Hygiene-Museum Dresden

Das gefährliche Wort

Lebensgroße Figuren der Künstlerin Yinka Shonibare »How to blow up two heads at once (Gentlemen)«, 2006 Foto: Oliver Killig

Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen lautet der Titel einer am Wochenende eröffneten Sonderausstellung im Dresdner Hygiene-Museum. Der Begleittext der von Susanne Wernsing kuratierten Ausstellung wird dann auch gleich deutlich: »Menschenrassen sind nicht nachzuweisen. Trotzdem ist die Idee in unseren Köpfen«, heißt es. Uns falle es schwer zu sagen, wer »wir« sind. »Lieber beschreiben wir, was uns fremd erscheint.« Sogenannte Rassen seien eine wissenschaftliche Erfindung, die seit dem 18. Jahrhundert ihre unheilvolle Macht entfaltet habe.

Mit diesem »gefährlichen Wort« würden nur scheinbar menschliche Unterschiedlichkeiten beschrieben. In Wahrheit diene es dazu, politische, soziale und kulturelle Ungleichheit zu begründen. Der in Stanford lehrende Historiker Christian Geulen datiert den Beginn rassischer Diskriminierung auf das Jahr 1492, als nach der Vertreibung der Mauren aus Spanien ein religiöses Bekenntnis als Unterscheidungsmerkmal nicht mehr genügte.

unterschiede Der erste Ausstellungsraum befasst sich mit den Versuchen, Rassentheorien dennoch aus biologisch-genetischen Unterschieden abzuleiten. Jüngste entsprechende Äußerungen des Genetikers David Reich von der Harvard University konnte die seit Jahren vorbereitete Ausstellung zwar noch nicht berücksichtigen. Die im beigefügten Essayband vertretene Berliner Politik- und Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan stellt aber klar, dass es sich bei der konstruierten Homogenisierung von Gruppen eher um soziale als um biologische Formierungen handelt.

Ausführlich geht die Ausstellung auf den Rassenwahn der Nationalsozialisten ein. Er gipfelte in der Unterscheidung von angeblich sechs deutschen Rassen, wie ein Plakat zeigt. Dresden, wo es schon kurz nach der Machtergreifung Hitlers 1933 die erste Ausstellung Entartete Kunst gab, spielt eine besondere Rolle. Eine eigene Abteilung thematisiert die Rolle des Deutschen Hygiene-Museums als NS-Propagandamaschine. Die Elbestadt präsentierte 1939 auch die »Kolonialausstellung«.

Der gesamte dritte Raum widmet sich der gleichzeitigen Exotik und Herabwürdigung von »gezähmten Wilden« während der Kolonial-Ära. Die Folgen dieser rassistischen Herrschafts- und Ausbeutungspolitik wirkten bis zu den Fluchtbewegungen unserer Tage nach, hieß es.

ideologien Neben dieser kulturhistorischen Betrachtung des »Rasse«-Begriffs kommen in allen Abteilungen auch solche Persönlichkeiten und Bewegungen zu Wort, die sich kritisch und widerständig mit rassistischen Ideologien auseinandergesetzt haben. Der Berliner Architekt Francis Keré hat jedem der Räume eine eigene Grundstimmung verliehen. Hohe Regale und ein raumfüllendes Gerüst empfangen die Besucher. Karg und monumental ist der Nazi-Raum gehalten.

Besonders einladend wirkt der letzte Raum, eine Raumskulptur aus Pappröhren. Museumsdirektor Klaus Vogel will diese Ausstellung ohnehin nicht als Affront, sondern als ein Plädoyer für Toleranz, Menschenwürde und Diversität verstanden wissen. So lädt der Abschlussraum unter dem Motto »Zusammenleben heute« zu Debatten über rassistisches Verhalten heute ein, das oft den Mantel der Verteidigung eigener Kultur trage. Vier Filmcollagen animieren dazu.

»Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen«. Deutsches Hygiene-Museum Dresden, bis 6. Januar 2019

Die Träger des Georg-Stefan-Troller-Preises 2026

Frankfurt am Main

Auszeichnung für Journalisten und Buchautoren

Der Georg-Stefan-Troller-Preis für die Berichterstattung über jüdisches Leben wurde erstmals verliehen. Mit Mascha Malburg und Joshua Schultheis sind auch zwei JA-Journalisten unter den Ausgezeichneten

 11.10.2026

Frankfurt am Main

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Philippe Sands überreicht

Der Völkerrechtsanwalt forderte in seiner Rede ein Ende angeblicher »Debattenbeschränkungen« in Deutschland

 11.10.2026

Julia Franck

»Sie liebt, aber sie wird nicht geliebt«

Die Schriftstellerin über ihre literarische Biografie der Jüdin Baladine Klossowska und den Dichter Rainer Maria Rilke

von Knut Elstermann  11.10.2026

Aufgegabelt

Rote Bete mit Tahini

Rezepte und Leckeres

 11.10.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Texten der Jüdischen Allgemeinen

 10.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 10.10.2026

Kino

Ich habe »Naza« gesehen, und es ist ein übles Stück Propaganda

Es ist erschreckend zu sehen, wie große Teile der Filmwelt sich gerade selbst zu nützlichen Idioten der Hamas degradieren, indem sie ihr von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen

von Philipp Peyman Engel  10.10.2026

Berlin

733 Tage, 2 Stunden und 35 Minuten

Eine Ausstellung im Paul-Löbe-Haus erzählt von Verlust, Hoffnung und bleibenden Folgen in der Zeit zwischen dem 7. Oktober und dem Abkommen zur Freilassung der Geiseln

von Pascal Beck  09.10.2026

Essay

Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Grenzen universitärer Selbstgewissheit

Antisemitismus ist an Universitäten längst kein Ausnahmeproblem mehr. Drei Jahre nach dem 7. Oktober stellt sich deshalb eine unangenehmere Frage: Was haben Universitäten über sich selbst gelernt?

von Frederek Musall  09.10.2026