»Imanuels Interpreten« (18)

Clive Davis: Der Produzent

Clive Davis Foto: picture alliance / Charles Sykes/Invision/AP

Vor ein paar Tagen, am 1. Februar 2026, bereitete sich die Musikwelt auf die Grammy-Vergabe vor. Zum Aufwärmen lud ein namhafter, jüdischer Produzent Musiker zu seiner traditionellen »Pre-Grammy Party« ein. Der ebenfalls jüdische Sänger Art Garfunkel, die Soulgröße John Legend und weitere Künstler sangen für die Gäste. Gastgeber war der inzwischen 93-jährige Clive Davis.

Fast alle »Pre-Grammy Parties«, die Davis jemals ausrichtete, waren feucht-fröhlich. In einem Fall gab es allerdings Kritik: Am 11. Februar 2012 war seine gute Freundin und Klientin Whitney Houston gerade im Beverly Hilton Hotel in Los Angeles im Alter von 48 Jahren gestorben. Sie ertrank in der Badewanne ihrer Suite, nachdem sie Drogen zu sich genommen hatte. Um 15:55 Uhr Ortszeit wurde die Sängerin für tot erklärt. Wenige Stunden später begann im selben Gebäude das Fest von Clive Davis.

Obwohl er die Feier damals umwidmete, als Gedenkveranstaltung für Whitney Houston, beschwerten sich einige Künstler darüber, es sei »verrückt« und »respektlos« gewesen, die Party, zu der die Verstorbene erwartet worden war, überhaupt stattfinden zu lassen. Andere nutzten die Gelegenheit, den dieses Event bot, um ihre Trauer über Whitneys Ableben auszudrücken.

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Der britische Musiker Donovan war einer der ersten Künstler, die Clive Davis mit einem Plattenvertrag ausstattete.
Persönliches Gespräch

Whitney Houston war einer der erfolgreichsten Pop-Stars aller Zeiten, und doch nur eine von vielen Künstlerinnen (oder Künstlern), die die Welt ohne Clive Davis vielleicht nie kennengelernt hätte.

In seiner 2013 veröffentlichten Autobiografie The Soundtrack of My Life widmete Davis Whitney Houston ein ganzes Kapitel. Im Interview mit dem 2021 verstorbenen (jüdischen) TV-Talkmaster Larry King ging er ebenfalls darauf ein. Vor ihrem Tod habe er sie noch zweimal gesehen. »Sie kam zu mir nach Hause, wo wir ein sehr persönliches Gespräch führten. In diesem Moment glaubte sie nicht, dass sie ein ernstes Problem hatte.« Der Produzent weiter: »Leute müssen erst auf die Ebene absinken, auf der sie wirklich Hilfe haben wollen.«

»Im nächsten Jahr bin ich zu einem Michael-Jackson-Konzert im Madison Square Garden gegangen. Sie war dort und wirkte wie ein Skelett.« Er habe ihr daraufhin einen Brief geschrieben, in dem es hieß: »Die Macht der Drogen ist tödlich. Sie wird Dich überwältigen.« Ein weiteres Problem seien die vielen Zigaretten gewesen, die Whitney Houston geraucht habe, denn sie hätten ihre Stimmbänder angegriffen.

Whitney Houston betrachtete Clive Davis nicht nur als ihren Produzenten, sondern auch als eine Art Vater.Foto: picture alliance / Globe-ZUMA
Einzigartig und speziell

Clive Davis’ Karriere als Musikproduzent war gewissermaßen ein Unfall. In den frühen 1960er Jahren studierte er Politikwissenschaften – und dies höchst erfolgreich. Am New York University College of Arts and Science machte er seinen Abschluss mit Magna cum laude und wiederholte diese Glanzleistung mit weiterführenden Studien in Harvard.

Im Jahr 1965 war Ludwig Erhard Bundeskanzler. Gut 6400 Kilometer westlich von Bonn, in Washington D.C., saß Präsident Lyndon B. Johnson im Oval Office. Davis arbeitete 360 Kilometer weiter nördlich, in einer New Yorker Anwaltskanzlei, die auch für CBS tätig war. Prompt wurde er gefragt, ob er Berater für die Tochtergesellschaft Columbia Records werden wolle. Dieses Angebot klang wie Musik in seinen Ohren. Es dauerte nicht lange, bis er sogar Präsident der Gesellschaft wurde.

Dies hatte damit zu tun, dass er als Manager, der er auch sein musste, die Kunst nie vergaß und gut verstand: »Musik ist einzigartig. Musik ist sehr speziell. Musik spielt eine sinngebende Rolle in unserer Gesellschaft«, sagte Clive Davis einst.

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Überzeugende Klänge

Ein Ohr für überzeugende Klänge hatte Clive Davis schon entwickelt, bevor er seinen ersten Interpreten entdeckte, nämlich den schottischen Barden Donovan, dessen 1966 erschienener Song »Mellow Yellow« als Hit in die Musikgeschichte einging. Zuvor hatte Davis mit Lynn Andersons »Rose Garden« bereits einen Hit produziert.

Ein weiterer Name, dessen Erfolg direkt mit Clive Davis in Verbindung steht, lautet Barry Manilow. Der ebenfalls jüdische und überaus begabte Komponist, Pianist und Sänger, der es sogar schaffte, ein Präludium von Frédéric Chopin in ein schönes Liebeslied zu verwandeln, brach in den 70er Jahren nicht nur Verkaufsrekorde, sondern auch die Herzen von vor allem weiblichen Verehrerinnen, die annahmen, er sei heterosexuell.

Davis fackelte nicht lange, nachdem er Janis Joplin im Sommer 1967 beim Monterey Pop Festival hörte. Sofort unterschrieb er einen Plattenvertrag mit ihr. Unter seiner Leitung wurden auch Bruce Springsteen, die Rockband Aerosmith, der jüdische Sänger und Songschreiber Billy Joel und die Latino-Rock- und Fusion-Formation Santana verpflichtet.

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Dank Clive Davis konnte sich Earth, Wind and Fire zu der Band entwickeln, die der Welt einige der hochwertigsten Songs bescherte.
Großer Gefallen

Hinzu kamen zwei Bands, die das Jazz-Rock-Genre mit interessanten Konzepten bereicherten, nämlich Blood, Sweat and Tears und Chicago. Während erstere Combo bald mit dem kanadischen Sänger David Clayton-Thomas Fans in aller Welt faszinierte, setzten Chicago in den 80er Jahren plötzlich auf teilweise seichten Pop. Eines der Elemente, für die diese Gruppe ein Jahrzehnt zuvor bekannt geworden war, nämlich die Bläsersätze, blieben immerhin erhalten.

CBS feuerte Clive Davis 1973 wegen offenbar nie bewiesener Beschuldigungen: Demnach soll er Mittel des Unternehmens für die Barmitswa seines Sohnes verwendet und Musikern Drogen angeboten haben. Bevor die Kooperation zu Ende ging, tat Davis der Welt noch schnell einen großen Gefallen: Er unterschrieb einen Plattenvertrag mit Maurice White, dem Gründer einer der brillantesten Bands aller Zeiten, nämlich Earth, Wind and Fire.

In seiner übrigens exzellenten Autobiografie My Life with Earth, Wind & Fire schrieb der 2016 verstorbene White über Clive Davis, er sei eine visionäre Persönlichkeit, die das Potenzial der Band erkannt habe. Ein unterstützender Manager sei er gewesen. Davis habe sich nicht in künstlerische Entscheidungen eingemischt, sondern der Vision der Künstler vertraut.

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Ältester Kreativ-Direktor

Ein Jahr nach dem Malheur mit CBS gründete Davis das Plattenlabel Arista. Von jetzt an arbeitete er mit noch mehr Musikern zusammen. Er holte Barry Manilow zum neuen Plattenlabel und weitere jüdische Künstler, nämlich Kenny Gorelick, Carly Simon und Lou Reed. Hinzu kamen nicht-jüdische Bands und Interpreten wie die Soul-Göttinnen Aretha Franklin und Dionne Warwick, der für sozialkritische Soul-Songs bekannte Gil Scott-Heron, der Gitarrist Paul Jackson Jr. sowie Patti Smith, die Bay City Rollers, The Greateful Dead, Alicia Keys, The Kinks und unzählige andere.

Inzwischen ist Clive Davis bei Sony Music der älteste Kreativ-Direktor der Welt. Im Laufe seiner andauernden Karriere erhielt er als Produzent vier Grammys und zusätzlich fünf Nominierungen.

Geboren wurde er am 4. April 1932 als Clive Jay Davis in Brooklyn (New York). Sein Vater Herman war Elektriker und Verkäufer, seine Mutter Florence Davis Hausfrau. Beide starben früh. Clive zog zu seiner älteren Schwester.

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Auch die Entdeckung von Blood, Sweat and Tears geht auf Clive Davis zurück.
Musik für Erdbewohner

Erst 2012, als 80-Jähriger, outete sich Clive Davis als bisexuell. Zweimal war er verheiratet und hat vier Kinder, von denen zwei ebenfalls im »Music Biz« arbeiten. Acht Enkelkinder sind ebenfalls da. Sie (und viele der übrigen 8,3 Milliarden Erdbewohner) können jederzeit wundervolle Musik hören, die von ihrem Großvater, bzw. Vater, entdeckt und vertraglich eingetütet wurde.

Vom ersten Single-Hit, den er je verantwortete, nämlich »Rose Garden«, über Santana-Songs wie »Let the Children Play«, »Daybreak« und andere perfekte Pop-Hits von Barry Manilow, Bruce Springsteens »Born to Run«, bis hin zu schlicht brillanten Soul-Balladen wie »Can’t Hide Love« von Earth, Wind and Fire: Die Entstehung all dieser Klänge ist Clive Davis’ Schuld.

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