Gespräch

»Das ist meine Geschichte«

Herr Maoz, Ihr Film »Lebanon« zeigt den Krieg von 1982 aus der Perspektive überforderter junger Soldaten, die in ihrem Panzer vor Todesangst weinen. Wie wurde das in Israel aufgenommen?
Es gibt ein unausgesprochenes Tabu, israelische Soldaten zu zeigen, die weinen. Die Leute haben ein Problem damit. Man glaubt, es sei schlecht fürs Image. Aber es gibt dieses Image des strahlenden, schönen, jüdischen Helden längst nicht mehr. Ich erwartete jedenfalls, man würde mich beschimpfen, als Verräter, als einen, der das Ansehen der Armee herabsetzt.

Und war es so?
Ganz und gar nicht. Es gab zahlreiche nachdenkliche Reaktionen. Der Film hat viele Zuschauer. Die Zahlen wachsen. Die schärfste Kritik war die, dass einige meinten, es sei gerade jetzt die falsche Zeit für so einen Film. Er würde junge Männer entmutigen, sich zur Armee zu melden. Aber immerhin bewirkt »Lebanon«, dass über solche Fragen geredet wird. Er löst eine gesunde Debatte aus.

Dieser erste Libanonkrieg liegt inzwischen 28 Jahre zurück. Die meisten Politiker und Generäle von damals sind längst nicht mehr in ihren Ämtern, die Soldaten mittlerweile um die 50 Jahre alt. Braucht man so lange Zeit, um offen über einen Krieg sprechen zu können?
Ja. Ich brauchte emotionale Distanz. Ich war mir vom ersten Moment an, als ich mit dem Drehbuch begann, bewusst: Die Erinnerungen, den Schmerz, das Trauma werde ich immer mit mir tragen. Das ist meine Geschichte: Ganz persönlich, ganz subjektiv. Das ist der Krieg, wie er sich vor meinen Augen abspielte.

Sie waren damals selbst Soldat. Wie haben Sie den Krieg erlebt?
Krieg ist paradox, das ist eine universale Erfahrung. Krieg beruht darauf, dass man Menschen dazu bringt, zu töten, die ansons‐ten nicht dazu in der Lage wären. Das ist der Trick des Krieges: Situationen zu schaffen, die einen zwingen, zu töten. Keiner kann sich gegen seinen Überlebensinstinkt zur Wehr setzen. Normalerweise ist er nicht nötig. Im Krieg schon. Es ist wie ein Rauschzustand. Etwas ganz Körperliches. Die Sinne verändern sich. Man verliert zum Beispiel seinen Geschmackssinn. Denn man muss das essen, was gerade da ist. Auf der anderen Seite sieht man sehr gut, man hört hervorragend – denn das braucht man jede Stunde am Tag, um zu überleben. Moralische oder ethische Codes werden völlig suspendiert. Nicht am ersten Tag vielleicht, nicht am zweiten. Aber irgendwann herrschen nur noch die Überlebensinstinkte.

So ging es Ihnen damals auch?
Das Perverse ist: Wenn es einem vielleicht gegen alle Widerstände gelingt, moralisch zu bleiben, dann endet man wahrscheinlich als Leiche. Die meisten Forschungen zum Krieg besagen, dass die meisten Kriegstoten in den ersten zwei, drei Tagen ihres Einsatzes sterben. Dann haben sie sich noch nicht angepasst an die Kriegsbedingungen. Das Interessante ist: Ich selbst erinnere mich sehr genau an meine ersten zwei Kriegstage. Alles Spätere ist diffus. Das ist wahrscheinlich auch ein geistiger Schutzmechanismus. Es gibt nur einen selbst und das eigene Leben – sonst nichts. Wirklich komplex wird es dann, wenn der Krieg vorbei ist, und plötzlich keiner mehr da ist, der einen töten möchte.

Und darauf waren Sie damals als 19‐Jähriger nicht vorbereitet.
Mein Lehrer an der Schule sagte mir: Es ist gut, für dein Land zu kämpfen. Ende der 70er‐Jahre war es einem peinlich, wenn man als Israeli nicht zur Armee durfte, zum Beispiel aus medizinischen Gründen. Und die Armee selbst war wie ein großes Spiel. Es hat Spaß gemacht. Man fühlt nicht die Gefahr. Niemand kann einen auf einen Krieg vorbereiten. Es geht auch nicht um Gewaltlust. Auch echte Pazifisten können großen Spaß daran haben, mit einer Maschinenpistole herumzuballern. Darum sind Soldaten jung: Es sind Kinder im Körper von Erwachsenen.
Sie haben Ihren Film ausschließlich aus der Innenperspektive des Panzers gedreht. Warum?
Das war für mich der einzig mögliche Weg. Wenn ich die Wahrheit sagen will, muss ich meine eigene Perspektive einnehmen. Es gibt in »Lebanon« ja keinen Plot. Die Handlung kann man in fünf Worten erzählen. Wovon der Film wirklich handelt, ist von den blutenden Seelen des Krieges. Man kann das nur emotional verstehen. Man muss es erfahren, darf als Zuschauer keine Objektivität empfinden. Mein Zuschauer soll selbst traumatisiert werden.

Mir kam es so vor, dass der Ton in Ihrem Film überhöht war, lauter als in Wirklichkeit. Liege ich falsch?
Vielleicht war er in Wirklichkeit leiser. Aber in meiner Erinnerung ist er so laut. Lassen Sie mich so antworten: Der wirkliche Krieg ist viel schlimmer und ein größerer Horror als in meinem Film. Auf der Leinwand ist der Krieg vergleichsweise sehr hell, sehr angenehm, sehr leicht.

Mit »Lebanon« haben Sie vor einem Jahr den Goldenen Löwen von Venedig gewonnen, quasi aus dem Nichts, als fast völlig Unbekannter. Wie fühlt man sich als plötzliche Berühmtheit?
Es ist eine merkwürdige Situation. Meine Frau sagte irgendwann: Lass uns googeln. Und plötzlich sah ich 100.000 Einträge. In der ganzen Welt gab es Kommentare zu meinem Film, die ich nicht mehr überschauen konnte. Ich sah mich selbst in merkwürdigen Zusammenhängen, unzählige Bilder. Das war nicht mehr ich. Man ist gewohnt, sich im Spiegel anzusehen, beim Rasieren, und hält sich für jung. Plötzlich fand ich mich uralt. Es ist sehr sonderbar. Zudem weiß ich nicht, ob ich den ganzen freundlichen Worten trauen kann. Wer geht schon zu einem hin und sagt: »Sie haben ja einen richtig schlechten Film gemacht.«

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.

Samuel Maoz wurde 1962 in Tel Aviv geboren. Er arbeitete als Regisseur von TV‐Serien, Dokumentarfilmen und Theateraufführungen, bevor er 2007/2008 mit »Lebanon« seinen ersten Spielfilm drehte.
»Lebanon«, der diese Woche in die deutschen Kinos kommt, zeigt ganz und gar aus der Innensicht einer vierköpfigen israelischen Panzerbesatzung im Libanon‐Krieg 1982 eine fast idealtypische Version dieses Krieges: Ein archetypisches Ereignis nach dem anderen, aufgereiht wie auf einer Perlenschnur, und auf 90 Minuten kondensiert. Beim 66. Filmfestival von Venedig 2009 wurde »Lebanon« als erste israelische Produktion überhaupt mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Beim israelischen Kinopreis »Ophir« im selben Jahr bekam der Film vier Auszeichnungen.

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