Kino

Das Opfer als Täter als Opfer

Fast genau 20 Jahre ist es her, dass Claude Lanzmann Steven Spielberg und seinen Film Schindlers Liste öffentlich angriff, ihm Missbrauch der Geschichte und »Hollywoodisierung« der Schoa vorwarf. Vergangenen Samstagabend nun begegneten sich Lanzmann und Spielberg nach langer Zeit erstmals wieder bei einem Abendessen im Rahmen der Filmfestspiele von Cannes. Dort entscheidet Spielberg als Jurypräsident am kommenden Wochenende über Goldene und Silberne Palmen, Lanzmann präsentierte seinen neuen Film Le Dernier des Injustes (»Der Letzte der Ungerechten«).

Man wüsste nur zu gerne, was Lanzmann und Spielberg beim Diner miteinander geredet haben, ob sie sich wirklich etwas zu sagen hatten, es vielleicht gar zu einer späten Beilegung des Streits kam, oder ob da nur zwei Alphatiere belanglose Freundlichkeiten austauschten, um die Party nicht zu verderben. Denn natürlich geht es bei solchen Kontroversen auch um Macht und persönliche Eitelkeiten, darum, wer am Ende die Deutungshoheit über die filmische Darstellung der Schoa behält, als deren erster Kino-Sachwalter sich wohl beide Regisseure sehen dürften.

judenrat In Frankreich hat Lanzmann dabei die Nase vorn, schon weil er Franzose und Spielberg Amerikaner ist. Das erlebte man bei der umjubelten, mit minutenlangem stehenden Applaus gefeierten Premiere von Le Dernier des Injustes. Das Publikum war prominent besetzt, begleitet wurde Lanzmann von der »Première Dame« Frankreichs, Valérie Trierweiler, der Lebensgefährtin von Präsident François Hollande.

In dem über drei Stunden dauernden Dokumentarfilm erzählt Lanzmann die Geschichte von Benjamin Murmelstein, von den Nazis eingesetzter »Judenältester« in Theresienstadt, der als Einziger seiner Art den Zweiten Weltkrieg überlebte. Basis des Films ist ein langes Interview, das Lanzmann 1975 im Rahmen der Arbeiten an Shoah mit Murmelstein geführt hatte. Der Regisseur ergänzt es durch eine lose Erzählung der Geschichte des NS-»Musterlagers« Theresienstadt und Bilder seiner heutigen Reise an die Schauplätze. Zu denen gehört das heute fast vergessene KZ Nisko, der erste, schnell abgebrochene Versuch eines »Musterlagers«.

Im Zentrum aber steht Murmelstein selbst. Dieser tritt dem Zuschauer als schillernde Figur entgegen. In Wien aufgewachsen, trat der ausgebildete Rabbiner kurz nach dem »Anschluss« Österreichs 1938 in die jüdische Verwaltungsorganisation ein und hatte dort schon bald direkt mit Adolf Eichmann zu tun. Murmelstein erwies sich dabei als geschickter Pragmatiker, der die Auswanderung vieler östereichischer Juden organisierte, darunter sogar Zugtransporte noch 1940 und 1941 durch das besetzte Frankreich nach Portugal. Lanzmanns Film fesselt durch den Reichtum an Details und einige bisher unbekannte Fakten. So etwa behauptet Murmelstein nachdrücklich, Eichmann habe persönlich bei den Zerstörungen der Wiener Synagogen im Rahmen der Novemberpogrome 1938 mitgewirkt – beim Jerusalemer Prozess hatte man Eichmann in diesem Punkt ausdrücklich entlastet.

kollaboration Seit Anfang 1943 war Murmelstein dann Mitglied im »Judenrat« von Theresienstadt, im November ‘44 wurde er dessen Vorsitzender. Sein Verhalten in diesen Funktionen – wozu die Organisation von Transporten in die Vernichtungslager gehörte – wurde von manchen im Rückblick verteidigt, andere griffen ihn dagegen scharf an, beschuldigten ihn der Kollaboration, und forderten gar, wie Gershom Scholem, seine Hinrichtung. Lanzmann setzt sich mit solchen Vorwürfen auseinander, setzt Murmelstein unter Druck – doch der hat durchaus pragmatische Argumente auf seiner Seite: »Wenn ein Chirurg während der Operation um den Patienten weint, stirbt dieser«, sagt er einmal, ein andermal nennt er sich selbst einen »Sancho Pansa, der mit beiden Beinen auf der Erde stand und kalkuliert hat, während die anderen ihre Don-Quixoterien machten«. So rührt Le Dernier des Injustes an grundlegendste moralische Fragen des angemessenen Verhaltens im Angesicht des alltäglichen Massenmords.

Man kann nicht sagen, dass Murmelstein in dem Film durchweg sympathisch wirkt. Kaum glaubhaft ist seine Behauptung, man habe in Theresienstadt von Auschwitz und der Schoa bis kurz vor Kriegsende »nichts gewusst«. Ohne Frage war Murmelsteins Verhalten auch durch eine gewisse Eitelkeit motiviert, möglicherweise genoss er die Machtstellung, die er innehatte. Mehrfach im Film betont er, er sei »ein Abenteurer« – eine frivole Selbstcharakterisierung vor dem Hintergrund nackten Terrors.

Doch Lanzmann liegt daran, eine entscheidende Differenz zu betonen: »Es waren nicht die Juden, die einander gemordet haben. Wir sehen klar, wer die Mörder waren. Mir gefällt der Gedanke, dass mein Film mehr Verständnis für Murmelstein wecken könnte, mehr Empathie, und dass die Verfolger sich beruhigen.«

ferner liefen Es sind sehr viele jüdische Regisseure beim diesjährigen Cannes-Festival. Aber gegenüber Lanzmanns großem Werk verblasste alles andere. Die Coen-Brüder enttäuschten mit einer schön gemachten, aber durch und durch langweiligen und sehr banalen Folk-Musik-Story (Inside Llewyn Davies). Marcel Ophüls’ neuer Film wird in der unabhängigen »Quinzaine«-Sektion noch Premiere haben. Gelaufen sind dort bereits neue Filme von Ari Folman und Hippie-Idol Alejandro Jodorowsky.

Folmans The Congress ist eine sehr eigenwillige, in die Gegenwart und nahe Zukunft versetzte Verfilmung von Stanislav Lems Roman Der futuristische Kongress. Halb als mit bekannten Stars wie Robin Wright und Danny Huston besetzter Realfilm, halb als Animation in dem aus Waltz with Bashir bekannten Stil, konfrontiert Folman eine reale, analoge, schmutzig-depressive Zukunft aus Lumpen, Zeppelinen und Bauhaus-Moderne mit einer bunten Gegenwelt der Halluzination, die erscheint wie der LSD-Trip eines Comiczeichners – Matrix lässt grüßen.

Robin Wright spielt sich selbst, einen alternden Filmstar, der seinen Körper verkauft, um in der virtuellen Welt nicht mehr zu altern. Als »Rebel Robot Robin« wird sie dort zum Superheldenstar. The Congress ist am besten als Parodie des Filmbusiness, voll kluger Verweise auf Stanley Kubrick, Film-Noir und Science-Fiction-Kino.

Auch die Animation schafft begeisternde poetische Momente. Folmans/Lems Moralisieren gegen die Entertainmentkultur und die aufgezeigte Alternative zwischem falschem Glück und unglücklichem, aber wahrhaftigem Leben wirkt allerdings nicht nur etwas angestaubt; man mag sich auch schwer entscheiden. Verständlich, warum dieser Film nur in einer Nebenreihe landete, nicht im Wettbewerb. So wird Steven Spielberg diesen Film vorerst nicht sehen und eine letzte Spitze Folmans nicht hören, die dagegen Lanzmann amüsieren dürfte: »Nazis and Holocaust in cinema bring the awards.«

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