Gesellschaft

»Das Glick«

»Schwanensee« auf der Spree: Am 10. Juni präsentierte sich das Berliner Staatsballett pandemiegerecht bei einer Schifftstour dem Publikum. Foto: picture alliance/dpa

Ich bin so glücklich! Nein, ich habe nicht im Lotto gewonnen, auch ein Oscar steht gerade nicht an. Es ist Sommer, und die Inzidenzwerte sind gesunken! Ich möchte jubilieren und frohlocken.

Als vor etwa vier Wochen der »erste Italiener« aufmachen durfte, nur draußen und mit Negativtest, saßen meine Söhne und ich gekämmt und gestriegelt als Erste im Hof des Restaurants. Wir blieben sechs Stunden und waren die Letzten, die gingen. Es war rappelvoll. Manche weinten vor Glück. Die Kellner brachten alles durcheinander, klagten über Muskelkater (sie hatten sich acht Monate nicht bewegt). Ich bekam Fisch statt Pasta, aber egal. Alles schmeckte. Als es anfing zu regnen, blieben die Gäste lachend sitzen. Regen? Pft …

Isolation Lächerlich! Wir sind ganz andere, lebensbedrohliche Tropfen gewohnt. Jedem Kellner wurde zugejubelt, es wurde geklatscht und angestoßen, als wäre eine große Schlacht gewonnen. Und ein bisschen ist es ja auch so.

Wir dürfen raus, die Temperaturen sind herrlich, die Biergärten auf, und langsam kommen auch die Theater und Konzerte aus ihrer unfreiwilligen Isolation.

Ein Aufatmen geht durch die Stadt, durch das ganze Land. Auf der Spree ein Ausflugsschiff, auf ihm das Staatsballett, mit Schwanensee und anderem. In Weiß und Altrosa schweben sie über die Berliner Gewässer, zum Anfassen nah, zum Weinen schön. Spaziergänger bleiben stehen, applaudieren und merken, wie sehr sie die Kunst, die Kultur vermisst haben. Aus der Ferne spielt eine Big Band.

Die Berlinale, sonst im eiskalten verschneiten Februar, in finsteren Kinosälen unter Tage. Jetzt als Freiluftkino-Event.

Berlinale Also Jacke eingepackt und ab in den deutschen Beitrag Fabian oder der Gang vor die Hunde von Dominik Graf. Auf der Leinwand Berlin, um mich die Museumsinsel. Es wird sehr zögerlich dunkel, der Himmel ist purpur über Berlin. Die Stars auf der Leinwand, Meret Becker, Tom Schilling, Saskia Rosendahl und Albrecht Schuch, sitzen glücklich im Publikum, genießen mit uns, endlich gemeinsam eine Kinopremiere! Drei Stunden geht das Epos, aber kaum eine Sequenz ist zu viel. Ich bin berauscht von der Fülle Leben, an das ich gar nicht mehr gewöhnt bin.

Nicht genug! EM! Fernseher vor Lokalen, in Parks und auf den Bürgersteigen. Eine Nation schaut Fußball, zusammen wie früher. »Mille grazie, Italia!«, schreit der Moderator, als das dritte Tor fällt. Lorenzo Insigne ist nur 1,63 Meter groß (ich bin auch nur 1,57, so what?), aber ein Genie, brüllt der Moderator weiter. Espressotini wird angeboten, Espresso-Martini, das neue Getränk. Macht wach und betrunken, und man merkt es erst, wenn es zu spät ist. Zu spät wofür?

Bald, ja bald sind wir durch den Tunnel durch.Versprochen!

Wir haben die Schlacht gegen das Virus vielleicht noch nicht gewonnen, viele Lokale, Theater, Einzelhändler haben den Lockdown nicht überlebt. Selbstständige fragen sich tagtäglich, wie es weitergehen soll. Aber ein Licht am Horizont ist doch sichtbar.

Stolz tragen Geimpfte ihre Pflaster zur Schau. Bald, ja bald sind wir durch den Tunnel durch! Versprochen!

Fernziele Und vielleicht sind wir auch ein bisschen bescheidener geworden? Wie lange ist es her, dass das Planen der Sommerferien einer Doktorarbeit gleichkam? Die Erwachsenen und die lieben Kleinen mussten gleichermaßen auf ihre Kosten kommen. Die Fernziele waren exotisch, das Sportangebot ausgefeilt, die Aussicht sensationell.

Jetzt freue ich mich wie eine Schneekönigin: Picknick im Volkspark, Volleyball spielen im Oderbruch, baden in den endlich warmen Seen, mit vielen, vielen Freunden. Und ja, man darf wieder nach Italien und Spanien und Griechenland. Ich sehne mich nach Oliven, Calamari und dem Meer. Das alles ist so aufregend wie der erste Kuss.

Endlich darf man seine Verwandten wiedersehen. Noch vor einem Jahr wollte man die liebe Familie lynchen, dann fehlte sie einem doch schmerzlich. Ich darf meine 101-jährige Tante besuchen und umarmen, so lange und so oft ich mag. Sie ist schon ganz irritiert, das ist sie gar nicht mehr gewohnt. Zia, brülle ich in ihre tauben Ohren, wir haben es geschafft!

Die Einzigen, die mir leidtun, sind die Querdenker, sie haben jetzt nichts zu lachen, denn worüber sollen sie sich freuen? Für sie gibt es kein tödliches Virus, also gibt es jetzt auch keine Erleichterung und keine Freude. Sie erleben nicht dieses Aufatmen eines ganzen Kontinents. Die Armen. Und wir? Wir können uns endlich wieder anderen Themen widmen: dem Klimawandel, den Geflüchteten im Mittelmeer, Gaza, der AfD, den anstehenden Wahlen …

Jiddisch Ja, ja, ich höre schon auf. Noch ein kleines bisschen wollen wir feiern und uns freuen. Wie in dem alten jiddischen Lied: »Glick du bist gekummen for mich aber a bissel zu spayt. Glick du host genummen und versagt my Herz a soiy viel Freid. Will jetzt gor nicht klogen, wos der Morgen wird bringen far mir. A soy lag ich hob a klein Moment das Glick jetzt in meine Händ und ich tanz den groysen Tanz mit dir.«

Mein Jiddisch ist nicht weltberühmt, aber der Text bleibt auch so wunderschön und stimmt. Wir haben trotz allem so viel Glück gehabt.

Die Autorin ist Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin. Sie lebt
in Berlin.

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