Sprachinsel

Borech habo in Schopfloch

Scholem alechem und borech habo, kan in der kal medine», sagt Hans-Rainer Hofmann und übersetzt sogleich: «Grüß Gott und willkommen, hier in der Gemeinde Schopfloch.» Schopfloch ist ein Marktflecken in Mittelfranken, in dem die Bewohner heute noch immer Hebraismen ihrer einstigen jüdischen Nachbarn in der Umgangssprache benutzen. Dass das Phänomen einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde, ist Hans-Rainer Hofmann zu verdanken.

Als der Ansbacher Politiker 1978 Bürgermeister des 3000-Einwohner-Ortes wurde (und es ein Vierteljahrhundert lang blieb), wunderte er sich, dass er kaum etwas verstand, wenn er den Gesprächen der Einheimischen im Wirtshaus lauschte. Heute, als Ruheständler und wieder in Ansbach lebend, ist Hofmann Lachoudisch-Experte. Denn das war es, was die Leute in Schopfloch untereinander sprachen. Lachoudisch (von «leschon hakodesch» – heilige Sprache) ist eine Mischung aus Hebräisch, Rotwelsch und eigenen Wortschöpfungen.

viehhändler Wenn ein Schopflocher sagte: «Am schomamajem nefiches joum halchen ani ins jaroke», dann bedeutete das: «Am Himmelfahrtstag geh ich ins Grüne.» Hofmann begann die Worte und Redewendungen aufzuschreiben, zog von Haus zu Haus, befragte die alten Bauern und ließ sich die deutsche Bedeutung der Begriffe erklären – es sind mehrere Tausend. Nach 20-jährigem Sammeln gab der Hobbysprachforscher ein Wörterbuch heraus, das auf der Arbeit eines früheren Lehrers, Karl Philipp, aufbaut.

Dabei beschäftigte Hofmann sich natürlich auch mit der Geschichte der Schopflocher Juden. 1833 hatte es nachweislich schon 322 Juden im Ort gegeben, 1925 war ein Drittel der damals 1500 Einwohner Juden. Die meisten waren Viehhändler. Juden sind in Schopfloch seit dem 14. Jahrhundert nachweisbar, die jüdische Gemeinde existierte mindestens seit dem 16. Jahrhundert – bis 1938. Damals wurde die Synagoge zerstört. Die meisten Schopflocher Juden konnten noch auswandern – wie Hans Rosenfeld, der mit seiner Familie, die seit Generationen eine Strickerei in Schopfloch besaß, 1937 nach Argentinien floh und der den Ort und den alten jüdischen Friedhof bis heute regelmäßig besucht.

Für das Entstehen der lachoudischen Sprachinsel und für den Erhalt der Sprache über so lange Zeit gibt es verschiedene Gründe, vermutet Hofmann. Zum einen war Schopfloch die einzige Viehhändlersiedlung weit und breit und der einzige Ort in der Nähe, in dem Juden lebten (die außerhalb der Städte wohnen mussten). Ihre christlichen Mittelsmänner, die «Schmuser», die am Schabbat für sie die Geschäfte führten, übernahmen mehr und mehr Begriffe von ihnen und unterhielten sich in diesem Mix auch untereinander, wenn andere nichts verstehen sollten.

Idiom Die meisten (christlichen) Schopflocher waren Maurer und Steinmetze und arbeiteten außerhalb, beispielsweise in Nürnberg. Dort blieben sie unter sich, hielten sich separat von Fremden, saßen auch im Wirtshaus zusammen und sprachen ihr Idiom, das außer ihnen niemand verstand. Zudem sei der Ort früher eine einsame SPD-Hochburg gewesen (hier wurde 1904 der erste SPD-Bürgermeister Bayerns gewählt), habe nicht für Hitler gestimmt und war evangelisch, während die Nachbarorte katholisch waren.

«Da hat man nicht hingeheiratet ...», sagt Hofmann, und so blieben die Schopflocher auch mit der Sprache unter sich. Wenn ein Bewohner des Ortes nach Hause zurückkam, dann in die «Medine», die hier, wie wir es aus dem Hebräischen und Jiddischen kennen, die Bedeutung von Heimat, Gegend, Ort oder Land hat. Wanderte einer nach Amerika aus, ging er im Lachoudischen «uebers Jomm», «übers Meer».

Dass von Juden benutzte Worte über die Kontakte mit Händlern, Metzgern und anderen in den allgemeinen Sprachgebrauch eingingen und weitergegeben wurden, gibt es natürlich auch in anderen ländlichen Gegenden, jedoch kaum irgendwo derart konzentriert wie in Schopfloch. Hier wurde auf Lachoudisch gezählt – olf/echod, bejs, gimel, dolet, jej, fouf, sojn, kess, tess, jus –, die Monate hießen Adar, Kislev, Elulli und so weiter, die Wochentage Joum Alef, Joum Bejs, Joum Gimml et cetera, die Farben sind adom, jarok, kachol, chum, schachor oder zahov.

15o bis 200 lachoudische Wörter sind immer noch in Gebrauch. Bis heute lernen Kinder einzelne Begriffe von ihren Eltern und Großeltern, sagt Hofmann, der mit Unterricht und Vorträgen viel dafür tut, dass es so bleibt. Sogar die örtliche Fastnachtsgesellschaft heißt bis heute «Medine» und hat die Pflege des Lachoudischen in ihren Statuten verankert.

Lachoudisch – Eine kleine Beispielliste

achile, achle = essen
Baleboste = Hausfrau
Duches = Gesäß
Eijze, Mekadesch = Rat
Geschem = Regen
hajoum = heute
Kasche = Problem
Oberkuechem = Besserwisser
Laechem = Brot
Majem = Wasser
Mizwefresser = Überfrommer
Niele, Soff = Ende (soffsoff = endlich)
Ponem = Aussehen, Gesicht
Rojn! = Schau!
Schliach = Bote
uebers Jomm = Amerika
Tarnegoule = Huhn

aus: Hans-Rainer Hofmann: «Lachoudisch sprechen. Sprache zwischen Gegenwart und Vergangenheit». Wenng, Dinkelsbühl 1998, 104 S.

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« geplant

Theaterleute wollen sich gemeinsam gegen Judenhass im Kontext Bühne stellen. Dazu planen sie die Gründung einer neuen Initiative in Augsburg. Beteiligt sind auch Akteure aus anderen Teilen Deutschlands

von Christopher Beschnitt  23.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026

Mel Brooks

Entertainer mit Panikattacken

Eine HBO-Doku beleuchtet auch weniger bekannte Seiten des legendären Regisseurs und Komikers

von Ralf Balke  23.04.2026

Gastbeitrag

Anne Frank mit Kufiya: Ein Fall für die Justiz

Der grassierende israelbezogene Antisemitismus stellt die deutsche Justiz vor große Herausforderungen. Das zeigt sich besonders am Umgang mit dem Bild »Anne«, das die Schoa instrumentalisiert

von Susanne Krause-Hinrichs  23.04.2026

Runder Geburtstag

Star-Dirigent mit Herz und Verstand: Zubin Mehta wird 90

Ihm wird eine besonders gute Menschenkenntnis nachgesagt, Kolleginnen und Kollegen betonen seine Herzlichkeit und Zugewandtheit. Auch im hohen Alter tritt er noch auf

von Katharina Rögner  23.04.2026

Meinung

Die Eurovision gehört der Musik

Abermals wird der Ausschluss Israels von dem Musikwettbewerb gefordert. Doch das liefe auf eine Untergrabung des Formats hinaus, das so zum politischen Instrument verkommen würde

von Nicole Dreyfus  22.04.2026

Programm

Chassidischer Workshop, uralter Blockbuster und eine vergessene Heldin: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. April bis zum 30. April

 22.04.2026

Zahl der Woche

2010

Funfacts & Wissenswertes

 21.04.2026

Theater

Eine Party der perfidesten Art

Simone Blattner inszeniert in Weimar den subversiv-doppelbödigen Text »Rechnitz (Der Würgeengel)« von Elfriede Jelinek

von Joachim Lange  21.04.2026