Oper

Carmen von Masada

Die Rolle ihres Lebens: Na’ama Goldman als Carmen in einer Inszenierung der Oper von 2016 Foto: Miguel Barreto

Mit leichtfüßigen, fast unauffälligen Schritten betritt Na’ama Goldman das Restaurant in Berlin‐Charlottenburg. Als Erstes berichtet die 33‐jährige Mezzosopranistin über ihren frisch erhaltenen deutschen Aufenthaltstitel als Künstlerin.

Bei den Behörden habe alles prima geklappt, freut sich die Israelin. So unaufgeregt, fast trivial, fängt sie das Gespräch an, nicht ganz passend zum Klischee der leidenschaftlichen Operndiva, und vor allem gar nicht im Einklang mit ihrer reifen, starken Carmen‐Darstellung. Die Rolle spielte sie mehrmals in den letzten Jahren in der ganzen Welt, vor Kurzem wieder in ihrer Heimat, in der Israeli Opera, mit großem Erfolg.

»Mein Vorname Na’ama bedeutet ›die Liebliche‹ auf Hebräisch«, betont sie. Dazu passt ihr zartes Outfit: unauffälliges Make‐up, filigrane Ringe, schlichte Halskette, ein Kleid in Beige‐ und Rosé‐Tönen, eine jugendliche, ätherische Taille. Doch ihre schwarze Mähne, ihr beeindruckend großzügiger Mund und besonders ihr intensiver Blick verraten, dass diese Frau zu mehr als schwereloser Lieblichkeit berufen ist.

durchbruch Daher war es kein Zufall, dass es die feurige Carmen von Bizet war, die ihrer Karriere vor sechs Jahren den internationalen Durchbruch ermöglichte. Wenn sie heute davon erzählt, verlässt sie den zärtlichen Modus und fängt an zu funken, als wäre das damalige innere Beben plötzlich zurück. »Eigentlich stehe ich immer noch unter dem Schock von dem, was beim Masada‐Festival geschah«, sagt sie. Das Datum 6. Juni 2012 werde sie nie wieder vergessen.

Von dem Augenblick an, als sie die Bühne im Freien in der Wüste betrat, vor den 7500 Menschen und der Presse aus der ganzen Welt – da seien allerdings ihre Erinnerungen einfach verschwunden. Nur wenige Sekunden des Abends blieben ihr im Gedächtnis. Ein Bekannter erzählte ihr hinterher, er habe sie an dem Abend umarmt, aber davon wisse sie auch nichts mehr.

Das Datum 6. Juni 2012 werde sie nie wieder vergessen.

Das Unfassbare an diesem Abend: Sie hatte erst wenige Tage zuvor angefangen, die Rolle zu lernen. Geplant war, dass sie als Ersatz‐Carmen einspringt, falls die beiden ersten Carmens versagen sollten. Absolut unwahrscheinlich, aber genau das geschah – und sogar zweimal. Zum ersten Mal bei der Generalprobe. Die erste Darstellerin verletzte sich, die zweite erkrankte und musste sich schonen. »Ich hatte keine einzige Probe gemacht, weder mit dem Regisseur noch mit dem Dirigenten gearbeitet, ich hatte keine Ahnung von der ganzen Inszenierung!«, schildert Na’ama ihre erste Tour de Force. Immerhin war es nicht die große Première.

Première Richtig verrückt spielte das Schicksal, als es sie zum zweiten Mal, direkt bei der Première am nächsten Abend, zu so einem Kraftakt herausforderte. Im ersten Teil saß Na’ama im Publikum und zitterte vor Angst, weil sie gleich erkannte, dass die Stimme der zweiten Carmen der sandigen, trockenen Wüstenluft nicht lange standhalten würde. »Ich habe gebetet, dass ich erst nach der Pause auf die Bühne muss, denn ich beherrschte den zweiten Teil viel besser.«

»Was beim Masada‐Festival geschah, ist bis heute für mich ein Schock.« Na’ama Goldman

Notfall Nummer zwei: Goldman sprang wieder ein. Die Pause musste verlängert werden – »wegen Last‐Minute‐Schminke und Last‐Minute‐Alles«. Der Mut, den sie dann aufbringen musste, passte, findet sie, gut zur historischen Symbolik der Festung Masada direkt hinter der Bühne. Dort, am Südwestende des Toten Meeres, nahmen sich im Jahr 74 n.d.Z. fast 1000 Juden das Leben. Das war ihnen lieber, als in die Hände ihrer römischen Belagerer zu fallen.

»Meine Seele hat meinen Körper verlassen« – so erklärt Na’ama ihren Ausnahmezustand auf der Bühne. »Es war eine magische, mystische Schicksalswende. Es war größer als ich«, setzt sie fort und breitet dabei ihre Arme in runden Bewegungen aus. »Es ist Wahnsinn, aber ich sage die Wahrheit: Ich konnte meinen Körper von außen sehen. Am nächsten Morgen berichteten Zeitungen, ich hätte die Situation gerettet! Es gebe auch Talente hier zu Hause in Israel – wir müssten nicht Sängerinnen aus der ganzen Welt herholen!«

LAMPENFIEBER Den Hals‐über‐Kopf‐Auftritt meisterte die damals 27‐Jährige vermutlich deswegen so gut, weil Lampenfieber für sie nichts Neues war. Als junge Pianistin hatte sie im Alter zwischen fünf und 18 ständig mit heftiger Bühnenangst zu kämpfen. Zum Gesang kam sie erst in einer leeren Lebensphase, eher zufällig, als sie mehrere Monate auf den Beginn ihres Wehrdienstes warten musste. Das Frauenorchester ihrer Universität nahm sie unter der Bedingung auf, regelmäßig Gesangsunterricht zu nehmen.

Das tat sie und stellte fest: »Wow, I really like this!« Bei ihren Auftritten als Sängerin war Lampenfieber plötzlich kein Thema mehr. »Singen ist das Natürlichste, was ich tun kann.« Das Klavier sei außerhalb von ihr gewesen, ihre Stimme hingegen in ihr, sie fühle sich daher viel sicherer. Sie entdeckte nicht nur das Singen als ihren »prädes­tinierten Weg«, sondern auch die Oper: »Sie macht süchtig, es ist meine Droge.« Sie liebt eine solche Form des künstlerischen Ausdrucks, bei dem sie gleichzeitig singt und schauspielert.

Wenige Jahre später stellte das Publikum von Masada fest, dass sie es grandios kann – auch in einer extremen Stresssituation. Damals studierte sie noch am »Studio«, einem renommierten Programm für junge Talente an der Israeli Opera. Auch wenn Zeitungen von ihrer heldenhaften Leistung schwärmten – Goldman musste ihre Freunde enttäuschen, als sie fragten, ob die Mailänder Scala oder die Metropolitan Opera in New York »sie mit einem Auftrag am Telefon nicht gleich am nächsten Tag aus dem Schlaf geholt hätten«.

Weitere Hauptrollen übernahm sie in Belgien, Österreich, Irland, Südkorea und Australien.

Nach der berauschenden Explosion kam der nüchterne Alltag zurück. Es folgten Jahre des intensiven Studiums, zahlreiche Termine zum Vorsingen und dann bald die besten Rollen an der Israeli Opera, die Auswahl des richtigen Agenten, Reisen um die Welt. »Langsam, langsam« erreichte sie vieles von dem, was sie sich erträumt hatte. Als Carmen trat sie in sechs verschiedenen Opernhäusern in Spanien, Italien und Großbritannien auf. Weitere Hauptrollen übernahm sie in Belgien, Österreich, Irland, Südkorea und Australien.

Ihr Masada‐Abenteuer verewigte der israelische Schriftsteller Abraham B. Jehoschua in seinem Roman The Extra im Jahr 2016, allerdings mit fiktivem Namen. Im Hintergrund der Sorgen der Hauptfiguren wird der Wüstenauftritt der dritten, überraschenden Carmen nur kurz eingeblendet – aber er strahlt stark aus. Seitdem besucht Jehoschua Goldman öfter nach Konzerten hinter der Bühne.

Ihre zurückliegenden Lebensjahre fasst Goldman mit »Ich und mein Koffer unterwegs« zusammen. 2015 hat sie deswegen ihre Wohnung in Tel Aviv aufgegeben, sie war fast nie dort. Sie gibt sich noch mindestens zehn Jahre, um den Höhepunkt ihrer Karriere zu erreichen. Als neue Herausforderung will sie sich den deutschen Markt erschließen. Damit meint sie mehr als Marketing: Sie möchte Berlin zu ihrem neuen Zuhause machen. Offiziell wohnt sie seit Juni 2018 in der Hauptstadt mit den vielen Opernhäusern und einem Publikum, »das offen für die experimentierfreudige Oper ist«. Deutschland ist für sie ein Land, in dem Musik und Künste noch wichtig sind. Hier erwarte man von der Oper, dass sie Grenzen überschreitet, modern ist – weit weg von einer traditionellen Oper, die ständig dasselbe wiederholt.

SHOWBUSINESS Genau das passt zu Goldman, die Opern als genauso aufregend wie das sonstige Showbusiness betrachtet. »Auch wir haben spannendes Gossip über Sänger und Regisseure. Jede neue Inszenierung flößt den Figuren, den Kostümen, den Dekoren neues Leben ein. Wie kann man behaupten, die Opernszene sei alt und bald tot? Sie ist so lebendig!« Außerdem sei Berlin mit zwei Flughäfen, dem angenehmen Alltag und seinen guten Zügen »ganz pragmatisch gesehen die richtige Wahl«. Hier fühlt sich Goldman zentral und wohl, um der ganzen Welt gegenüber »flexibel zu bleiben«.

Familiär ist sie in der Hauptstadt mit zwei Großcousinen schon gebunden. Eine eigene Wohnung hat Goldman allerdings noch nicht. Denn nach wenigen Wochen Pause kommt immer der nächste Auftrag, der sie ins Ausland ruft. Stück für Stück will sie in Berlin wirklich einziehen. »Schließlich bin ich eine Goldman«, sagt sie und erwähnt ihren Urgroßvater Mordechai Goldmann, dem 1938 noch knapp die Flucht vor den Nazis gelang. Er hatte eine Fabrik für Ballschuhe und verlor sein ganzes Vermögen.

In Berlin kommt Na’ama zu sich,
bevor sie in eine neue Rolle schlüpft.

Im vergangenen Juni verbrachte Na’ama Goldman zwei Wochen nonstop in Berlin, saß in Kaffeehäusern in Prenzlauer Berg, besuchte Freunde bei ihren Konzerten, feierte ihren Geburtstag. Sie genoss es, »einfach da zu sein«, und entdeckte, dass viele israelische Freunde sich schon vor ihr für diese hippe Stadt entschieden haben. Hier kommt sie zu sich, bevor sie in eine neue Rolle schlüpft. In den Probephasen wird auch ihr Privatleben von den Figuren stark geprägt, die sie gerade auf der Bühne verkörpert. Mal läuft sie auf ihrem Weg nach Hause breitbeinig hin und her wie der Junge, den sie gerade spielt. Mal wird sie durch die Psychologie der Salome von Oscar Wilde tief aufgewühlt, mal geht sie durch eine fröhliche Phase dank der Arbeit an einer Oper von Rossini.

Mitten in den großen Wellen der Operngefühle spielen Goldmans Eltern und ihre beiden Brüder eine wichtige Rolle. Mutter und Vater folgen ihr oft auf ihren Tourneen und übernachten in ihrem Hotel oder in ihrer temporären Wohnung. »Ich bin so traurig, dass ich euch verlassen habe«, sagt sie ihnen. Sie antworten: »Quatsch! Wir sind so glücklich, dass wir dank dir so viele schöne Urlaube weltweit erleben.« Ihre Mutter sang jahrelang in Chören und arbeitet in der Musikverwaltung, seit einigen Jahren für den Chor der Israeli Opera.

FAMILIE Als Familienmensch hat Goldman genug Erdung, um sich dem Fulminanten der Oper ganz und gar hinzugeben, ohne sich emotional zu verlieren. Nun kommt die Mezzosopranistin mit großem Ehrgeiz nach Berlin. »Ta‐ta‐ta«, lässt sie ihre sonore Stimme selbstironisch fröhlich im Raum hallen. »Ich bin Jüdin«, sagt sie, »aber in meinem Herzen ist das Judentum eher wie eine Nation, nicht wie eine Religion.« Sie schwärmt von Tel Aviv, »der besten Stadt der Welt«. »It’s fun there«, sagt sie mit leuchtenden Augen. Aber sie ist ganz zuversichtlich, dass es ihr auch in Berlin Spaß machen wird.

Der Vorrat an Halsbonbons darf niemals ausgehen.

Eine Diva mit exzentrischen Allüren ist Goldman ganz sicher nicht. Dennoch betont sie deutlich, dass es einige Dinge gibt, bei denen sie sehr empfindlich reagiert. Zum Beispiel, wenn ihr Vorrat an Halsbonbons in ihrer kleinen Handtasche zu Ende geht. Außerdem ergreift sie vor jedem Menschen mit Erkältung die Flucht. Darüber hinaus gibt es eine Sache, die sie im Leben partout nicht erträgt: Politik.

Und nicht zuletzt gibt es einige Feinheiten an ihrem Namen, die ihr sehr am Herzen liegen: der Apostroph in Na’ama und das einzige »n« in Goldman. Denn ihr Großvater hatte auf das doppelte »n« ganz bewusst verzichtet, um seine Distanz zu Deutschland zu signalisieren. Was für ein Geschenk, dass Na’ama Goldman nun darauf erpicht ist, Berlin zu erobern.

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