Israel

Das Phantom des Kulturkampfs

Der angebliche Kulturkampf ist rein virtuell, wie hier im Trickfilm »Kung Fu Panda« Foto: Dream Works

Ein Gespenst geht um in Israel und nicht nur dort. Immer wieder ist die Rede von einem angeblichen Kulturkampf zwischen sogenannten orthodoxen und vermeintlich säkularen Juden. Auch in Israel gibt es noch Menschen, die an dieser vermeintlichen Dichotomie festhalten, als ob sie der letzte Rettungsanker eines langsam in der Ferne versinkenden israelischen Liberalismus sei. Dann gehen Studenten auf die Straße, um gegen die Bevorzugung von Tora‐Schülern zu demonstrieren, und eine Scheindebatte wird geführt um ein Konversionsgesetz, das vor allen Dingen Teile des amerikanischen Judentums in Angst und Schrecken versetzt. Dabei wird gern die Formel von Israel als jüdischem und demokratischem Staat ins Feld geführt, wobei keiner weiß, was das eine wie das andere in diesem Zusammenhang wirklich bedeuten soll. Beschworen wird auch »Israel als einzige Demokratie im Nahen Osten«.

legitimation Viele glauben, dass Demokratie die Trennung von Staat und Religion bedeute. Das hört sich gut an, aber macht in einem Staat wie Israel überhaupt keinen Sinn. Hannah Arendt war 1961 ziemlich entsetzt, als sie von einer bekannten israelischen Politikerin hören musste, dass sie als Sozialistin nicht an Gott glaube, sondern an das jüdische Volk. Seitdem sind fast 50 Jahre vergangen, der Sozialismus existiert schon lange nicht mehr in Israel. Das Volk aber glaubt weiterhin an sich – und an Gott.

Dabei geht es nicht um die Instrumentalisierung der Religion für politische Zwecke. Es wäre schön, wenn es so einfach wäre. Tatsächlich geht es um die Sprache der Legitimation, um die Verknüpfung von Religion und nationaler Zugehörigkeit. Theodor Herzl, aus dem Habsburger Vielvölkerreich stammend, glaubte noch an die Möglichkeit, dass die jüdische ethnische und religiöse Identität von der zivilen und territorialen getrennt werden könnte. Sein Projekt sollte ein »Judenstaat« und kein »jüdischer Staat« werden. An dieser nationalen Erneuerung hätten sowohl Juden als auch die im Lande lebenden Nichtjuden teilnehmen können. Juden wie Araber wären zu einer neuen revolutionären Nation der Israeli verschmolzen, wobei das jüdische Sein in der israelischen Identität aufgehoben worden wäre.

Aber diese zionistische Vision gehört der Vergangenheit an. In Israel ist kein Judenstaat, sondern ein jüdischer Staat gegründet worden. Es war die Katastrophe, die über die Juden in Europa hereinbrach und dort Millionen von ihnen vernichtete, die einer der Legitimationsgründe für den 1948 geschaffenen Staat wurde. Die Schoa aber machte es so gut wie unmöglich, die Definition des jüdischen Seins jenseits der eigenen ethnischen Gruppe festzumachen. Und das bedeutet in erster Linie Trennung zwischen Juden und denen, die keine sind.

integrationssymbol Heute lebt Israel in einem politischen Zustand, in dem Religion auch gleichzeitig Nation bedeutet. Ohne diese Religion, die auch Nation ist, kann sich Israel vor sich selbst nicht legitimieren. Die Staatsgründer waren in ihrer Mehrheit hartgesottene Agnostiker – oder glaubten es jedenfalls zu sein; aber sie leiteten den Anspruch auf das Land aus der Tora ab. Während anderswo die Moderne die Religion als Integrationsfaktor untergrub, machte die jüdische Nationalbewegung sie zum zentralen Integrationssymbol.

Deshalb ist der Kulturkampf in Israel nur ein virtueller Kampf. Natürlich gibt es dort gläubige Juden und andere, die glauben, dass Gott tot ist. Es gibt Juden, die in die Synagoge gehen und Juden, die Schweinefleisch essen. Und es gibt auf beiden Seiten diejenigen, die meinen, dass die »anderen« Juden keine wirklichen seien. Es ist diese Dichotomie, die immer wieder als der zentrale Konfliktpunkt Israels inszeniert wird. Aber das ist eben nur eine Inszenierung. Auch für sogenannte säkulare Juden in Israel – eigentlich eine Zombiekategorie – gibt es außer der Heiligkeit keine Sprache, die den ausschließlichen Anspruch der Juden auf dieses Land rechtfertigen kann. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um göttliche oder weltliche Souveränität handelt. Alle Seiten sehen sich beiden Souveränitätsbegriffen gleichzeitig verpflichtet. Ohne die religiöse Aufladung ist der Zionismus undenkbar. Was sonst kann der Begriff des »jüdischen Staates« bedeuten? Der Konflikt in Israel verläuft heute daher nicht zwischen religiösen und säkularen Juden, sondern in erster Linie zwischen Juden und Nichtjuden. Sogar das progressive Lager hat nichts Besseres anzubieten als eine Zwei‐Staaten‐Lösung, die nichts anderes bedeutet als die weitere ethnische Trennung von Juden und Arabern.

Diaspora Israel ist ein jüdischer Staat geworden – was paradoxerweise auch heißt, dass es mit den Juden der Diaspora nicht mehr viel zu schaffen hat. Das wird in Israel selbst noch nicht begriffen, wo man sich trotz der Souveränität im eigenen Land immer noch als Teil einer globalen jüdischen Schicksalsgemeinschaft begreifen will. Dafür steht das Rückkehrgesetz, das allen Juden (was das nun immer heißen mag) das Recht auf sofortige Einbürgerung garantiert. Aber es ist gerade die staatliche Souveränität, die die jüdischen Lebenswelten innerhalb und außerhalb Israels voneinander abgrundtief trennt. Wo israelische Juden ihr Judentum per national‐ethnisch‐religiöser Exklusivität definieren, finden Juden in den USA und Europa ihre rechtliche Existenzgrundlage in der Trennung von Staat und Religion und im ethnischen und kulturellen Pluralismus. Deshalb werden sich die Konfliktlinien zwischen Israel und der Diaspora in Zukunft weiter vertiefen. Die Debatte um den »Kulturkampf« ist dafür nur ein Indiz.

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