Biografie

»Das Schweigen war eingesenkt«

Setzte seiner Großmutter und Mutter ein literarisches Denkmal und schreibt weiter gegen das Schweigen über die Nazizeit an: Martin Doerry Foto: Privat

Biografie

»Das Schweigen war eingesenkt«

Martin Doerry über sein neues Buch und das (Über-)Leben seiner Mutter in und nach der Nazizeit

von Daniel Killy  21.09.2023 00:03 Uhr

Der Journalist und Autor Martin Doerry, von 1998 bis 2014 stellvertretender Chefredakteur des »Spiegel«, schrieb 2002 ein viel beachtetes Buch über seine Großmutter Lilli Jahn, die in Auschwitz ermordet wurde. Jetzt legt er die Biografie seiner Mutter vor: »Lillis Tochter«. Der Untertitel: »Das Leben meiner Mutter im Schatten der Vergangenheit – eine deutsch-jüdische Familien­geschichte«.

Herr Doerry, wie haben Sie die Verdrängungsmechanismen in Bezug auf das Judentum bei Ihrer Mutter erlebt?
Ich habe, als ich mich mit dem Buch über meine Großmutter beschäftigte, natürlich auch zu rekonstruieren versucht, wie mein eigenes Verhältnis zu diesem jüdischen Familiengeschichtenteil aussieht und wie sich das entwickelt hat, und habe dann festgestellt, dass dieses Schweigen wirklich in die Familie eingesenkt worden ist. So hat uns meine Mutter praktisch nichts erzählt über ihre eigene Kindheit, außer einer dürren Information: »Die Lilli ist in Auschwitz umgebracht worden, weil sich der Ernst, dein Opa, von ihr getrennt hat.« Das sind Killersätze für einen heranwachsenden Jungen – da schweigt man auf der Stelle.

In der Tat.
Und so ist es dann auch geblieben. Und dann habe ich angefangen zu studieren, Geschichte, Germanistik. Ich habe später rekonstruiert, dass ich nicht eine einzige Veranstaltung zur Geschichte des Nationalsozialismus besucht hatte – nicht eine einzige. Erst gegen Ende meines Studiums, ich glaube, ich saß schon an meiner Doktorarbeit, erhielt ich von meiner Mutter diesen Hinweis auf das Buch ihrer entfernten Cousine Lotte Paepcke (»Unter einem fremden Stern«, Anmerkung der Redaktion): »Da steht auch was über deine Oma drin.« Und dann lese ich dieses Buch – es war 1982 oder 1983 – und muss gestehen, dass ich geweint habe. Aber dann wurde all das erst einmal nicht weiter verfolgt von mir, von meiner Mutter sowieso nicht.

Wie lange nicht?
Bis zum nächsten einschneidenden Ereignis. Mein Onkel Gerhard Jahn stirbt 1998, und in seinem Nachlass werden diese Briefe gefunden, die er und seine Schwestern an meine Großmutter geschrieben haben. Das war dann die Basis des Buches über meine Großmutter (»›Mein verwundetes Herz‹. Das Leben der Lilli Jahn 1900–1944«). Und von da an war die Diskussion eröffnet in der Familie, mit anderen Menschen. Und als das Buch dann erschien, noch viel mehr. Für meine Mutter war das Ganze einerseits gut, glaube ich, und andererseits auch nicht so gut, weil eben diese berühmten alten Wunden wieder aufgerissen sind, die sie mühsam immer verdeckt hatte. Aber sie war dann auch stolz darauf, dass sie auch öffentlich so viel Anerkennung erfuhr für die Zeit im Krieg, als sie sich um ihre kleinen Geschwister gekümmert hatte wie eine Mutter. Das ist ja auch im neuen Buch ganz rührend, als sie zum Muttertag 1945 ein kleines Kärtchen von ihren Geschwistern bekommt und die ihr schreiben: »Du bist jetzt unsere Mama. Vielen Dank.«

Beeindruckend war auch, wie Ilse chiffriert mit der Mutter im Lager korrespondiert …
Sie war 14, als die Mutter ins Lager kam, 15, als die Mutter starb. Sie hat dann bis zum Jahr 1948 für ihre Geschwister gesorgt. Da war sie 19. Und dann ist sie mit ihren Schwestern nach England gegangen; so löste sich diese sogenannte Kinderfamilie auf.

Und dann hatte sie doch so eine Art Coming-out bei der Verwandtschaft in Israel und diesen Jeschiwa-Leuten, die ihr einerseits sehr fremd und exotisch vorkamen und auch ein bisschen seltsam, aber andererseits doch so ein Heimatgefühl evozierten.
Ja, den Begriff kann man, glaube ich, wählen, weil – das hat sie mir damals auch gleich erzählt – diese Konfrontation mit Israel tatsächlich dieses Gefühl auslöste, dort irgendwie heimisch zu sein. Wir sind alle Juden, da diskriminiert mich niemand.

Das geht ja, glaube ich, jedem von uns beim ersten Mal in Israel so.
Das stimmt. Einerseits. Aber das ist bei mir noch einmal ein bisschen anders gewesen. Ich bin eher ein Mensch, der sozusagen zwischen den Stühlen aufgewachsen ist. Denn ich würde jetzt nicht sagen, dass ich mich in Israel heimisch fühle, das ist mir teilweise einfach zu fremd. Meine Schwester lebt ja in einer streng orthodoxen Welt, die uns sowieso fremd ist.

Und wie ist das Binnenverhältnis zu Ihrer Schwester?
Ich kämpfe sehr um ein Einvernehmen mit meiner Schwester. Wir klammern vieles aus, was uns trennt, aber wir wissen, dass uns auch einiges verbindet. Das neue Buch hat sie gelesen, bevor es erschienen ist. Und das hat ihr deswegen gefallen, weil sie erkannt hat, dass ich dasselbe meine wie sie, was das Erbe unserer Mutter angeht, und zwar das immaterielle Erbe. Also diese Prägungen, die unsere Mutter an uns weitergeleitet hat, das sieht sie wohl ganz genauso. Und das freut mich sehr, weil uns das so verbindet. Ich habe noch eine zweite Schwester, die lebt in England.

Wie haben Sie denn all die historischen Details der Familiengeschichte rekonstruieren können, die reichen ja teilweise bis ins 19. Jahrhundert zurück? Etwa die Geschichte von Josef Schloß, dem Paten­onkel Ihrer Mutter Ilse …
Es gibt ein großes Konvolut an Dokumenten aus der Zeit, als Josef 1938/39 sein ganzes Vermögen loswurde, das einem Obernazi als Treuhänder anvertraut wurde. Der trat als Vermögensverwalter und am Ende auch noch als Testamentsvollstrecker in Erscheinung. Und diese irren Geschichten sind sämtlich in Dokumenten enthalten. Inklusive Todesurkunden, Geburtsdaten und so weiter.

Wie lang sind Sie denn schwanger gegangen mit dem Projekt? Zwischen dem »Lilli-Buch« und dem aktuellen liegt ja ein langer Zeitraum.
Ich habe zwischendurch ja auch andere Bücher gemacht. Ich habe viele Interviews mit Holocaust-Überlebenden geführt und daraus auch Bücher gemacht. Und dann hat sich das entwickelt in den letzten vier Jahren. Ich wusste, ich gehe in den Ruhestand. Meine »Spiegel«-Zeit ist vorbei. Dann guckt man nach vorne. Und überlegt, was ist in deinem Leben jetzt wichtig? Da kam ich recht schnell darauf, dass mich immer noch die Frage beschäftigt, warum das mit meiner Mutter so gekommen ist, warum sie so war, wie sie war, warum unser Verhältnis am Anfang gar nicht so einfach war und dann glücklicherweise am Ende immer besser.

Wie haben Sie denn zu kommunizieren begonnen mit Ihrer Mutter? Gab es da so einen »Coming of Age«-Dialog, einen Schlüssel?
Es gab so einen Moment – im Frühjahr 1999. Ich hatte beim Süddeutschen Rundfunk, ich war damals ja schon in der Chefredaktion des »Spiegel«, ein Interview. Man hatte mich zu so einer Interview­sendung zwei Stunden morgens zwischen zehn und zwölf in der Popwelle eingeladen. Am Vorabend habe ich mich mit meinen Eltern, die in Karlsruhe lebten, in Stuttgart getroffen. Ich weiß noch genau, es war ein schöner Abend auf der Terrasse des Hotels Zeppelin, und ich kann mich deswegen so gut an diesen Moment erinnern, weil meine Mutter mir dort zum ersten Mal erzählte von den Briefen, die sie von ihrem Bruder geerbt hat, und Briefen, die sie, ihre Schwestern und ihr Bruder an ihre Mutter geschrieben haben. Und dann habe ich zu ihr gesagt: Mama, kann ich die nicht mal lesen? Sie zögerte ein bisschen und sagte, ja, ich muss erst mal mit Johanna reden, mit Eva und Dorle.

Klingt kompliziert …
Ja, aber wir haben dann ein ungewöhnliches Verfahren gewählt. Ich habe ihr nämlich gesagt: Du liest die alle zuerst, und du schreibst sie einfach mal ab. Und beim Abschreiben überlegst du, ob du mir die Inhalte auch zeigen möchtest. Die Originale waren ja zum Teil noch in Sütterlin geschrieben. Ich konnte das zwar lesen, aber es war für meine Mutter eindeutig einfacher. Und ihre Schwestern haben dann auch mit ihren Kindern gesprochen. Es entstand eine Familiendiskussion, in jedem Familienteil gab es eine. Das war, wie gesagt, im Frühjahr 1999. Und dann ergab sich das so: Ich habe nachgefragt, sie hat mir wieder etwas zu lesen gegeben und ich habe wieder nachgefragt. Einmal die Woche, am Sonntagmorgen um 11 Uhr, haben meine Mutter und ich telefoniert, manchmal eine halbe Stunde oder länger, das hatten wir schon immer so gemacht. Aber nun hatten wir auch ein sehr konkretes Thema, nämlich Lillis Geschichte. Und damit wurde natürlich dann auch ihre Geschichte immer deutlicher für mich, und ich habe immer mehr über sie erfahren. Damals begann die Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte.

Mit dieser Geschichte und deren Folgen haben Sie sich auch beim »Spiegel« auseinanderzusetzen gehabt – 33 Jahre waren sie dort beschäftigt. Wie haben Sie es geschafft, da sozusagen als zionistisches Bollwerk gegen etliche antijüdische und anti-israelische Strömungen zu bestehen?
Also, ich werfe mir manchmal durchaus vor, mich zu opportunistisch verhalten zu haben.

Das ehrt Sie, aber das hat man wirklich nicht gemerkt.
Na ja, vielleicht nicht in den letzten Jahren. Aber solange ich in der Chefredaktion war, habe ich natürlich viele Kompromisse geschlossen. Auf der anderen Seite hat mich der »Spiegel« immer schon fasziniert. Ich bin ja der Letzte, der zu Rudolf Augsteins Lebzeiten noch in die Chefredaktion geholt wurde. Es gibt, ich erzähle das gern, so einen lustigen Klassenbuch-Eintrag. Ich war eigentlich ein recht braver Schüler, aber mit 14 Jahren, also 1969, habe ich einen Eintrag bekommen: »Martin liest unter der Bank den ›Spiegel‹«.

Was wird Ihr nächstes Projekt sein?
Ich arbeite derzeit mit dem Kollegen Hauke Janssen an einer Augstein-Biografie, am 5. November ist Augsteins 100. Geburtstag.

Mit dem Journalisten und Autor sprach Daniel Killy.

Martin Doerry: »Lillis Tochter. Das Leben meiner Mutter im Schatten der Vergangenheit – eine deutsch-jüdische Familiengeschichte«. DVA, München 2023, 320 S., 24 €

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