Rechtsextremismus

Braune Musik verbreitet Hass: Rechtsrock in Deutschland

Ein Anhänger der Band »Stahlgewitter« bei einer NPD-Demo Foto: picture alliance / dpa

Musik der extremen Rechten kommt nicht nur brachial, sondern auch ganz lieblich mit gezupfter Wandergitarre daher. »Wir werden immer mehr, und setzen uns zur Wehr«, singt die Pfälzer Liedermacherin »Julia Juls« in ihrem Song »Kommt raus, kommt raus«. Es geht gegen die Politiker, die angeblich das Land »verraten«, gegen Migranten, gegen alle, die nicht »das Volk« sind. Und immer wieder im Refrain: »Wir kämpfen für unser Land. Hand in Hand für den Widerstand.«

Rechtsextreme Musik - oft »Rechtsrock« genannt - habe Konjunktur in Deutschland, sagt der Mainzer Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs. Die Musik mit verschiedenen Stilformen von Heavy Metal über Rap bis zu Liedermachern diene der Selbstvergewisserung und Vernetzung der rechten Szene in Deutschland und in ganz Europa. Ihre Urheber wollten mit rassistischen und fremdenfeindlichen Texten die Menschen zum Hass aufstacheln, sagt der Rechtsrock-Experte. »Flak«, »Arisches Blut« oder »Stahlgewitter« heißen die Bands, die gegen Demokratie und Vielfalt schießen und von einer starken Nation und der Herrschaft einer »weißen Rasse« träumen.

Dem Verfassungsschutz waren im vergangenen Jahr rund 130 aktive rechtsextreme Musikgruppen und etwa 60 rechtsextreme Liedermacher oder Solointerpreten bekannt, wie es in der Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Kleine Anfrage von Abgeordneten der Linken heißt. Obwohl es seit Jahren weniger Konzerte dieser Art in Deutschland gebe (2019: 64 Konzerte, 2023: 39), seien rechtsextreme Bands weiter in großer Zahl aktiv und veröffentlichten zwischen 80 und 100 Tonträger jährlich. Die Zahl einschlägiger Musiklabels und -vertriebe sei in den vergangenen Jahren allerdings kontinuierlich auf 40 gesunken.

Anzahl einschlägiger Musiklabels und -vertriebe sei in den vergangenen Jahren auf 40 gesunken

Musikwissenschaftler Hindrichs fordert, dass die Sicherheitskräfte mehr Druck auf die Szene ausüben und die Medien das »oft verharmloste oder nicht gesehene« Problem des Rechtsrocks stärker thematisieren müssten. Auch die AfD setze auf rechtsextreme Musik, um ihre politischen Ziele zu erreichen. Die Aktivistin Julia Götz mit dem Künstlernamen »Julia Juls« sang 2024 beim Neujahrsempfang des AfD-Kreisverbands im südpfälzischen Offenbach an der Queich. Der Verfassungsschutz ordnet sie der Rechtsrock-Szene zu.

Ein Sprecher des rheinland-pfälzischen AfD-Landesverbands in Mainz betont hingegen, dass nach »hiesigem Kenntnis- und Bewertungsstand« die Liedermacherin »nicht rechtsextrem« sei. Stil und Inhalt des damaligen Auftritts seien »gänzlich unproblematisch« gewesen.

Rechtsextreme Musik, die in ihren Texten Gewalt verherrliche, Menschen herabwürdige und auch das demokratische System abschaffen wolle, stelle eine Gefahr für die innere Sicherheit Deutschlands dar, warnen Sprecher der Innenministerien in Rheinland-Pfalz und Hessen.

Rechtsrock als »Türöffner« zu einer rechtsextremistischen Ideologie

Rechtsrock fungiere als »Türöffner« für junge Menschen und unpolitische Personen hin zu einer rechtsextremistischen Ideologie. Die Sicherheitsbehörden gingen mit dem Verbot von Konzerten, der Konfiszierung von Tonträgern, aber auch präventiver Informationsarbeit bei Jugendlichen gegen die rechte Musikszene vor.

Als eine »Katastrophe« bezeichnet es Nicholas Müller, Sänger und Songschreiber der Band »Jupiter Jones«, dass rechtsextreme Musik in Deutschland bei vielen Menschen »salonfähig« geworden sei. Es gebe keinen gesellschaftlichen Konsens mehr, dass man Rechtsrock und dessen menschenverachtende Weltsicht ablehne. Bei Partys und Festen werde die braune Musik gespielt, sagt Müller. Er unterrichtet auch an der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim das Fach Songwriting.

Rechtsrock spreche mit einfachen Melodien und Bildern Gefühle von Menschen an, die sich benachteiligt oder abgehängt fühlten, sagt er. Rechtsrock sei häufig »in Verkleidung unterwegs«, die Musiker versicherten, mit Neonazis nichts zu tun zu haben. Das Publikum sitze den Lügen auf, »es dringt da nicht durch«, sagt Müller. Kaum möglich sei es, in einen Dialog mit Rechtsrock-Musikern und deren Fans zu kommen.

Der Verkauf von Tonträgern über das Internet habe den Rechtsrock stark vorangebracht. In der Gewaltbereitschaft der Szene sieht Müller eine große Gefahr: Kritiker würden auch körperlich bedroht oder angegriffen. Musikerinnen und Musiker müssten daher zusammenzustehen: »In Zeiten wie diesen muss man Haltung zeigen.«

Köln/Hamburg/Leipzig

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