Kunst

Chronistin der »Neuen Frau«

Lotte Lasersteins »Tennisspielerin« (1929) Foto: dpa

Kunst

Chronistin der »Neuen Frau«

Das Frankfurter Städel-Museum erinnert mit einer großen Ausstellung an die Malerin Lotte Laserstein

von Jens Bayer-Gimm  20.09.2018 15:12 Uhr

Als Museumsdirektor Philipp Demandt am Dienstag in Frankfurt am Main die Ausstellung mit Lotte Lasersteins Werken eröffnete, wurde überdeutlich, dass es sich für den Kunsthistoriker nicht um eine Schau wie jede andere handelt. »Es ist die persönlichste Ausstellung, die ich bisher im Städel eröffnet habe«, sagte Demandt. »Das Werk von Lotte Laserstein ist für mich eines der eindrücklichsten und selbstständigsten und ungewöhnlichsten des 20. Jahrhunderts.«

Dabei war die Malerin selbst in der deutschen Fachwelt lange vergessen. Es war die Schau im »Verborgenen Museum« 2003 in Berlin, die Demandt nach seinen Worten die Augen öffnete: »Ich hatte den Namen noch nie gehört. Doch was ich gesehen habe, hat alles übertroffen, was ich erwartet habe.« 2010 orchestrierte Demandt dann als Referent der Kulturstiftung der Länder die Ersteigerung eines Hauptwerks von Laserstein für die Nationalgalerie Berlin.

Fotografien Die Schau Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht zeigt bis zum 17. März 2019 mehr als 40 Werke, zumeist Gemälde, daneben wenige Zeichnungen und Fotografien. Die Werke konzentrieren sich auf die Berliner Jahre der Malerin von 1924 bis 1937, in denen sie ihre Karriere begann und ihren Stil ausbildete. Ihr Schwerpunkt in dieser Zeit lag auf Frauendarstellungen und Porträts.

Laserstein habe im Stil einer »konservativen Moderne« gemalt, schildert Demandt. Aber sie sei weit von der Kühle der Neuen Sachlichkeit entfernt. Ihr weiblicher Blick auf die Motive habe »eine große Poesie und Zärtlichkeit«. Insbesondere habe Laserstein die »Neue Frau« der 20er-Jahre dargestellt: »Das macht ihr Werk unglaublich modern.«

Lotte Meta Ida Laserstein wurde in Preußisch Holland im ostpreußischen Oberland bei Danzig geboren. Als eine der ersten Frauen studierte sie von 1921 bis 1927 an der Berliner Hochschule für die Bildenden Künste, insbesondere bei Erich Wolfsfeld. Anschließend machte sie sich im Berlin der Weimarer Republik rasch einen Namen. Laserstein beteiligte sich an zahlreichen Ausstellungen und Wettbewerben, eröffnete eine Malschule und erhielt viel Lob von der Kunstkritik.

Stil Ihre frühen Werke knüpfen an den Spätimpressionismus des 19. Jahrhunderts an, erläutert der Kurator Alexander Eiling. Aber bald findet Laserstein zu einem eigenen Stil. Als eine der ersten Künstlerinnen malt sie Akte, aber nicht mit »der Kühle und dem Hauch von Prostitution wie die männlichen Maler der Zeit«, sagt Eiling. Ihr Lieblingsmodell, ihre Freundin Gertrud Rose, habe den Typ der »Neuen Frau« verkörpert: Kurzhaarschnitt, athletischer Körper, androgyne Erscheinung, emanzipiertes Auftreten.

Genauso stellt Laserstein ihre Freundin »Traute« etwa als Tennisspielerin (1929) dar. Ihr vertrautes Miteinander dokumentiert Laserstein, indem sie sich häufig neben das Modell in das Bild hineinmalt, so etwa in Ich und mein Modell (1929/30). Der von ihr selbst als Meisterwerk betrachtete Abend über Potsdam (1930), den Demandt für die Berliner Nationalgalerie ersteigern ließ und der in der Schau zu sehen ist, könne als die zentrale Vorankündigung des nationalsozialistischen Unheils durch die deutsche Kunst verstanden werden, sagt der Museumsdirektor.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten unterbrach Lasersteins Karriere. Die Malerin, die zwar christlich getauft war, doch aufgrund ihrer Großeltern als jüdisch deklariert wurde, wurde zunehmend aus dem öffentlichen Kulturbetrieb ausgeschlossen. 1937 gelang es ihr, im Zuge einer Ausstellung nach Schweden zu emigrieren, wo sie sich eine neue Existenz als Künstlerin aufbaute.

Abgeschnitten von der internationalen Kunstszene geriet ihr Werk jedoch weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung. Sie starb am 21. Januar 1993 im Alter von 94 Jahren im schwedischen Kalmar.

Die Ausstellung ist im Anschluss an das Städel, ergänzt durch weitere Werke, in der Berlinischen Galerie zu sehen.

www.staedelmuseum.de

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