Hip-Hop

Coffeetable-Anarchismus

Die Boys 1986: In diesem Jahr veröffentlichten sie ihr Debutalbum »Licensed to Ill«. Foto: Getty Images

Hip-Hop

Coffeetable-Anarchismus

Die überlebenden Mitglieder der Beastie Boys erzählen in einem neuen Buch die Geschichte ihrer Band

von Dennis Sand  09.12.2018 14:45 Uhr

Die Sache mit dem bis dato erfolgreichsten Hip-Hop-Album aller Zeiten begann mit einem mittelmäßigen Punksong und einer gedankenlosen Airline. New York, 1983. Noch waren die Beastie Boys eine vom lokalen Hardcore geprägte Post-Punk-Band, drei Jungs (und damals noch ein Mädchen), die die Bad Brains verehrten, dem musikalischen Anarchismus frönten und durch einen merkwürdigen Zufall eine durchschnittliche Single in einem guten Studio aufnehmen durften.

Durch einen weiteren merkwürdigen Zufall landete die B-Seite dieser Single (»Beastie Revolution«) irgendwie in der Marketing-Abteilung von British Airways, und irgendjemand dort entschied sich, den Song in einem Werbespot zu verwenden. Adam Horovitz, der gerade mit seiner Freundin, die zufälligerweise die kleine Schwester eines berühmten Topmodels war, nach der Schule auf der Couch lag, schaltete ausgerechnet in dem entscheidenden Moment den Fernseher an, als besagter Clip lief.

Adam freute sich, dass da der Song seiner Band lief, aber eigentlich verstand er nicht, wie das sein konnte. Es hatte ihn schließlich nie jemand darüber informiert, geschweige denn um Erlaubnis gebeten. Also meldete er sich bei der Airline, die sehr schnell verstand, dass sie wohl ziemlichen Mist gebaut hatte, und daraufhin jedem Beastie Boy (und Girl) als Entschädigung 10.000 Dollar überwies. Nicht schlecht für ein paar Schüler, die sich bislang mit Taschengeld und Nebenjobs über Wasser hielten.

DRUMCOMPUTER Von dem Geld wollte sich Adam Horovitz eigentlich eine neue Gitarre kaufen. Aber im Musikladen seines Vertrauens sah er neben der Gitarre auch einen Drumcomputer stehen, und weil Drumcomputer gerade ziemlich angesagt waren und Adam ziemlich viele Leute mit Gitarren, aber niemanden mit einem Drumcomputer kannte und er außerdem gerade 10.000 Dollar in der Tasche hatte, kaufte er sich also den Roland TR-808. Und von diesem Tag an machten die Beastie Boys (die mittlerweile auch das Girl aus der Band geschasst hatten) Hip-Hop statt Punk – und nahmen 1986 Licensed To Ill auf, das bis dato erfolgreichste Hip-Hop-Album aller Zeiten.

Das Buch ist ein wildes Mixtape aus Anekdoten, Bildern und Geschichten.

32 Jahre später haben die Beastie Boys nun ein Buch geschrieben, das den grandiosen Namen Beastie Boys Buch trägt. Tatsächlich ist das Beastie Boys Buch mehr als bloß ein Buch über die Beastie Boys, es ist ein wildes Mixtape in bester Hip-Hop-Manier, das aus vielen kleinen Versatzstücken, aus Anekdoten, Bildern, Rezepten (!), musikhistorischen Einordnungen und Liebeserklärungen an andere Bands das große Porträt einer der wichtigsten Formationen der Hip-Hop-Geschichte zeichnet.

Die Geschichtsschreibung ist bei den Beastie Boys das Niederschreiben von Geschichten, und wer diese Geschichten liest, der kann sich dem (wohl auch gewollten) Eindruck nicht verwehren, dass die ganze außergewöhnliche Karriere der drei New Yorker nichts weiter ist als eine Verkettung merkwürdiger Zufälle. Aber das stimmt natürlich nicht.

In Wahrheit zeigt sich nur, mit welcher Leichtigkeit die Gruppe an ihre Musik heranging – mit einer (aus dem Punkrock stammenden) Attitüde, die sich nicht um Konventionen scherte. Gerade weil sich die Beastie Boys nicht am klassischen Ansatz des Hip-Hop abgearbeitet haben, haben sie es geschafft, die Hip-Hop-Kultur maßgeblich zu prägen – indem sie ihre Grenzen geöffnet haben. Weiße jüdische Jungs, die sich einer schwarzen Kulturtechnik bedienen? Punks, die rappen? Ja, warum denn nicht?

HUMOR Mit Licensed To Ill sprengten sie den Rahmen dessen, was Hip-Hop zu sein glaubte. Sie rappten über rotzigen Gitarrenriffs, machten sich über alles und jeden und vor allem über sich selbst lustig. Ihr Humor war ein Humor, der tief in der jüdischen Tradition steht, wie Steven Lee Beeber, Autor des Buches Die Heebie-Jeebies im CBGB’s – Die jüdischen Wurzeln des Punk, einmal festgestellt hat. Als klassischer Außenseiter durchschaue man die Heuchelei und Verlogenheit der Mehrheitskultur, sagte er.

»Die jüdische Kultur legt viel Wert auf Witze und Humor und auf soziale Gerechtigkeit. Aus dieser Kombination entstehen oft Parodien auf populäre Motive der Massenkultur, wenn sich etwa die Ramones über die Surfmusik lustig machen.« Oder wenn die Beastie Boys in »Fight For Your Right« den weißen Mittelstandsproll parodieren. Die Beastie Boys, meinte Beeber, seien so etwas wie die Marx Brothers der Musikgeschichte.

Sie revolutionierten das Genre und legten den Grundstein für die Sampling-Kultur.

Mit diesem Humor und ihrer ungewöhnlichen Herangehensweise an die Musik schafften sie es, den Resonanzraum von Hip-Hop aufzubrechen. Ihre Musik galt als Hip-Hop, den auch Menschen mögen, die eigentlich keinen Hip-Hop hören. Was aber auch dazu führte, dass sie ihre Version von Hip-Hop in den Mainstream gespült haben. Nachdem sie somit die Außenwahrnehmung des Genres verändert haben, revolutionierten sie mit ihrem zweiten Album auch das Genre selbst. Auf Paul’s Boutique sampelten die Beastie Boys auf 13 Tracks und einer Laufzeit von knapp 53 Minuten ganze 105 Songs und legten somit die Grundlage für die moderne Sampling- und Remix-Kultur.

PIONIERE Aber die Beastie Boys waren mehr als das. Sie waren auch verkannte Pioniere. Sie nahmen Entwicklungen vorweg, die sich erst Jahre oder Jahrzehnte später in der Popkultur etablieren sollten. Sie nahmen einen Musikstil wie Crossover vorweg. Sie etablierten das Nerdtum, lange bevor es durch Serien wie The Big Bang Theory oder den Steven-Spielberg-Film Ready Player One Eingang in den Mainstream fand. Und auch der gegenwärtige Hip-Hop wäre nicht zu der erfolgreichen, dominanten Jugendkultur geworden, wenn die Beastie Boys die Spielräume für andere musikalische Einflüsse jenseits von Soul und Funk nicht geöffnet hätten.

Das bildgewaltige, 500 Seiten starke Beastie Boys Buch erzählt nun diese große Geschichte in vielen kleinen Geschichten. Das Buch im Coffeetable-Format ist aber auch ein Abschluss. Als vor sechs Jahren das Gründungsmitglied Adam Yauch an Krebs verstarb, löste sich die Gruppe auf. Die verbliebenen beiden Mitglieder, Adam Horovitz und Michael Diamond, haben jetzt ihr musikalisches Vermächtnis vorgelegt. In einem literarischen Format.

Adam Horovitz/Michael Diamond: »Beastie Boys Buch«. Heyne-Hardcore, München 2018, 572 S., 40 €

Justiz

Melanie Müller und der Hitlergruß auf der Bühne: Das Landgericht Leipzig hat nun sein Urteil gesprochen

Die Schlagersängerin hatte bei einem Konzert in Leipzig mehrfach den Hitlergruß gezeigt

 12.01.2026

Kino

»Von Berlin nach Hollywood« zeigt berühmte Filme von Exilanten 

Die Nazis haben viele bedeutende Filmschaffende aus Deutschland ins Exil in die USA getrieben. Eine Filmreihe zum 120. Geburtstag von Regisseur Billy Wilder in Berlin beleuchtet ihr Schaffen

von Markus Geiler  12.01.2026

TV-Tipp

»Watching You - Die Welt von Palantir und Alex Karp« im RBB

Der RBB zeigt eine Doku zum Software-Unternehmen Palantir und seinem Gründer Alex Karp

von Jan Lehr  12.01.2026

Film

100 Jahre »Panzerkreuzer Potemkin«: Eisensteins Kultfilm gefeiert

Sergej Eisensteins Revolutionsepos »Panzerkreuzer Potemkin« gilt als Meisterwerk sowjetischer Propaganda, aber auch als einer der besten Filme überhaupt. Zu seinem runden Geburtstag wird der Kultfilm gefeiert

von Ulf Mauder  12.01.2026

Beverly Hills

Timothée Chalamet und Seth Rogen gewinnen Golden Globes

Welche jüdischen Schauspieler und Filmemacher steckten in der vergangenen Nacht Trophäen ein? Welche nicht?

von Imanuel Marcus  12.01.2026 Aktualisiert

Aufgegabelt

Weißkohl-Salat

Rezepte und Leckeres

 11.01.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Wettergespräche oder Warum ich Kälte einfach so aushalte

von Nicole Dreyfus  11.01.2026

Literatur

Im Tunnel

Eli Sharabis Erinnerungen an seine Geiselhaft in Gaza sind ein Manifest der Menschlichkeit. Ein Buch voller Grausamkeit, aber ohne Hass

von Maria Ossowski  10.01.2026

Reimund Leicht

»Präsenz und Sichtbarkeit verstärken«

Der Leiter des Judaistik-Instituts an der FU Berlin über Herausforderungen auf dem Campus, die vakante zweite Professur und Lehre zu jüdischer Kultur im modernen Israel

von Ayala Goldmann  09.01.2026