»Tyll«

Das Komische im Schrecklichen

Versetzt den Schalk Till Eulenspiegel aus dem 14. ins 17. Jahrhundert: Daniel Kehlmann Foto: ullstein bild - CARO / Markus Waechter

»Tyll«

Das Komische im Schrecklichen

Daniel Kehlmann legt nach fünf Jahren Arbeit seinen neuen Roman über den Dreißigjährigen Krieg vor

von Jochen Kürten  22.01.2018 18:09 Uhr

Es ist die Neuerfindung einer legendären Figur, ein großer Roman über die Macht der Kunst und die Verwüstungen des Krieges, über eine aus den Fugen geratene Welt – und zugleich der erfolgreichste deutschsprachige Roman der vergangenen Jahre. Selbst kommerzielle und literarische Schwergewichte wie Dan Brown und Elena Ferrante verweist Daniel Kehlmanns Tyll auf die Plätze. Nach wie vor steht das Buch in der »Spiegel«-Bestseller-Liste auf Platz 1.

Auch die Literaturkritik überschlägt sich mit positiven Besprechungen. Die »Süddeutsche Zeitung« resümierte: »Mögen die anderen schreiben, was und wie sie wollen, Kehlmann schreibt ein Epos vom Dreißigjährigen Krieg. Daran, dass ihm die Mittel hierfür zu Gebote stehen, lässt er in Tyll keine Zweifel.« Die »Zeit« fand ebenfalls große literarische Vergleiche: »Vor allem kommt Kehlmann in seinem Furor der Vergegenwärtigung einer vergangenen Schreckenszeit nahe an einen anderen großen, vielleicht den größten deutschen Roman über den Dreißigjährigen Krieg – Alfred Döblins Wallenstein.« Die »FAZ« griff nicht weniger hoch und verglich den Aufbau des Romans gar mit Shakespeares Stücken.

Eulenspiegel Die Erwartungshaltung ist also groß. Noch dazu bei einem fast 500 Seiten starken Buch, das, zwölf Jahre nach Die Vermessung der Welt, wieder ein historisches Sujet aufgriff, einem Text, an dem sein Autor nach eigenen Angaben fünf Jahre gearbeitet hat. Mit der Titelfigur »Tyll« ist niemand anderes gemeint als Till Eulenspiegel, jener berühmte Gaukler und Schalk, der vermutlich zu Beginn des 14. Jahrhunderts tatsächlich gelebt hat. Und der es vor allem durch eine berühmte mittelhochdeutsche Dichtung, die rund 200 Jahre später erschien, zu literarischem Ruhm gebracht hatte: Ein kurtzweilig lesen von Dil Ulenspiegel, geboren vß dem land zu Brunßwick, wie er sein leben volbracht hat.

Kehlmann versetzt die historische Figur mit einer kühnen literarischen Volte in den Dreißigjährigen Krieg (1618–1648), rund 300 Jahre nach den – spärlich vorhandenen – verbürgten biografischen Lebensdaten Till Eulenspiegels. Ein literarisches Kunststück zweifellos, für so manchen nüchtern denkenden Historiker vermutlich eine Un-tat. Doch Kehlmann ist Romanautor – und Literatur hat sich bekanntlich nicht an irgendwelche Vorgaben zu halten außer: »Du sollst nicht langweilen!«

Eine weitere Überraschung, auf die der Leser bei der Lektüre stößt, ist der dramaturgische Aufbau des Romans. Tyll ist kein Buch über Till Eulenspiegel, weder Literaturbiografie noch biografisch gefärbter Historienroman. Der Autor hat seinen berühmten Protagonisten lediglich als Bindeglied für einzelne Geschichten und historische Anekdoten genutzt. Nach einem kurzen Prolog, in dem Kehlmann Tyll als so frechen wie selbstbewussten jungen Mann vorstellt, der einem verdatterten Publikum auf dem Dorf Seiltanzkunststücke vorführt, verlässt Kehlmann seine Hauptfigur wieder und widmet sich dem Schicksal von Tylls Vater Claus Ulenspiegel.

fiktion Der Vater wird als wissbegieriger Müller vorgestellt, ein aufgeschlossener, sympathischer Handwerker, der sich Gedanken über den Lauf der Welt macht – und das Pech hat, in die Fänge zweier radikaler Jesuiten zu geraten, die Claus schließlich auf den Scheiterhaufen bringen. Erst nach einem Drittel des Buches taucht dessen Sohn wieder auf. Der ist von nun an auf der Flucht, stets in Begleitung der hübschen Nachbarstochter Nele. Ob die beiden ein Paar sind, lässt der Roman offen. Wie Kehlmann seine Geschichte überhaupt mit Mut zur Lücke erzählt.

In den folgenden Kapiteln sind es verschiedene Begegnungen mit fiktiven und historisch verbürgten Zeitgenossen, die dem Roman Struktur geben. Der Schalk und Gaukler Tyll, der nicht nur witzig und unterhaltend, sondern auch bösartig, abgründig und unberechenbar ist, begleitet diese Protagonisten eine Weile, verlässt sie wieder, wechselt Orte und Landschaften. Der Leser begegnet dem unglücklichen Königspaar Elisabeth und Friedrich von Böhmen, dem das längste Kapitel des Romans gewidmet ist. Der »Winterkönig« Friedrich von Böhmen löste mit seinem blindwütigen Machtstreben den Krieg mit aus.

Wie Kehlmann in diesen und den anderen literarischen Episoden die historischen Figuren aufeinanderprallen lässt, mit rasend schnellen Dialogen vor satirisch-ironischer Szenerie, das erinnert manchmal an Die Vermessung der Welt. In Tyll sind es Figuren wie der Schwedenkönig Gustav Adolf, aber auch berühmte Gelehrte und Hochstapler der Zeit wie Athanasius Kircher, die Kehlmann vor den Augen der Leser plastisch auferstehen lässt.

Konzept In einem Interview mit dieser Zeitung, in dem der Autor zum ersten Mal ausführlich über seinen jüdischen Vater und die Geschichte seiner Familie sprach, benannte Kehlmann einen wichtigen Bezugspunkt seines künstlerischen Schaffens, der auch auf das literarische Konzept des neuen Romans verweist: das Verhältnis zwischen Humor und Schrecken. Von seinem Vater habe er, so Kehlmann, erfahren, wie die Menschen in der NS-Zeit plötzlich wie ausgetauscht waren.

»Prägend für meinen Vater war die Erfahrung, wie sich mit der Machtübernahme der Nazis das Verhalten der Menschen änderte. Und wie hämisch und böse der Antisemitismus in Österreich durchbrach«, erinnerte sich Kehlmann. »Der Nachbar, der vorher immer höflich gegrüßt hatte, schaute jetzt oft über die Mauer am Haus meines Großvaters und rief mit dunkler Stimme: ›Juuud!‹ Da mein Vater einen Sinn für das Komische im Schrecklichen hatte, war dieses Erlebnis im Nachhinein auch ein sehr komisches Bild für ihn.«

Auf dieses Komische im Schrecklichen trifft man auch in Tyll. Wenn Tyll Ulenspiegel in den brutalen Wirrnissen des Krieges durch die Lande zieht, dann wird eines deutlich: Humor wird hier auch als Zeichen des Überlebenswillens interpretiert. Das heißt freilich nicht, dass Tyll damit zum Widerstandskämpfer wird.

Überlebenswillen »Ich habe unbedingt vermeiden wollen, dass Tyll im Dreißigjährigen Krieg zu einer Anti­kriegsfigur wird«, so Kehlmann jüngst in einem Interview mit der »Zeit«. »Er verkörpert nicht den Widerstand gegen den Krieg, sondern den Überlebenswillen.«

Das ist Kehlmann, möchte man hinzufügen, eindrucksvoll gelungen. Tyll ist ein Roman, wie er nicht oft in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur vorkommt. Es ist eine anspruchsvolle, tiefgründige Geschichte über die Natur des Menschen in Zeiten des Krieges und Pageturner zugleich. Das Buch ist ein Ereignis.

Daniel Kehlmann: »Tyll«. Rowohlt, Reinbek 2017, 480 S., 22,95 €

Meinung

Die Juden waren’s!

Claudia Roth und die jüdische Lobby: Eine kleine Chronik der Unschuld

von Andreas Büttner  06.11.2026

Nachruf

Eine Welt voller Wärme

Die jüdische Kinderbuchautorin Myriam Halberstam nimmt Abschied von Janosch, dem Vater von Tiger, Bär und Tigerente

von Myriam Halberstam  06.11.2026

Fernsehen

Biedere Bürgerlichkeit und organisierter Massenmord

Das ZDF zeigt den Oscar-prämierten Spielfilm »The Zone of Interest« über den KZ-Kommandanten Rudolf Höß, der mit seiner Familie unmittelbar neben dem Vernichtungslager Auschwitz lebte

von Josef Lederle  06.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  06.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über den legendären Sänger

von Jan Lehr  06.11.2026

Hintergrund

Claudia Roth und der »unfassbare Druck vom Zentralrat«

Die Ex-Kulturstaatsministerin bezeichnet es als »totalen Fehler«, auf der Berlinale Regisseure wegen ihrer israelfeindlichen Aussagen kritisiert zu haben und sucht dafür die Schuld beim Zentralrat der Juden

von Michael Thaidigsmann  05.11.2026

Interview

»Ich bin von Natur aus kein glücklicher Mensch«

Die Schriftstellerin Nele Pollatschek verrät im Gespräch zu ihrem neuen Buch, wie sie gelernt hat, das Leben bewusster und positiver wahrzunehmen – ohne die Augen vor dem Leid der Welt zu verschließen

von Katrin Richter  05.11.2026

Kulturkolumnne

Bis 120 oder Wie wir doch noch zu Muskeljuden werden

In der heutigen Zeit ziehen körperliche Optimierungstrends nicht spurlos an uns vorbei. Sollen wir uns davon beherrschen lassen?

von Laura Cazés  05.11.2026

Kino

Im Angesicht der Schmerzen, der Angst und Scham

»Block 10« beleuchtet die medizinischen Experimente an Frauen in Auschwitz – und versteht sich auch als eine Antwort auf die Gegenwart

von Chris Schinke  05.11.2026