmemacher, wenn sie einfach die Finanzierung streichen wollen?
Mir ist bewusst, dass das Bemühen um Ausgewogenheit von den Aussagen Einzelner kaputtgemacht wird. Aber was die Finanzierung im nächsten Jahr angeht, haben wir verschiedene Aspekte zu berücksichtigen. Mir geht es um den vermeintlich weltoffenen Berlinale-Betrieb, der immer wieder in antisemitische Stoßrichtungen abgleitet. Das verdient kein öffentliches Geld. Der Förderung der Filmwirtschaft und der Filmemacher ist Berlin weiterhin verpflichtet.

Ihr Vorstoß kommt in einer Zeit, wo in der Berliner Kultur ohnehin massiv gespart werden soll. 2024 hat das Land Berlin die Berlinale mit zwei Millionen Euro unterstützt, dieses Jahr mit einer Million Euro. Haben Sie Ihren Kürzungsvorschlag bei der Berlinale mit dem Berliner Kultursenator Joe Chialo (CDU) abgesprochen?
Ich habe keinen Kürzungsvorschlag gemacht, sondern ich will, dass die Berlinale in dieser Form nicht mehr finanziert wird. Kongresse von Filmemachern während der Berlinale werden wir weiter unterstützen. Aber so lange nicht sichergestellt wird, dass das Filmfestival selbst nicht als antisemitische Bühne benutzt wird, wird es meine Unterstützung jedenfalls nicht bekommen.

Was erreichen Sie dadurch? Falls die Berlinale eine oder zwei Sektionen streichen muss, bedeutet das doch nicht automatisch, dass es keine antisemitischen Vorfälle mehr geben wird oder die politische Stoßrichtung sich ändert.
Ich bin fest davon überzeugt, dass wir auf unsere Worte achten müssen. In Sonntagsreden heißt es immer: »Wehret den Anfängen«. Aber wenn wir hören: »Nie wieder ist Jetzt«, dann wir müssen auch mal das Jetzt betrachten. Es geht um öffentliche Gelder, um Steuergelder. Hier finanzieren übrigens auch Menschen jüdischen Glaubens durch ihre Steuermittel eine Bühne für Antisemitismus. Das darf nicht sein. Es gibt gesellschaftliche Tendenzen, auf die wir intensiv achten müssen. Stellen wir uns doch mal vor, bei der Berlinale würde ein Rechtsextremer Adolf Hitler verherrlichen. Ich frage mich, ob dann jemand sagen würde: »Das ist von der Kunstfreiheit gedeckt.« Aus gutem Grund würde das nicht passieren. Und wenn sich jemand hinstellen würde und fordern würde, dass ein anderes Volk abgeschlachtet werden und vom Erdboden verschwinden sollte, dann wäre auch das nicht von der Kunstfreiheit gedeckt. Warum sollte es dann bei den Jüdinnen und Juden und bei Israel so sein? Darauf müssen wir achten.

Lesen Sie auch

Wie ist Ihre Förderstopp-Initiative für die Berlinale denn bei anderen Parteien angekommen? Die Vizefraktionschefin der SPD, Melanie Kühnemann-Grunow, hat sich schon distanziert. Hören Sie auch andere Stimmen?
Die SPD, unser Koalitionspartner in Berlin, ist sich einig mit uns, dass diese antisemitischen Vorfälle vollkommen inakzeptabel sind. Was andere Parteien dazu sagen, habe ich nicht verfolgt. Wir werden uns in der Koalition über die Finanzierung künftiger Kulturveranstaltungen einigen.

Und wie hat die Berlinale reagiert?
Das Einzige, was ich von der Berlinale gehört habe, war die Bitte, offiziell für die Abschlussgala abzusagen, damit mein Ticket weitergegeben werden kann. Das habe ich gerne getan.

Mit dem Fraktionschef der CDU im Berliner Abgeordnetenhaus sprach Ayala Goldmann.

Ausstellung

Landesmuseum Mainz zeigt jüdisches Erbe von Rheinland-Pfalz

Die erhaltenen Spuren der mittelalterlichen jüdischen Gemeinden von Speyer, Worms und Mainz sind schon seit 2021 offiziell Weltkulturerbe. Nun rückt auch das Landesmuseum Mainz das Judentum in Rheinland-Pfalz stärker in den Blickpunkt

 14.01.2026

Fernsehen

Dschungelcamp 2026: Gil Ofarim soll Rekord-Gage kassieren

Der 43-jährige Sänger bekommt laut »Schlager.de« für seine Teilnahme an der in Australien gedrehten Show mehr Geld als je ein Teilnehmer zuvor

 14.01.2026

Potsdam

Zentrum für Jüdischen Film geplant

Die Gründungsveranstaltung soll am 4. März dieses Jahres stattfinden

 14.01.2026

Programm

Lesung, Führung, Erinnerung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 15. Januar bis zum 22. Januar

 14.01.2026

Berlin

»Wie es wirklich war«: Schoa-Überlebende als Hologramme  

Wie es mit dem Erinnern an die NS-Verbrechen weitergeht, wenn diejenigen, die aus erster Hand berichten können, nicht mehr da sind, wird bei einer Konferenz in Berlin erörtert

von Leticia Witte  14.01.2026

Wissenschaft

Studie: Gedanken an andere Partner sind kein Treuebruch

Eine neue Studie der Universität Tel Aviv stellt gängige Vorstellungen von Monogamie und Treue grundsätzlich infrage

 14.01.2026

Comedy-Legende

Don Rickles: Meister der Beleidigungen

In diesem Jahr wäre der große Stand-Up-Comedian 100 Jahre alt geworden. Seine Spezialität: Er zog sein Publikum durch den Kakao

von Imanuel Marcus  14.01.2026

Zahl der Woche

Platz 28

Fun Facts und Wissenswertes

 13.01.2026

Erinnerungskultur

Bund fördert Projekte zu NS-Zeit und deutscher Teilung

Der Bund fördert in den kommenden Jahren neue Projekte in Gedenkstätten

 13.01.2026